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»Wir sollten alle an einem Strang ziehen«

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Der Jugendchor von St. Marien in Greiz unter Leitung von Ralf Stiller trug zwei Chorstücke von Johann Walter vor. (Fotos: Meister)
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Die Bischofswieser Alphornbläser begrüßten die Festgäste zum geselligen Teil.
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Der Schlossplatz war schon für die Feierlichkeit zum Jubiläum vorbereitet – leider war er aber auch pitschnass vom Regen.

Berchtesgaden – Die »Confessio Augustana« aus dem Jahre 1530 war der letzte ernsthafte Versuch, die Einheit von Kirche und Reich zu retten; er scheiterte.


Am 487. Geburtstag der Augsburger Konfession feierte die evangelische Gemeinde des Berchtesgadener Landes 500 Jahre Reformation, die ja mit dem sogenannten Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg im Jahre 1517 begonnen hatte. Mit einem bunten Festzug zum Festgottesdienst am Schlossplatz sollte der Tag eingeläutet werden. Indes hatte der »Wettergott« kein Einsehen mit dem Feierwillen der evangelischen Berchtesgadener Christen und ließ es bereits am Vormittag unbarmherzig dauerregnen. So wurde der Festgottesdienst, an dem auch viele Gläubige aus der katholischen Gemeinde teilnahmen, kurzerhand in die St. Andreas-Kirche verlegt, die dann auch, mindestens im Parterre bis auf den letzten Platz gefüllt war.

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Die vom Augsburger Rathausplatz vom Fernsehen übertragene groß angelegte Feierstunde zur »Confessio Augustana« übrigens wurde ebenfalls stark vom Regen beeinträchtigt und hatte längst nicht die Kulisse, wie sie »im Trockenen« wohl hätte sein können. In der Berchtesgadener Pfarrkirche war es trocken, wenn die Stimmung vermutlich auch eine andere war, als sie es auf dem Schlossplatz gewesen wäre. Hier tropfte derweil das gesammelte Wasser vom Baldachin des Kanzelpodestes und es bildeten sich Rinnsale auf den Sitzen der nun nicht genutzten Stühle.

In den Predigten von Dekan Thomas Frauenlob und Pfarrer Peter Schulz spielten die Gemeinsamkeiten beider Konfessionen wie die Taufe und die heilige Schrift eine wesentliche Rolle.

Christen haben »Berufung zum ewigen Leben«

»Hausherr« Frauenlob freute sich, dass die St. Andreas-Kirche Schauplatz der Gedenkfeier sein durfte. Wenn vor 500 Jahren Papst und Kardinäle besser zugehört, und die Landesfürsten nicht zuerst den persönlichen (auch finanziellen) Gewinn gesehen hätten, wäre aus dem jungen Wittenberger Professor Martin Luther ein Reformer geworden, aber kein Reformator, zitierte Pfarrer Frauenlob. So aber habe es die Spaltung bis in den letzten Winkel gegeben. Und Thomas Frauenlob war sich auch sicher, dass ein Gottesdienst zum Gedenken an die Reformation in einer katholischen Kirche vor einem halben Jahrhundert kaum möglich gewesen wäre.

Die Christen beider Konfessionen, sagte Pfarrer Thomas Frauenlob, hätten die Berufung zum Ewigen Leben. »Das eint uns. Wir können uns eigentlich konfessionelle Streitigkeiten gar nicht mehr leisten. Wir müssen zusammenhalten.« Er denke, so der Dekan, alle wären bereit dazu, an einem Strang zu ziehen.

Wie sein »Vorredner« kam auch Pfarrer Peter Schulz auf Franz von Assisi zu sprechen. Der habe seinerzeit die unbequeme Frage gestellt, ob die amtierende noch tatsächlich seine Kirche sei. Und sei deshalb angefeindet worden. Wie nach ihm Martin Luther. Kirchliche und weltliche Machthaber müssten diese Fragestellung aushalten und nicht den Verrat in Kauf nehmen, denn, wenn eine Kirche sich spalte, sehe er das als Verrat an.

Es gebe immer noch die Stimmen, die tönten, dass eine Kirche ständig reformiert werden müsse. Weil sie das, was sie für richtig hielten, gern zum Gemeingut erhoben sähen. Das, wozu Christen berufen sind, sollten sie in die Welt tragen: Das Evangelium, das Bekenntnis. Es gehe darum, dass man weitergebe, was man wisse. Glauben sei natürlich eine private Sache, die Religionen indes wären öffentlich.

An die katholischen Mitbrüder und Schwestern gewandt, bekannte Schulz: »Wir gehen mit Euch zusammen in die Zukunft, weil es gar nicht mehr anders geht und weil Jesus der Gleiche ist und der Heilige Geist ebenso.«

Musiker und Sänger aus München und Greiz

Der Festgottesdienst wurde musikalisch gestaltet vom Posaunenchor der St. Andreas-Kirche in München, der kräftig und einfühlsam auch die von der Gemeinde gesungenen Lieder begleitete.

Zwei besondere musikalische Farbtupfen setzte der Jugendchor von St. Marien in Greiz unter Leitung von Ralf Stiller. Die jungen Sänger aus Thüringen trugen zwei Chorstücke von Johann Walter vor, einem engen Mitarbeiter Luthers, dessen Melodien und Texte auch heute noch im Evangelischen Gesangbuch mehrfach enthalten sind. »Allein auf Gottes Wort – will ich mein Grund und Glauben bauen. Das soll mein Schatz sein ewiglich, dem ich allein will trauen« und »Nun bitten wir den Heiligen Geist, um den rechten Glauben allermeist«. Zwei Stücke, die fast passgenau auf die beiden Predigtteile abgestimmt schienen.

Zum lockeren Teil des Festtages ging es im losen Zug zum Kongresshaus. Und tatsächlich konnte man, wie lang geplant, den Kurgarten teilweise nutzen, da der Regen inzwischen nachgelassen hatte. Die Bischofswieser Alphornbläser begrüßten die Festgäste zum geselligen Teil. Zwischendurch ließen die jungen Trommler vom CJD-Asthmazentrum Buchenhöhe gekonnt Töne durch den Verbindungsbau und über die Kongresshaus-Terrasse schweben. An einem Stand des CJD konnte man sich über ein Lutherprojekt der Schüler informieren. Süßes und Herzhaftes lag bereit, es gab das besondere, eigens für diesen Tag vom Hofbrauhaus gebraute Berchtesgadener Reformationsbier mit Krug und Bierdeckel. Und wer wollte, konnte die theologische Diskussion in gemütlichem Ambiente fortführen. Beispielsweise die Frage, warum beim Festgottesdienst kein Abendmahl gereicht wurde. Weil man Rücksicht genommen hat, auf die katholischen Mitschwestern und -brüder, war die Antwort. Zwar müssen wir den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen, wie in St. Andreas mehrfach zu hören war. Aber es ist eben nicht gerade ein kurzer Weg. Dieter Meister