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30 Jahre Krippe, Kindergarten und teilbetreutes Wohnen für junge Frauen im Kinderheim St. Josef

»Jedes Kind braucht auch Zeit zum Mal-nichts-müssen«

Traunstein – Als das Kinderheim St. Josef vor 30 Jahren die erste Krippengruppe für Kinder unter drei Jahren eröffnete, gab es dagegen noch große Vorbehalte. Mütter, die ihre Kinder dort betreuen ließen, galten als Rabenmütter.

Mit atemberaubendem Tempo sausen die Krippenkinder im Bewegungsraum im ehemaligen Schwimmbad des Kinderheims St. Josef auf ihren Dreirädern um die Kurven, so wie hier der kleine Felix. Die Einrichtung feiert am Wochenende mit Josefi-Flohmarkt und Josefi-Gottesdienst ihr 30-jähriges Bestehen. (Foto: Hohler)

»Das hat sich heute eher ins Gegenteil verkehrt. Heute sind in der öffentlichen Wahrnehmung eher schon diejenigen die Rabenmütter, die ihr Kind selbst betreuen«, sagt Karl-Heinz Oberhuber, der Leiter des Kinderheims St. Josef, kopfschüttelnd und lacht.

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Das 30-jährige Bestehen von Kindergarten, Kinderkrippe und teilbetreutem Wohnen für junge Frauen feiert die Einrichtung heuer mit mehreren Veranstaltungen. Los geht's mit einem Josefi-Flohmarkt am Freitag und Samstag, jeweils von 10 bis 16 Uhr. Am Samstag gibt es ab 11 Uhr auch Brotzeiten und Getränke. Der Erlös kommt den Kindergruppen in St. Josef zugute.

Weiter geht's am Sonntag um 18 Uhr mit einem Josefi-Gottesdienst in der Hauskapelle. Er wird von der »Waginger Gsangsgruppn« musikalisch gestaltet. Im Anschluss ist gemütliches Beisammensein in der Einrichtung. Außerdem ist im Herbst ein Musikabend für die Erwachsenen geplant, am 11. November wird es ein Lichterfest geben.

Kinderheim selbst ist schon wesentlich älter

Das Kinderheim selbst ist ja schon wesentlich älter – es wird in zwei Jahren 125 Jahre alt. Es wurde 1894 vom damaligen Stadtpfarrer Josef Heinrich Meixner gegründet. Dabei hatte er, so Oberhuber, vor allem die armen Kinder in der Au im Blick. Viele von ihnen waren sich selbst überlassen, weil beide Eltern in der Saline arbeiten mussten.

Meixner übertrug die Leitung des Hauses der Ordensgemeinschaft der Armen Franziskanerinnen zu Mallersdorf. Bis 1987 war das Haus ein reines Kinderheim – »bis in die 60er, 70er Jahre noch mit Schlafsaal und Speisesaal. Als sie dann das Haus in Wohngruppen umbauten, waren die Schwestern ihrer Zeit damals voraus«, erklärt Oberhuber.

1987 eröffnete die damalige Leiterin und Oberin Schwester Ansberta Hüttner (Oberin und Heimleitung von 1987 bis 2000) die erste Kindergarten- und Kinderkrippengruppe sowie das teilbetreute Wohnen für junge Frauen. In der ersten Krippengruppe war Schwester Adelhardis tätig mit Unterstützung einer Kinderpflegerin. Später kam auch eine Vorpraktikantin dazu. Im Kindergarten arbeiteten von Beginn an weltliche, pädagogische Fachkräfte.

Im teilbetreuten Wohnen war bis zum Jahr 2000 Schwester Vitalina allein tätig. Sie wurde mit ihrem Ruhestand durch eine weltliche Erzieherin ersetzt. Unter der Hausleitung von Karl-Heinz Oberhuber (seit November 2000) wurden immer wieder neue Kindertagesstätten-Gruppen in Traunstein und Siegsdorf eröffnet, ebenso die Heilpädagogische Tagesstätte für Vorschulkinder.

