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Wolf, Milch und Mindestlohn

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»Ohne unsere Viecher geht es nicht«, weiß Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger. (Foto: Pfeiffer)

Bischofswiesen – Wenig Positives gab es am Freitagnachmittag bei der Almbauern- und Sennerinnenversammlung der Bezirksalmbauernschaft Berchtesgaden im Gasthaus »Brenner Bräu« in Bischofswiesen zu vermelden. Großes Kopfzerbrechen bereitet den Bauern derzeit der Milchpreis. Wohl auch, weil die hiesige Molkerei die Ankaufpreise für das Produkt nicht mehr halten kann. »Zurzeit sind Unmengen an Milch am Markt«, so Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger. Organisiert wurde die Versammlung gemeinsam mit dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein.


Finanziell war das vergangene Jahr kein rosiges. Die Ausgaben der Bezirksalmbauernschaft Berchtesgaden lagen um 400 Euro höher als die Einnahmen. Dennoch hat man aktuell 4 200 Euro auf der Seite. In seinem Rechenschaftsbericht ging Kaspar Stanggassinger zunächst auf die derzeitigen Milchpreise ein. Diese befänden sich im Keller. Nach der Öffnung des Marktes gebe es große Milchüberschüsse. »Lange Zeit hat unsere Molkerei den Preis halten können.« Nun müsse man sich der gegebenen Situation anpassen.

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Die Zukunft der Almlandwirtschaft sieht Stanggassinger weiterhin in der Rinderhaltung. »Ohne unsere Viecher geht es nicht.« Arbeitsintensiv sei die Arbeit, der Lohn gering. Und nun müsse man sich auch noch mit dem Mindestlohn herumschlagen, der die sowieso schon angespannte Situation nicht gerade einfacher gestalte. Der Wolf werde nach und nach immer mehr zum Problem, auch wenn er noch nicht in der Gegend angekommen sei. Aber die Bestände würden größer, vor allem im österreichischen Raum. Auch das Freihandelsabkommen brächte vor allem negative Entwicklungen mit sich: etwa gentechnische Pflanzen, die am Ende über Umwege wieder in der Milch landen könnten. Dies gelte es mit allen Mitteln zu vermeiden, verdeutlichte Kaspar Stanggassinger. »Ansonsten kommen billige, minderwertige Lebensmittel auf Deutschland zu.«

Molkerei unter Druck

Rolf Oehler, stellvertretender Behördenleiter und Bereichsleiter Landwirtschaft im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Traunstein, erkennt den zunehmenden Druck, unter dem die Molkerei in Piding aktuell steht. »Immer, wenn ich beim Einkaufen bin, ist die Schachtel mit unserer heimischen Butter recht voll, die Billigbutter wird aber stark nachgefragt.« 50 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe im Berchtesgadener Land hätten die Anbindehaltung, so Oehler. Dass sich Bayern als einziges Bundesland gegen ein Verbot der Anbindehaltung ausgesprochen hat, erachtet der stellvertretende Behördenleiter als gutes Zeichen. Aktuell gibt es im Landkreis 149 Ökobetriebe, im Landkreis Traunstein 318. Die Hauswirtschaftsschule in Laufen werde derzeit von 18 Männern und Frauen aus dem Berchtesgadener Land besucht. In Traunstein kommen von 20 Teilnehmern zwei aus Berchtesgaden. Im aktuellen Jahrgang stünden 24 Personen vor dem Abschluss, drei davon aus Berchtesgaden.

»Das Geld langt nicht«

Almfachberater Alfons Osenstätter vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein befürwortete die Tatsache, dass es noch immer Bergbauernprogramme gebe, die rein »bayerische Programme, ohne Mitmischung der Europäischen Union« seien. So ging er auch darauf ein, dass die Situation bei Fördergeldern keine einfache sei. Im Landkreis Berchtesgadener Land würden derzeit drei Kaserneubauten angestrebt, die mit der Förderhöchstsumme ausgestattet sind: »Die Fördergelder gehen sehr schnell weg«, sagte er. »Das Geld langt hinten und vorne nicht.« Vereinfacht habe sich hingegen eine Regelung hinsichtlich der Abstände von Ställen hin zur Wohnbebauung. Das komme den Landwirten entgegen. »Wenn das Luftgutachten wieder eingeführt wird, bräuchten bei uns viele Landwirte ein Gutachten. Ich hoffe auf eine Sonderregelung für Bayern«, so Osenstätter.

Dr. Fritz Gruber vom Veterinäramt widmete sich der Rinder-Tuberkulose, die in den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein zwar kein Thema sei. »Im Allgäu etwa ist sie aber stark verbreitet, im Garmischer Raum stellte man einige positiv getestete Hirsche fest und im Vorarlberger Raum müssen viele Rinder getötet werden.«

Vorsorglich seien kürzlich 50 Hirsche im Berchtesgadener Land auf Tuberkulose untersucht worden, da von einem Zusammenhang zwischen der Rinder- und der Hirsch-Tuberkulose ausgegangen werde. 2016 müssten weitere 10 Prozent aller Hirsche untersucht werden, des Weiteren sollen alle Milch gebenden Almrinder auf die Krankheit untersucht werden.

Blauzungenkrankheit auf dem Vormarsch

Hinsichtlich der Kälberanbindung informierte Gruber, dass Kontrollen stets angekündigt würden. »Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass wir auf angebundene Kälber stoßen.« Sei man als Landwirt einmal auffällig geworden, müsste man zukünftig mit regelmäßigen Kontrollen rechnen. Die Blauzungenkrankheit sei aktuell wieder auf dem Vormarsch, die Impfung aber umstritten. »Sollte die Blauzungenkrankheit wieder zurückkehren, bleibt die Impfung eine freiwillige Angelegenheit.« Derzeit gebe es keinen Impfstoff, da nur wenige Hersteller diesen überhaupt herstellten und erst abwarteten, wie groß eine eventuelle Nachfrage seitens der Zuchtverbände ausfalle.

Der stellvertretende Landrat Rudolf Schaupp überbrachte Grüße des Landrats Georg Grabner und lobte die hiesige Landwirtschaft, weil die Situation hinsichtlich ausbleibender Tiererkrankungen stabil sei. »Das ist euer Verdienst.« Die Molkerei Berchtesgadener Land habe »lange mitgehalten, aber die Gesamtsituation ist nun mal so, dass man sich dem Markt anpassen muss.« Man werde alles in der Macht Stehende unternehmen, um die Kulturlandschaft auch weiterhin bestmöglich zu erhalten.

Bürgermeister-Lob für die Landwirte

Bischofswiesens Bürgermeister Thomas Weber freute sich darüber, dass bayernweit noch immer 1 400 Landwirte Almen bewirtschaften. »Seit 40 Jahren wurde keine Alm aufgegeben – trotz schwieriger Verhältnisse.« Er lobte die Landwirte für deren Einsatz, »dass ihr euch den Herausforderungen stellt.« Vor 20 Jahren hätte niemand daran gedacht, mit welchen Themen sich heute ein Landwirt zu beschäftigen hat: Wolf, Mindestlohn und Kuhglockenlärm. Kilian Pfeiffer