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Zeit des Wartens in der Stanggaß

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Der Maibaum steht, Applaus gibt es seitens der Bewohner – und ein Schlückchen antialkoholischen Sekt. Die Zuversicht, dass das Altenheim in der Stanggaß auch weiterhin Bestand haben wird, ist groß. (Foto: Pfeiffer)

Bischofswiesen – »Die Wartezeit hat nun ein Ende« singen die Bewohner des Altenheims St. Felicitas bei der Maifeier am Dienstag – in freudiger Erwartung des schönen Wetters. Ganz richtig ist das nicht. Denn über die Zukunft der Einrichtung wird erst später entschieden. Ende Mai. Bei den Bewohnern ist das Bangen groß.


Es gibt Sekt. Antialkoholischen. Wasser mit Holunderblütensirup – um genau zu sein. Das schmeckt den alten Leuten, die zahlreich in der Cafeteria erschienen sind. Bei Kaffee und Erdbeerkuchen wollen sie feiern, die verbliebenen Altenheimbewohner, die an diesem Tag gemeinsam beim Aufstellen des Maibaums dabei sind. Den Maibaum darf man sich nicht als wirklichen Baumstamm vorstellen, sondern als Miniaturversion dessen. Drei Meter hoch, geeignet zum Errichten in der Cafeteria. Der Applaus der Senioren ist groß, als die Minivariante reingetragen wird.

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Das Gemeinschaftsgefühl derer, die noch in St. Felicitas wohnen, ist groß. »Uns gibt es noch«, sagt eine, die Stimme gedrückt. Immerhin sind bereits 15 Bewohner ausgezogen, jetzt, wo die mögliche Schließung in greifbare Nähe rückt. »Die Angehörigen gehen auf Nummer sicher, die Ungewissheit treibt die Bewohner«, sagt Erika Sachsenröder. 15 von einst 50 sind schon weg, umgezogen in das Altenheim nach Berchtesgaden und nach Bischofswiesen in die Insula, die restlichen, die verblieben sind, wollen ausharren. So auch Josef Amort. Seit zehn Jahren wohnt er hier. »Ich möchte bleiben«, sagt er zuversichtlich. Er lebt gerne in der Stanggaß, hier geht es ihm gut – und das soll auch so bleiben. Deutlichere Worte findet Erika Sachsenröder, die vor einigen Jahren mit ihrem Mann in die Felicitas zog. Gemeinsam wohnten sie in einem Appartement. Der Ehemann wurde krank, sie pflegte ihn, bis er verstarb. Nun wohnt sie in einem kleineren Appartement, Watzmannblick inklusive. »Ich warte ab«, sagt sie. Von der Caritas aus München habe es seit Wochen keine Nachrichten gegeben. Wie es weitergeht? »Ich weiß es nicht.« Was sie weiß, ist, dass »die mich schon raustragen müssen, wenn die Felicitas geschlossen wird. Aber das werden sie ja bestimmt nicht machen«, hofft Sachsenröder.

Währenddessen singen die Heimbewohner gemeinsam Lieder, »Alle Vöglein sind schon da«, Gedichte werden vorgetragen, ein Heimbewohner fordert eine Mitarbeiterin zum Tanz unter dem aufgestellten Maibaum auf. Die Stimmung wirkt gelöst, doch die Leute haben mit der aktuellen Situation zu kämpfen, sagt Erika Sachsenröder: »Niemand möchte aus den eigenen vier Wänden raus.« Die Ungewissheit hat die Bewohner zusammenrücken lassen, bildlich gesprochen. Viele sind auf Hilfe angewiesen, das Sprechen fällt schwer, das Alter hat Spuren hinterlassen. Und trotzdem bleibt die Zuversicht.

Auch unter den Mitarbeitern. Gekündigt haben bislang nur zwei, gleich am Anfang, als bekannt wurde, dass eine Schließung der Einrichtung im Bereich des Möglichen liegt. »Alle anderen sind geblieben«, sagt Ilona Keye, stellvertretende Pflegedienstleiterin. Sie ist stolz auf das Team, dessen Zusammenhalt. »Wir vertrauen drauf, dass es weitergeht«, sagt sie. Kilian Pfeiffer