Heute hat das Haus fünf Kinderkrippen-Gruppen, drei Kindergarten-Gruppen sowie eine heilpädagogische Tagesstätte. Seit dem vergangenen Jahr bietet St. Josef auch Integrationsplätze für Kinder mit besonderem Förderbedarf an »in Kooperation mit der mobilen heilpädagogischen Praxis Pusteblume aus Marquartstein«, erklärt Oberhuber. »Die betreuen die Kinder bei uns im Kindergarten.«

In Siegsdorf entsteht eine dritte Krippengruppe

2009 und 2011 kamen die beiden Kinderkrippen-Gruppen in Siegsdorf dazu. Dort ist im Herbst eine dritte Gruppe geplant. Insgesamt werden derzeit 174 Kinder und Jugendliche in St. Josef von rund 50 Mitarbeitern und 10 Praktikanten betreut.

Wie groß der Bedarf an Krippengruppen für unter dreijährige Kinder ist, verdeutlicht Oberhuber so: »Außer uns gibt es in Traunstein noch einige Krippengruppen im städtischen Kindergarten, in den Kinderkrippen 'Die Murmel' und 'Kleine Bären', beim Mütterzentrum und in der Waldorfkinderkrippe 'Wiegenstube'.«

Doch trotz der zusammen 188 Plätze in Traunstein liegt die Deckungsquote laut Stadt Traunstein derzeit bei nur 60 Prozent. »Wir haben auch immer wieder händeringende Anfragen von Einpendlern, die hier arbeiten und ihr Kind in der Nähe betreut wissen wollen. Aber für die können wir leider nichts tun«, so Oberhuber. »Kinder aus Traunstein haben einfach Vorrang.«

2004 übernahm die Stiftung Seraphisches Liebeswerk Altötting (SLW) die Trägerschaft für St. Josef Traunstein von den Mallersdorfer Schwestern. Oberhuber kennt das SLW schon aus Kindertagen: »Meine Oma hat schon immer dafür gesammelt und gespendet.« Hinter dem etwas sperrigen Begriff steht das Kinder- und Jugendhilfswerk der Bayerischen Kapuziner. Und da die Übernahme einer Einrichtung der Mallersdorfer Schwestern auch andernorts bereits erfolgreich war, zögerte der Orden auch nicht, die Trägerschaft von St. Josef an das SLW zu übergeben.

Oberhuber selbst kennt das Haus seit seinem Anerkennungsjahr als Erzieher, das er in der Einrichtung ableistete. Dem Wunsch der Eltern folgend, hatte er zunächst »etwas Ordentliches« gelernt, Groß- und Außenhandelskaufmann – das kommt ihm und der Einrichtung auch heute noch immer wieder zugute. Dann aber folgte er seiner Berufung und begann die Erzieherausbildung. Aus dem einen Anerkennungsjahr wurden inzwischen 26 Jahre in St. Josef. Als 1996 Schwester Irmelinde ausschied, übernahm er die pädagogische Leitung, im November 2000 die Gesamtleitung des Hauses.

»Fördern ganz bewusst die Entschleunigung«

2009 verließen die letzten Ordensfrauen das Haus. Doch den Kontakt hält Oberhuber aufrecht: »Unsere Schwestern sind zum Teil an die 90 Jahre alt. Die freuen sich jedes Jahr auf unseren Besuch.« Über manches, was sich inzwischen mit Einführung des Bayerischen Kinderbildungsgesetzes und bei den rechtlichen Vorgaben geändert hat, könnten sie nur den Kopf schütteln. Und während manche anderen Kindertagesstätten in einen regelrechten »Förder-Wettstreit« geraten, Ballett, Ski- oder Sprachkurse anbieten, hält es Oberhuber mit der Ruhe: »Jedes Kind braucht auch Zeit zum Wachsen, zum Spielen und zum Mal-nichts-müssen. Kinder müssen nicht jeden Tag etwas im Kindergarten produzieren. Drum schreiben wir uns ganz bewusst die Entschleunigung auf die Fahnen.« coho