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Zeichen geben von den Zünften

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Stolz und zufrieden über die gelungene Ausstellung sind (v.l.) Johannes Schöbinger, Friederike Reinbold, Irmgard Schöner-Lenz, Fritz Schelle, Linda Pfnür und Prof. Reinhold Reith. Fotos: Anzeiger/Merker
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Zwei Handwerksmeister begrüßen die Besucher am Eingang.

Berchtesgaden – »Das ehrsame Handwerk« heißt eine Sonderausstellung im Museum »Schloss Adelsheim«, die am Samstag eröffnet wurde. Sie zeigt die Geschichte der Zünfte in Berchtesgaden einst und jetzt. Ihre Bedeutung für Gesellschaft, Kultur und Brauchtum darf nicht unterschätzt werden. Zum ersten Mal werden in dieser Dichte die Zünfte und ihre Zunftzeichen dargestellt. Mitglieder der Zunft der Bergknappen umrahmten die Eröffnung musikalisch.


»Nur ehrsame und ehrliche Leute durften früher das Handwerk erlernen«, stellte Museumsleiterin Friederike Reinbold in ihrer Begrüßung fest. »Der Verein der Freunde des Heimatmuseums hat einen guten Titel für diese Sonderausstellung gewählt.« Ideengeberin war Linda Pfnür, die vor fünf Jahren die Ausstellung angeregt hatte. Der Vorstand des Vereins hat sehr viel Zeit, Kosten und Mühen aufgewandt, um die Geschichte der Berchtesgadener Zünfte darzustellen.

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Für Rudi Schaupp als Landratsstellvertreter ist diese Ausstellung sogar der Höhepunkt für dieses Jahr. »In einer noch nie da gewesenen Fülle und Vielfalt wird gezeigt, welche Regeln, Ziele und Verpflichtungen die Zünftler eingingen«, lobte er.

Vorläufer der Sozialversicherung

Schaupp erinnerte daran, dass neben Wettbewerbsbeschränkungen, wie man heute sagen würde, auch die soziale Versicherung in Notfällen Aufgabe der Zusammenschlüsse war. »So wie die Bruderlade im Salzbergwerk, ein Vorläufer der Sozialversicherung, wenn man so will.« Auch stand man als Zünftler in einer Brauchtumsverpflichtung zur Teilnahme am kirchlichen Leben.

Schaupp freue es, dass durch den Einsatz der Freunde des Heimatmuseums Leben in das Museum gebracht werde, und lobte die beispielhafte Zusammenarbeit. »Das trägt dazu bei, das Museum in eine gute Zukunft zu führen. Ich hoffe, dass die einheimische Bevölkerung diese Ausstellung zahlreich besucht.«

Als Referent für den Einführungsvortrag konnte Prof. Dr. Reinhold Reith vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Salzburg gewonnen werden. Reith stellte die Darstellung der Zünfte in der Geschichtsschreibung infrage.

Es werde bis heute in den Grundlagenwerken behauptet, dass die Zünfte technikfeindlich waren, die Märkte abgeschottet und zur sozialen Versteinerung beigetragen hätten. »Es wird ihnen Widerstand gegen Neuerungen und Ablehnung von Leistungsorientierung unterstellt, sagte er. Selbst der Sozialwissenschaftler Max Weber habe den Handwerkern vorgeworfen, nur nach Überlieferung zu arbeiten. Das hätte den Niedergang und eine Verflachung des Handwerks seit 1600 bedingt.

»Der Niedergang des Handwerks war scheinbar offensichtlich«, fasste der Historiker die durchaus gängige Auffassung seiner Kollegen zusammen. Doch werde übersehen, dass das Handwerk immer auch einem Veränderungsdruck ausgesetzt und durchaus anpassungsfähig war. »Allerdings muss man auch sagen, dass das Handwerk diesen angeblichen Niedergang gerne dazu benutzte, um Politik zu machen.« Dass das Handwerk heute ein wichtiger Wirtschaftszweig sei, das zeigten die Umsätze, darüber hinaus lieferten die Handwerksbetriebe viele Ausbildungsplätze. Von Verfall kann heute also nicht mehr die Rede sein, aber früher?

»Angesichts der ausgestellten Artefakte kann jeder selber die Frage beantworten, ob diese Ausdruck des Verfalls sind«, so Reith. Er musste zugeben, dass die Geschichtswissenschaft wenig Interesse an den Dingen selber, wie zum Beispiel Handwerkszeug, hatte. »Nach der Aufhebung der Zünfte 1868 gingen viele Zunftaltertümer verloren, doch einiges überlebte bei Meistern oder im kirchlichen Bereich, wie in Berchtesgaden in der Stiftskirche.«

Gebräuche der Zunftmitglieder

Diese geben Auskunft über die Gebräuche der Zunftmitglieder. Außerdem zeigen sie, dass die ihnen oft unterstellte beharrliche Traditionstreue und der starre Formalismus so nicht gültig sind. »Das Handwerk war viel lebendiger und pragmatischer, als die Geschichtsschreibung meint.« Seine Ausführungen schloss der Historiker mit dem Spruch des Meisters: »Also mit Gunst ich sage Dank von wegen des Handwerks.«

Ausstellungsmacher Fritz Schelle erläuterte anschließend kurz die Entstehung der Ausstellung. Nach seinem Konzept für die Ausstellung gefragt, meinte er nur lakonisch:« A schöne Ausstellung machen, das ist mein Konzept.« Der Verein wollte den reichhaltigen Fundus der Zunftzeichen präsentieren. »Noch nie waren sie in einer solchen Fülle zu sehen.«

Der Vorstand des Freundeskreises hat in einer über einjährigen intensiven Vorbereitungszeit die Ausstellung organisiert. »Ich selber bin jetzt seit April mit den Arbeiten an der Ausstellung beschäftigt.« Schelle schloss seine Ausführung mit einem Spruch, frei nach Karl Valentin: »Eine Ausstellung ist schön, macht aber viel Arbeit!«

»Ausstellung ist wichtig«

Schließlich hatte der dritte Bürgermeister Josef Wenig die Ehre, die Ausstellung zu eröffnen. »Da Kirche, Brauchtum und Kultur bei uns im Talkessel so eng verbunden sind, ist der Beitrag des Museums sehr wichtig. Daher wünsche ich der Ausstellung viele Besucher.« Christoph Merker