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Zurück in Haiti

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Marie-Josée Laguerre-Althaus kehrte nach 30 Jahren in Bayern nach Haiti zurück. Um dort den Ärmsten der Armen zu helfen. Foto: Anzeiger/Pfeiffer

Berchtesgaden – Das Erdbeben in Haiti hat alles verändert: Marie-Josée Laguerre-Althaus ist wieder dorthin zurückgekehrt und hat den Kampf ein weiteres Mal aufgenommen. »Ich bleibe bis zum Ende meines Lebens dort«, sagt jene Frau, die ursprünglich von dort kam, dann 30 Jahre in Bayern gelebt hatte. Hier hat sie geheiratet, drei Kinder aufgezogen. Das sichere Leben ließ sie kurz nach der Erdbebenkatastrophe aber wieder hinter sich. Um sich um die zu kümmern, die sowieso nichts haben. Die Spendenbereitschaft drei Jahre nach der Katastrophe? So schlecht wie noch nie.


Marie-Josée Laguerre-Althaus ist zuversichtlich. In Haiti ist jetzt ihr Lebensmittelpunkt. Hier hat sie den Grundstein für ihr weiteres Leben gelegt. Sie betreut unter anderem 110 Kinder in drei Heimen, vier Schulen mit über 1 000 Kindern. Eine Schulpflicht in Haiti gibt es nicht. Also müssen die Eltern der Kinder viel Geld zahlen, um einen Schulbesuch zu ermöglichen - oder auf Spenden hoffen. »25 Euro kostet die Ausbildung pro Monat«, sagt Laguerre-Althaus. Viel Geld angesichts der Tatsache, dass ein Durchschnittshaitianer mit knapp einem Dollar am Ende des Tages nach Hause geht.

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Laguerre-Althaus hat in Deutschland studiert, eine Familie gegründet. In der Bundesrepublik, in Bayern, war sie glücklich, hat einen großen Bekanntenkreis. Trotzdem entschied sie sich dafür, wieder nach Haiti zurückzukehren. Auslöser war das schwere Erdbeben, bei dem nach offiziellen Angaben über 316 000 Menschen ums Leben kamen. In einem Land, in dem das Leid, die Kriminalität und der Hunger sowieso zum Alltag gehören. »Und trotzdem lachen die Menschen bei uns, wenn sie auf die Straße gehen«, sagt Laguerre-Althaus. 80 Prozent der Haitianer sind Analphabeten, sie werden im Durchschnitt nicht älter als 50 Jahre. Die meisten Kinder gehen nicht zur Schule, sie stammen aus armen Verhältnissen, sie lungern auf der Straße herum, schließen sich Banditenbanden an, werden kriminell. Der Drogenschmuggel gehört zur Tagesordnung.

»Wir versuchen, wenigstens einem Teil der Kinder zu helfen«, sagt Marie-Josée Laguerre-Althaus. Allerdings hat die Spendenbereitschaft deutlich nachgelassen. »Viele haben uns vergessen«, sagt sie. Das Wichtigste: Man müsse in die Bildung investieren. Dann könne auch ein Haitianer Schreiner oder Architekt werden oder am Ende einen anderen Beruf ergreifen, der ihm sein tägliches Brot sichert.

Laguerre-Althaus ist jetzt 51 Jahre alt, sie ist Gymnasiallehrerin, unterrichtet Französischfächer, haitianische Literatur. Nebenbei betreibt sie noch ein kleines Restaurant, in dem sie selbst kocht. »Ich möchte meine Projekte ja irgendwie finanzieren«, sagt die sympathische Frau, die schon seit vielen Jahren nach Berchtesgaden kommt. Hier hat sie gute Kontakte zum Eine-Welt-Kreis von Annegret Gaffal. Gaffal unterstützt den Verein »Freundeskreis Haiti-Deutschland« seit 1995. Auch mit dem Gymnasium Berchtesgaden hat Laguerre-Althaus einen guten Partner gefunden: Kurz nach dem Haiti-Erdbeben waren es die dortigen sechsten Klassen, die sich für die Opfer einsetzten und Geld sammelten. Auch beim 24-Stunden-Klettern in Bischofswiesen ging ein Teil des Spendenerlöses an Laguerre-Althaus' Projekte.

Nicht gut zu sprechen ist Laguerre-Althaus auf die Regierung in Haiti. »Unser Staatspräsident fühlt sich nur für den Karneval zuständig. Und das viermal im Jahr«, sagt sie. Trotzdem möchte sie dort bleiben und weitermachen. Ihre Familie ließ sie dafür in Bayern zurück - wenn auch schweren Herzens. In Haiti erwartet sie zwar wieder viel Arbeit - aber auch ein lebensbejahendes Volk, für das es sich einzusetzen lohnt. Kilian Pfeiffer