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Zwischenstopp »Hinterhof«

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Stundenlanges Personalienaufnehmen: Im Polizeihof versorgten Freiwillige Dutzende illegale Einwanderer. (Fotos: Pfeiffer)
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Essen und Trinken für alle. Die Nachfrage: groß.
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Endlich ausruhen. Die letzten Tage waren anstrengend.
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Polizeichef Günther Adolph gibt Einblicke in ein Programm, das aktuelle Einsätze darstellt, unter anderem Flüchtlingsaufgriffe.
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Der Flüchtlingstross macht sich auf den Weg zum Bahnhof. Von dort geht es weiter nach München.

Berchtesgaden – Mit ausgestreckten Armen greifen die Kinder nach den frisch belegten Käsesemmeln, die ihnen Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Hof der Polizeiinspektion Berchtesgaden belegt haben. Der Hunger ist groß. Die Reise war lang. 72 Flüchtlinge haben die Polizeibeamten an der Bundesstraße 305 bei Marktschellenberg soeben aufgegriffen. Was nun folgt, ist für alle Beteiligten ein Marathonakt.


Mittwochmorgen: Mehrere Bürger haben sich bei der Polizei gemeldet. Von einem Flüchtlingstross ist die Rede. Kleinkinder, Jugendliche, Alte – sie alle haben die lange Reise nach Deutschland geschafft. Schleuser hatten sie über die Grenze gekarrt, in teils menschenunwürdiger Weise. »Good to be in Germany«, sagt ein Bub, ungefähr 15 Jahre alt. Seine Mundwinkel bewegen sich nach oben. Die Freude, hier zu sein, ist groß. »Bathroom«, sagt ein anderer. Immer wieder. »Sie wollen sich waschen?«, fragt Polizeichef Günther Adolph auf Englisch. Doch der Bub versteht ihn nicht. »Toilet«, sagt ein anderer. »Die ist dort drüben«, sagt Adolph, streckt seinen Arm aus in Richtung anderes Ende des Hofes. Durch die Tür durch, dann rechter Hand halten. Dort sind die Ausnüchterungszellen. Und eine Toilette.

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Unterhaltung mit Händen und Füßen

Der Polizeihof ist ein übersichtliches Plätzchen. Unterstellplätze für Autos gibt es hier, eine Waschhalle, viele Orte, an denen die erschöpften Flüchtlinge Unterschlupf finden – die Sonne sticht an diesem Vormittag unerbittlich vom Himmel. In der Waschhalle sind ein paar Bänke aufgestellt. Einige haben sich hier niedergelassen, tippen hektisch auf ihren Handys rum. Ein Anruf in der Heimat, eine SMS mit der Nachricht über die erfolgreiche Ankunft in Deutschland. Eine Unterhaltung mit den Flüchtlingen ist schwierig. Der Großteil ist sehr jung, Englisch kann kaum einer. Wenn, dann nur ein paar Wortfetzen.

Deshalb unterhalten sich die Helfer, die mittlerweile in großer Zahl vor Ort sind, mit Händen und Füßen. Zehn Mitarbeiter des Roten Kreuzes sind da, drei Malteser, auch Polizeibeamte helfen mit, schleppen Wasserflaschen, kümmern sich darum, dass die Erstaufnahme in geregelten Bahnen verläuft.

Mitarbeiter der Polizeiinspektion Fahndung nehmen die Personalien auf. Einen Ausweis hat so gut wie keiner dabei. Jeder Flüchtling muss sich vor eine weiße Wand setzen und wird fotografiert. Mehrere Papierbögen gilt es auszufüllen. Es gibt sie in mehreren Sprachen.

Flüchtlinge über Flüchtlinge

Polizeichef Günther Adolph ist mit dem Bild im Polizeihof mittlerweile vertraut. Im Zeitraum von einer Woche sind an drei Tagen im Talkessel jeweils über 60 Flüchtlinge gefasst und umgehend zum Polizeisitz gefahren worden. »Wenn hier so viel los ist, müssen die Personalien bei uns in der Inspektion aufgenommen werden«, sagt Adolph.

Die Asylproblematik beschäftigt den Polizeichef seit Längerem. »Das wird noch alles viel schlimmer«, sagt ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes. »Die Schleuser wissen, wo sie die Flüchtlinge hinbringen müssen, um nicht entdeckt zu werden.« Nur so ist der dramatische Anstieg der Einwandererzahlen zu erklären.

Auf einem Bildschirm zeigt Günther Adolph die aktuellen Einsätze seiner Kollegen in der Region. Überall erscheint das Stichwort »Ausländerrecht«. Das bedeutet, dass Einwanderer aufgegriffen wurden. Gerade eben geschieht das in Freilassing (30 Flüchtlinge), parallel dazu in Teisendorf (20) und auch in Piding konnten zehn Personen entdeckt werden.

»72 Personen auf einmal hatten wir noch nie«, sagt Günther Adolph und blickt rüber zur Getränkeausgabe, an der sich mittlerweile eine große Menschentraube gebildet hat. Es gibt Fanta, Wasser und Cola, jeder bekommt einen Becher. Die Mitarbeiter von Rotem Kreuz und Maltesern tun alles dafür, dass die zumeist jungen Leute gut versorgt sind. Zehn Vorratspackungen Käse wurden gekauft, Dutzende Semmeln, es gibt Chips. Gierig bedienen sich die Flüchtlinge. Die Strapazen der vergangenen Tage und Wochen sind vielen ins Gesicht geschrieben. Vor allem die Alten sind mager, der Mund ist trocken, das Gesicht wirkt – trotz dunkler Haut – fahl.

Nur ein Zwischenstopp

In einer Ecke des schattigen Polizeihofes haben sich mehrere Einwanderer hingelegt, Kleinkinder schlafen, notdürftig wurden Decken und Matten ausgelegt, um sich vor dem kühlen Boden zu schützen. »It's done«, sagt ein älterer Mann, in der rechten Hand eine Käsesemmel, in der linken einen Plastikbecher mit Cola. Er grinst rüber zu zwei Jugendlichen, vielleicht sind es seine Kinder. Aus dem Gesichtsausdruck ist Glückseligkeit abzulesen. Deutschland ist noch immer das Gelobte Land für jene, die Schutz suchen, auf der Flucht sind, zum Teil Schreckliches erlebt haben.

Berchtesgaden ist nur ein kurzer Zwischenstopp für die große Schar. »Jetzt geht es dann runter zum Bahnhof«. Polizeibeamte bringen die Leute, nach ihrer Erstaufnahme, zu den Zügen. Dort bekommen sie Geld, müssen sich ein Zugticket kaufen. Von hier geht es nach München in die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung. Dort hat man aktuell mit dem größten Ansturm von Einwanderern überhaupt zu kämpfen. »Und es wird noch viel schlimmer werden«, sagt der BRK-Mitarbeiter ein weiteres Mal. Kilian Pfeiffer

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