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Zwei Giganten geben Vollgas

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Könige unter sich: Georg Winkler (r.) chauffierte in knapp 40 Jahren eine Million Fahrgäste auf den Kehlstein und wieder hinunter. Heinz Zembsch führte Hunderte von Kunden durch die berühmt-berüchtigte Watzmann-Ostwand. »Ich nehme den Heinz gerne einmal mit auf den Kehlstein, aber durch die Ostwand müsste er mich wohl ziehen«, scherzt der Kehlstein-König. (Foto: Wechslinger)

Berchtesgaden – Die beiden sind lebende Legenden. Immer am Berg unterwegs: Ostwand-König Heinz Zembsch und Kehlstein-König Georg Winkler. Während Zembsch den Rekord bei den Watzmann-Ostwand-Durchsteigungen hält, ist Winkler der RVO-Mitarbeiter mit den meisten Kehlstein-Fahrten. Derzeit sind es über 16 200.

Heinz Zembsch ist seit dem Jahr 2002 der gekrönte König der Watzmann-Ostwand. Zu seiner 300. Durchsteigung hatte man extra einen Thron durch die Wand geschleppt und Zembsch auf der Südspitze zum König gekrönt. Als Reporter unter den 25 Bergkameraden war damals auch der jetzige »Anzeiger«-Redaktionsleiter Ulli Kastner dabei. Hätte sich Zembsch nicht vor ein paar Jahren bei einem Arbeitsunfall heftig verletzt, hätte er vermutlich 500 Durchsteigungen schaffen können. So aber plant der 75-Jährige nur noch seine Abschiedstour, die er mit seiner Familie und Bergfreunden absolvieren möchte. In diesem Sommer soll es so weit sein.

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Heinz Zembsch nennt man nach 410 Durchsteigungen nicht nur Ostwand-König, sondern auch Hausmeister der Ostwand, die als eine der gefährlichsten Wände der Alpen gilt. Am 1. Januar 1988 wurde sie dem bekannten Alpinisten Franz Rasp bei dessen 295. Durchsteigung mit einem Berggast zum Verhängnis. Wäre Rasp nicht verunglückt, hätten sich er und Zembsch wohl gemeinsam ins Buch der Rekorde eingetragen. Die Watzmann-Ostwand ist die längste durchgehende Felswand der Ostalpen. Die berüchtigte Wand forderte seit ihrer Erstbesteigung im Jahr 1881 durch Josef Grill (Kederbacher) schon mehr als 100 Todesopfer. Die meisten Verunglückten verloren ihr Leben nach Wetterumstürzen oder weil sie von der richtigen Route abgekommen sind. Vielen Bergsteigern hat die kleine Biwakschachtel gut 300 Meter unterhalb des Gipfels schon das Leben gerettet. Eine Durchsteigung ist nur bei stabiler Wetterlage anzuraten. »Am besten nimmt man sich einen Bergführer, der kennt die Route«, rät Zembsch.

Im Winter durch die Ostwand

Die am meisten begangene Route verläuft über den Berchtesgadener Weg, der zugleich der »leichteste«, aber auch steinschlaggefährdet ist. Weitere Routen sind der Kederbacher-, Münchner-, Salzburger-, Frankfurter- und der Franz-Rasp-Gedächtnis-Weg sowie die weniger bekannte Polen-Route. Zembsch hat alle Routen – bis auf die polnische Variante – absolviert, zehnmal ist er auch im Winter durch die Wand gestiegen. Ein besonderes Erlebnis sei gewesen, als er mit Gerhard Wendl über den zugefrorenen Königssee ging und danach eine Winterbesteigung gemacht hat. »Da müssen natürlich die Schneelage und das Wetter genau stimmen«, so der erfahrene Bergsteiger.

Einmal war Zembsch mit einem Frankfurter Seilgefährten zweieinhalb Tage unterwegs, wobei die beiden zwei Biwaknächte einlegen mussten. Mit einem schnellen Gast durchstieg der junge Zembsch die 2 000 Meter Fels jedoch auch einmal in nur vier Stunden. Ein besonderes Erlebnis war für ihn die Durchsteigung der Ostwand mit dem dreifachen Welt-Schiedsrichter des Jahres, Dr. Markus Merk.

