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Zwischen Meisterwurz, Bergquendel und Hainsalat

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Einige Teilnehmerinnen mit Hans Nefzger bei der Erkundung der alpinen Flora am Untersberg.

Berchtesgaden – Gemütlich steigen 14 Frauen und zwei Männer auf der Suche nach Bergkräutern von Hintergern über den Stöhrweg den Untersberg hinauf. Am Stöhrgatterl, oberhalb des Almengebiets Zehnkaser, schaut eine auf die Uhr. »Host du an Termin?«, fragt sie »Od*Chi«, wie ihn alle nennen. Mit bürgerlichem Namen heißt er Christian Enderlein und kommt aus dem Leopoldstal. Der Bergfex und Oberton-Musiker leitet mit dem Chiemgauer Kräuterexperten Hans Nefzger vom Samerberg eine zweitägige Wildkräuter-Bergwanderung. Entschleunigung und Achtsamkeit ist die Devise.


Der Verein »Naturzauber«, dem Enderlein vorsteht, lud zu dieser heiteren und lehrreichen Erkundung der heilkräftigen Berg-Flora ein. Entstanden ist er aus den seit 1995 bestehenden »Treffen in natürlicher Gemeinschaft«, bei Insidern kurz »TING« genannt. Beim Essen und Übernachten in freier Natur wurden die Naturliebhaber oft vertrieben und begannen daher mit Müllsammel-Aktionen, die es auch heute noch alljährlich gibt. »Da haben wir uns einen guten Namen gemacht bei den Waldbesitzern«, erklärt Od*Chi. »Sie haben gefragt: Wer seid ihr? Da haben wir scherzhaft gesagt: Der Naturzauber-Verein.«

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Teilnehmer aus Asien

Unter den 14 Frauen sind diverse Lebensalter und Nationen vertreten; unter anderem sind auch drei Asiatinnen aus China und Korea dabei. Gerade noch rechtzeitig vor dem Ausbruch eines Gewitters kommt die Gruppe am Stöhrhaus an. Nach dem Abendessen gibt Hans Nefzger seine erste Einführung zum Thema und erklärt die unterwegs gesammelten Kräuter. Nebenbei erfährt Grace aus China, die in München bei einer Versicherung arbeitet und hier etwas zur Ruhe kommen möchte, zu ihrer großen Belustigung, was ein »Wolpertinger« ist und wie der chinesische Organisationsminister heißt: »Haut scho hi«. Dieser Spruch wird zu einer Art Mantra für die Kräutersucherinnen während des Wochenendes.

Unterschiedliche Beweggründe haben sie zusammen geführt. So wagt Andrea aus Eggstätt, wo sie eine beliebte Frühstückspension hat, einen persönlichen Neuaufbruch nach einer schwierigen Zeit. Eine aus Korea stammende Floristin vom Tegernsee ist schon berufsbedingt am Thema Bergblumen interessiert. Nach der Lehrstunde ist Zeit zum Ratschen und zum Singen. Nefzger erweitert die drei Saiten der Hüttengitarre mit Draht geschickt um eine vierte.

Der zweite Tag beginnt mit einer Besteigung des Berchtesgadener Hochthrons, erdverbundener Musik von Od*Chi und Hans Nefzger mit »Himalaya-Quetschn« und Mundharmonika, mit von allen gesungenen Kehrversen auf Bayerisch, und einem obligatorischen Hüttenbuch-Eintrag: »Die Naturzauber-Gourmet-Wildkräuterfreunde haben ein bayerisches Mantra in die Täler getönt.«

Im »Mittagsloch« gibt es eine kleine Untersberg-Sage und ein weiteres Stück von Od*Chi, das einen kompletten Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang besingt. Auf dem Weg hinunter werden zahlreiche weitere Blumen und Kräuter aus verschiedenen Pflanzengesellschaften inspiziert und von Hans Nefzger fachkundig erklärt. Der Kräuter-Fachmann gibt genaue Anhaltspunkte, um die für Niere und Blase wohltuende »Echte Goldrute« von dem leicht giftigen Kreuzkraut zu unterscheiden. Vieles ist gut für die allgemeine Kräftigung sowie für Magen und Darm, wie beispielsweise das von Hildegard von Bingen sehr geschätzte Universalmittel Meisterwurz, das gern zwischen Latschen wächst. Für Frauen empfiehlt »Hanselix«, wie er mit Spitznamen heißt, den Frauenmantel und den »Silbermantel«. Gut in einem Bergkräutertee passt der leicht bittere Bergwermut. Beim Johanniskraut soll man laut Nefzger vor allem die Blütenknospen in Olivenöl geben und zwei bis vier Wochen in der Sonne stehen lassen. Dieses Kraut helfe bei Depressionen, Nervenschwäche, Schlafstörungen oder Magen-Darm-Leiden; das Öl könne auch dem Badewasser beigesetzt werden.

Gut gegen Blähungen

Husten und Schleim kann der der Bergquendel (Thymian) lösen und wofür der »Augentrost« mit den zarten weißen Blüten gut ist, erklärt schon der Name. In den Salat mischen kann man den kartoffelähnlich schmeckenden, gezackten »Hainsalat«. Der Dost, auch »Wilder Majoran« genannt, ist nicht nur ein schmackhaftes Gewürz zu Tomaten, sondern auch Balsam bei Blähungen.

Wichtige Tipps erhalten die Frauen auch zur richtigen Ernte der Kräuter. »Man soll immer so wenig wie möglich nehmen, sodass es nicht auffällt, und die Pflanze keinesfalls mit der Wurzel ausreißen, außer die Wurzel wird verwendet«, betont Nefzger.

Auf den Serpentinen unterhalb des Stöhrgatterls reicht der Referent die Pflanzen mit Angabe des Namens nach hinten, und sie werden unter den im Gänsemarsch wandernden Teilnehmerinnen in einer Flüsterpost weitergereicht. Langsam vertieft sich das Erlernte, wenn die selben Blumen immer wieder entdeckt wurden. »Ich sehe jetzt überall Majoran«, stellt Grace begeistert fest und tritt spontan dem Naturzauber-Verein bei. »Bis gestern habe ich die Blumen und Kräuter nicht gesehen.« Sie möchte sich auch ein Wildkräuterbuch kaufen und bei Rosenheim eine weitere Führung mitmachen, um noch mehr Pflanzen kennen zu lernen. Veronika Mergenthal