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Wortgefecht zum Fichtenwald

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Baum des Anstoßes: Warum sind manche Fichten am Kniaschnaggla farbig markiert? (Foto: privat)

Bischofswiesen – Ist der Kampf gegen den Borkenkäfer nur ein Vorwand, den die Bayerischen Staatsforsten zur Gewinnmaximierung ins Feld führen? Und vernachlässigt der Forstbetrieb dafür den Arbeitsschutz? Diese Fragen treiben »Anzeiger«-Leser Dr. Michael Wittmann seit einer Wanderung auf den Untersberg um. Deshalb hat er Forstbetriebsleiter Dr. Daniel Müller einen Beschwerdebrief geschrieben. Und prompt eine Antwort erhalten. Sämtliche Schreiben liegen dem »Anzeiger« vor.


Es begann im August. Auf dem Almsteig von Hallthurm zum Zehnkaser am Untersberg, dem sogenannten Kniaschnaggla, wunderte sich Dr. Wittmann über vom Borkenkäfer befallene Fichten, die mit roter Leuchtfarbe markierte waren. »Ich fragte mich, unter welchem Risiko in diesem steilen Gelände, ohne schweres Gerät einsetzen zu können, die teilweise schräg stehenden Bäume bearbeitet werden sollen«, schreibt Dr. Wittmann. »Und ich fand es völlig unverständlich, wieso direkt am Weg Bäume wegen der Borkenkäfergefahr beseitigt werden müssen, wo doch an der unzugänglichen Westseite des Untersbergs unzählige solcher Fichten stehen oder liegen. Dort darf der Borkenkäfer sich dann vermehren, weil man ihn nicht erreichen kann?

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Waldarbeiter schwer verletzt

In diesem Zusammenhang zeigt sich Dr. Wittmann erschüttert von der Nachricht, dass am Untersberg ein Waldarbeiter schwer verletzt wurde. »Der aus ökologischer Sicht völlig unsinnige und dennoch aus Profitgründen geführte Kampf der Holzwirtschaft für die Fichtenmonokulturen und damit gegen die Käfer lässt viele Naturschützer schon lange resignieren«, so der Bischofswieser weiter.

Selbst im Nationalpark seien an die 2 000 Hektar als sogenannte Borkenkäfer-Bekämpfungszone ausgewiesen, um die angrenzenden »Fichten-Wirtschaftswälder« zu schützen. »Mit den Waldarbeiten am Kniaschnaggla wird somit nicht nur ein sinnloser Aktionismus gegen den Borkenkäfer vorgetäuscht, es werden dadurch Steuergelder verschwendet und es wird sogar Leib und Leben von Menschen aufs Spiel gesetzt«, so Dr. Wittmann. Und dann folgt sein herbes Fazit: »Unsinnig und gefährlich zusammen ergibt meines Erachtens nur eins: unverantwortbar.«

Wenig Verständnis für Dr. Wittmanns Einlassungen zeigt hingegen der Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden, Dr. Daniel Müller. Er stellt klar: »Die massenhafte Ausbreitung des Borkenkäfers muss bekämpft werden. Das ist unsere gesetzliche Pflicht. Würden wir ihr nicht nachkommen, würde die Aufsichtsbehörde einschreiten.« Dr. Müller weist darauf hin, dass man die Kernzone des Nationalparks – wo sich der Käfer unbegrenzt ausbreiten darf – nicht mit dem herkömmlichen Wald verwechseln dürfe. Zudem hätten die Bayerischen Staatsforsten den gesetzlichen Auftrag, den Schutzwald zu erhalten. Und das nicht nur am Weg beim Kniaschnaggla.

Vorwurf der Fichtenforcierung

Dem Vorwurf der Fichteforcierung aus Profitgründen widerspricht der Forstbetriebsleiter massiv. Genau das Gegenteil sei der Fall. »Die Walderneuerung ist erwünscht und wird umgesetzt«, betont Dr. Müller. Das Ziel sei ein gesunder Mischwald. Dabei gehe der Anteil der Fichte beständig zurück. Dafür würde beispielsweise die Verbreitung von Tanne und Buchen steigen. Sehr verärgert reagiert Dr. Müller auf den Vorwurf, er würde nicht ausreichend Wert auf die Arbeitssicherheit legen. »Ja, Waldarbeit ist gefährlich. Aber dieser Risiken sind sich die Bayerischen Staatsforsten bewusst«, stellt er klar. »Wir haben klare Unfallvermeidungsprinzipien, die nicht hinterfragt und auch nicht ignoriert werden dürfen. Weder von unseren eigenen, noch beauftragten Unternehmen«, so Dr. Müller. So gebe es regelmäßig Schulungen und Übungen, zum Beispiel mit den heimischen Bergwachten.

»Wir gehen ein Risiko nur dann ein, wenn es sinnvoll ist«, betont der Leiter des Forstbetriebs der Bayerischen Staatsforsten. So dürfe ein Baum nur dann umgeschnitten werden, wenn er sich nach fachlicher Einschätzung sicher zu Boden bringen lasse. Ist das nicht der Fall, werden sie mit farbigen Nummern markiert. Und genau hier ist der Knackpunkt. Laut Dr. Müller handelt es sich bei den Bäumen, die Dr. Wittmann fotografiert hat, um solche markierten Bäume, die stehen bleiben. Gerade deshalb, weil der Abtransport zu gefährlich wäre. Dem verletzten Waldarbeiter geht es laut Dr. Daniel Müller inzwischen wieder gut. Christian Fischer

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