»Deutschland ist schön, Bayern ist schöner, aber am schönsten ist es doch in Berchtesgaden«, lautet das Credo von Georg Winkler, der bereits über 16 200-mal mit dem RVO-Bus auf den Kehlstein und wieder zurück ins Tal gefahren ist. Insgesamt legte er dabei gut 270 000 Kilometer zurück und beförderte rund eine Million Fahrgäste. »Jede Fahrt auf den Kehlstein ist schon vom Licht her anders. Besonders schön ist es im Herbst, wenn sich das Laub gefärbt hat und die Landschaft förmlich glänzt oder wenn der erste Schnee in höheren Lagen und das Tal in dichtem Nebel liegen«, schwärmt Winkler, der davor bei den Busunternehmen Schwaiger und Biller angestellt gewesen war. Im Mai 1979 wechselte Winkler zur heutigen RVO und feiert im nächsten Jahr sein 40. Jubiläum als Busfahrer.

Nicht jeder Busfahrer ist für die herausfordernde Auf- und Abfahrt zum Kehlstein geeignet, auch wenn die Busse nach einer relativ kurzen Betriebszeit ausgewechselt werden und immer auf dem neuesten technischen Stand sind. Bei jeder Fahrt überwindet der Fahrer nämlich 800 Höhenmeter und ist dabei höchst konzentriert. An betriebsstarken Tagen im Sommer fahren Winkler und seine Kollegen bis zu elfmal auf den Kehlstein und wieder ins Tal.

Rückwärts auf den Kehlstein

An ein Erlebnis erinnert sich der 70-Jährige besonders. Nach einem schneereichen Winter ging auf der langen Geraden vor der Scharitzkehl-Reibe eine Lawine nieder, die etwa 50 Meter lang und bis zu fünf Meter tief war. Gottlob war der Kehlstein-König ohne Fahrgäste unterwegs, musste aber rückwärts zurück zum Kehlstein. Normalerweise benötigt er für diesen Streckenabschnitt rund fünf Minuten. Doch rückwärts dauerte es eine halbe Stunde, ehe der Fahrer das Plateau erreicht hatte und der Schneepflug ausrücken konnte. »Das größte Problem war die Rückwärtsdurchfahrt durch den obersten Tunnel«, erinnert sich Winkler.

Nach besonderen Erlebnissen mit Fahrgästen befragt, berichtet der Busfahrer von einem Moslem, der, anstatt zur Abfahrt einzusteigen, seinen Gebetsteppich ausgerollt und gen Mekka gebetet hat. »Der ließ sich nicht davon abbringen und wir sind dann ohne ihn abgefahren, weil wir ja zu einer genau bestimmten Zeit teilweise mit sieben Bussen an der Ausweichstelle in der Mitte der Strecke sein müssen«, so Winkler. Auch Gäste aus Asien seien »etwas anders« und müssten besonders behandelt werden. Unter den Fahrgästen gibt es auch Menschen, die Angst haben und Winkler nach den vermeintlich sichersten Plätzen fragen. An Verona Pooth, Sandra Bullock, den ehemaligen deutschen Außenminister Guido Westerwelle und den bayerischen Landesvater Franz Josef Strauß als Fahrgäste erinnert sich Winkler besonders gerne, schließlich seien alle sehr freundlich gewesen.

Winklers Plan ist, soweit es seine Gesundheit zulässt und er den jährlichen medizinischen Check besteht, noch fünf Jahre auf den Kehlstein zu fahren. In seine Fußstapfen ist bereits Sohn Markus getreten, der auch schon über 3 000 Fahrten aufweist. »Mein Sohn hat den Vorteil, dass er um zehn Jahre früher dran ist als ich und mich damit einmal überholen kann, wenn es ihm auch weiterhin Spaß macht.« Christian Wechslinger