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So sieht der Windatlas für das Berchtesgadener Land aus. Blau bedeutet sehr niedrige Windgeschwindigkeiten, rot sehr hohe. (Repro und Foto: Thomas Jander)

Wo sollen im Landkreis die Windräder hin? – Neue Gesetzesvorgaben zwingen zum Handeln

Berchtesgadener Land – Nachdem der Regionale Planungsverband den Weg frei gemacht hat für eine Neubewertung der Windkraft in Südostbayern (wir berichteten), sind auch die Landkreise gefordert. Denn die Energiewende ist in diesem Bereich über das Prädikat »wünschenswert« hinaus: Aufgrund geänderter Bundesgesetze werden konkrete Anforderungen gestellt, die in den Regionen zu erfüllen sind. Bis zum Jahr 2027 muss jede Planungsregion 1,1 Prozent ihrer Fläche für die Windkraft zur Verfügung stellen, bis zum Jahr 2032 sogar 1,8 Prozent. 


Für das Berchtesgadener Land heruntergebrochen hieße das in Zahlen: Bis 2027 müssen rund fünf Quadratkilometer für Windräder her, bis 2032 sogar knapp neun Quadratkilometer. Das ist eine ziemliche Aufgabe für einen Landkreis, der bisher in der Regionalplanung fast vollständig »Ausschlussgebiet Windkraft« war. Das bedeutet, dass eine entsprechende Entwicklung bisher gar nicht zulässig war, jetzt aber kraftvoll angeschoben werden muss.

Wo weht genug Wind?

Zu beachten gibt es dabei einiges: Es müssen geeignete Flächen mit ausreichend hohen Windgeschwindigkeiten gefunden werden, entsprechende Grundstücke müssen auch zur Verfügung stehen oder erworben werden können, es braucht Investoren, Baurecht, Naturschutz und Immissionsschutz sind zu beachten und vieles mehr.

Schließlich wird es für viele Menschen um optische Aspekte gehen, denn moderne Windkraftanlagen sind groß, sehr sogar: 260 Meter Höhe bei einem Rotordurchmesser von 170 Metern. Im Betrieb braucht ein Windrad eine Fläche von rund 2500 Quadratmetern. Zum Vergleich: Der Kölner Dom ist 157 Meter hoch, der Eiffelturm in Paris 324 Meter. Mit alldem auseinander setzen muss sich unter anderem Landrat Bernhard Kern, der im Planungsausschuss der Region 18 – Südostoberbayern – ebenfalls für eine Fortschreibung der Regionalplanung in Sachen Windkraft gestimmt hat. Allerdings geht hier das Verfahren eigentlich erst los. Zwar wurde bereits in den 2017 erstellten Energienutzungsplan die Windkraft mit aufgenommen; allerdings war aufgrund der Vorgaben der Regionalplanung bisher keine Entwicklung möglich. »Wir kennen mögliche Standorte, die sind aber noch nicht dezidiert untersucht«, sagt der Landrat deswegen. Grobe Richtung: südlich der Autobahn A 8, allerdings auch aus dem etwas größeren Blickwinkel der Planungsregion 18, zu der auch die Landkreise Rosenheim und Traunstein gehören.

Mindestens einen Schritt weiter sind die Nachbarn eben dort. Traunsteins Landrat Siegfried Walch hat seinen Kreisausschuss schon vor Wochen über mögliche Standorte für Windräder informiert. Denn es wurde bereits eine eigene Energiepotenzialanalyse in Auftrag gegeben. Die ist zwar noch nicht vollständig fertig, erste Ergebnisse konnten allerdings schon vorgestellt werden. Die möglichen Flächen konzentrieren sich auf den mittleren und nördlichen Landkreis Traunstein. Allerdings müsse es noch standortspezifische Gutachten geben. Die dortige Verwaltung rechnet von den Windmessungen bis zur baulichen Fertigstellung mit einem Zeitraum von drei Jahren pro Windrad bei geschätzten Kosten von neun Millionen Euro.

Bernhard Kern und sein Klimaschutzmanager Manuel Münch wissen um den Vorsprung der Nachbarn: »Traunstein hatte in der bisherigen Regionalplanung schon Vorrangflächen für Windenergie ausgewiesen, das gab es bei uns nicht.« Allerdings ist auch die »natürliche« Ausgangssituation im Berchtesgadener Land eine andere; abgesehen von den Einschränkungen durch Nationalpark und Kategorisierungen im sogenannten Alpenplan sind auch die gemessenen Windgeschwindigkeiten in vielen Bereichen nicht so hoch. »Wir haben nicht die Möglichkeiten wie Traunstein, das Potenzial ist bei uns nicht ganz so groß«, erklärt der Landrat, der deswegen auf einen Energiemix setzen will, wenn es um die Abkehr von fossilen Brennstoffen geht. Trotzdem wird die Windenergie in die Fortschreibung des Energienutzungsplans im Landkreis aufgenommen, entsprechende Potenzialanalysen werden in Auftrag gegeben.

Einig sind sich Münch und Kern darin, dass eine Anpassung der Regionalplanung möglichst schnell über die Bühne gehen muss und nicht wieder Jahre dauern darf wie die letzte Fortschreibung. »Das ist sehr entschieden besprochen worden. Der Handlungsdruck ist da, wir müssen weiterkommen«, unterstreicht der Landrat seine Eindrücke von der Ausschusssitzung.

Die vom Gesetzgeber vorgegebenen Flächenzahlen für Windenergie beziehen sich zwar auf eine komplette Planungsregion, allerdings sollen die Zahlen auch in den Landkreisen erreicht werden. »Schwierig, aber machbar«, meint Münch dazu: »Es sollte unser Anspruch sein, diese Zahlen zu erreichen.«

Bürger sollen beteiligt werden

Auf dem Weg dahin sollen auch die Bürger mitgenommen werden, denn immerhin wird diese Ausprägung des Energiewandels eine weithin sichtbare sein. »Akzeptanz«, will Kern erreichen, sieht aber in der aktuellen Situation auch gleichzeitig einen Auftrag: »Die Bürger erwarten von uns, dass wir uns mit dem Thema befassen. Da müssen wir auch offen sein für alle Möglichkeiten.« Zwar ist die Frage nach möglichen Betreibern für solche Windkraftanlagen noch deutlich zu früh, aber auch da könnten die Bürger ins Spiel kommen, glaubt Manuel Münch: »Das ist nicht nur eine Chance für die heimische Wirtschaft, sondern auch ein wirtschaftlich interessanter Faktor für Bürgerkraftwerke.«

Windräder sind »unser Ziel«

Trotz aller Bemühungen, die nun für diese Aufgabe unternommen werden, ist es allerdings noch nicht sicher, dass wirklich auch Windräder im Berchtesgadener Land gebaut werden. »Ob es welche geben wird, kann man definitiv noch nicht sagen. Das müssen die Untersuchungen zeigen«, so der Landrat. Und Manuel Münch ergänzt: »Aber das ist unser Ziel.«

Thomas Jander