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Andrea Kamml aus Traunstein arbeitet bei der katholischen Telefonseelsorge – Weitere Ehrenamtliche sind gesucht

»Man glaubt gar nicht, wie viele einsame Leute es gibt«

Traunstein – »Man glaubt gar nicht, wie viele einsame Leute es gibt und wie viele Schicksale«, sagt Andrea Kamml. Die 43-jährige Traunsteinerin arbeitet seit über zehn Jahren ehrenamtlich in der katholischen Telefonseelsorge. »Wir sind keine Therapeuten«, betont sie. Ziel sei es, dass die Anrufer, unterstützt durch ihre geschulten Gesprächspartner, »einen ersten Lösungsschritt« für ihre Probleme finden.

Andrea Kamml weiß, dass die meisten einfach jemanden brauchen, mit dem sie reden können, jemanden, der ihnen zuhört.

Das Telefon klingelt pausenlos, wenn Andrea Kamml im Caritas-Zentrum in Bad Reichenhall sitzt und ehrenamtlich für die Telefonseelsorge arbeitet. Vier Stunden dauert ihr Dienst. »In der Regel telefoniere ich durch«, erklärt die dreifache Mutter. Ab und zu, wenn es zu anstrengend für sie ist, dann macht sie zwischendurch auch mal eine Pause.

Gerade abends, zwischen 18 und 22 Uhr, herrscht Hochbetrieb bei der Telefonseelsorge. Nur wenn Andrea Kamml Nachtdienst hat, dann ist es auch mal ruhig. Den typischen Anrufer gibt es nicht. Quer durch alle Altersklassen und Gesellschaftsschichten rufen die Menschen an. »Vom Kind bis zur Oma«, so formuliert es die Traunsteinerin. Sie alle bleiben anonym: Ihre Telefonnummern leuchten nicht auf den Apparaten der Telefonseelsorge-Mitarbeiter auf. In der Regel sind sie aber aus dem südbayerischen Raum.

Die Probleme sind vielfältig

So vielfältig wie die Anrufer sind ihre Nöte. »Es ist die ganze Palette«, erklärt Andrea Kamml. Sie haben Beziehungsprobleme, leiden unter Arbeitsstress, trinken zu viel Alkohol, sind psychisch erkrankt oder haben Angst vor den vielen Flüchtlingen im Land. »Und Einsamkeit ist ein ganz großes Thema«, weiß sie aus ihrer über zehnjährigen Erfahrung. Viele rufen regelmäßig an.

Die ehrenamtlichen Telefonseelsorger urteilen nicht. »Der eine trauert um sein verstorbenes Kind, der andere um seine verstorbene Katze«, erzählt die 43-Jährige. »Was Not ist, das lässt sich nicht messen.« Und sie bieten auch keine Lösungen an; die müssen sich die Menschen letztlich selbst erarbeiten – aber durchaus mit Unterstützung der Telefonseelsorger. »Wichtig ist es, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.«

Die Traunsteinerin weiß, dass die meisten einfach jemanden brauchen, mit dem sie reden können, jemanden, der ihnen zuhört. »Der Idealfall ist, wenn der Anrufer am Ende des Gesprächs zu mir sagt: 'Danke, das hat mir jetzt was gebracht'.« Andrea Kamml gibt zu, dass das oft auch nicht der Fall ist.

Die ehrenamtlichen Telefonseelsorger sind alle geschult. Sie lernen unter anderem, ein Gespräch konstruktiv zu führen und die richtigen Fragen zu stellen, aber auch sich selbst zu reflektieren. Die Ausbildung dauert ein Jahr lang. Andrea Kamml hat sie sogar zweimal durchlaufen, das erste Mal 2003 und dann noch einmal 2012, als sie nach der Geburt ihres dritten Kindes drei Jahre lang pausiert hatte. Heute macht sie jeden Monat zwei vierstündige Tagdienste und dazu noch ein bis zwei achtstündige Nachtdienste im Jahr.

Die gelernte Hauswirtschafterin ist nicht ohne Grund als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Telefonseelsorge tätig. Vor über 20 Jahren litt sie selber an einer psychischen Erkrankung. »Ich hatte damals fast niemanden mehr«, erinnert sie sich. »Zwei, drei Leute« hätten ihr aus der Krise geholfen. »Da war ich so dankbar, dass ich etwas zurückgeben wollte.« Die Arbeit in der Telefonseelsorge sei ihr »kleiner Beitrag für das Allgemeinwohl«. Von dem Ehrenamt bekomme sie auch viel zurück. »Es wirkt sich positiv auf mein Leben aus«, sagt Andrea Kamml.

Monatliche Supervision für die Ehrenamtlichen

Gerade auch der Kontakt zu den anderen ehrenamtlichen Telefonseelsorgern gibt ihr viel. Sie trifft sie bei den monatlichen Supervisionen, bei denen das ein oder andere schwierige Telefongespräch noch einmal durchgesprochen wird, auch, um daraus zu lernen. Dazu kommen Fortbildungen, aber auch gemeinsame Feste.

Wie viel Andrea Kamml das Ehrenamt gibt, das hat auch ihr Ehemann Simon bemerkt – und sich ein Vorbild genommen. Er absolvierte vor zwei Jahren die Ausbildung zum ehrenamtlichen Telefonseelsorger und machte trotz Vollzeitjob und weiterer Hobbys ebenfalls seine Dienste. »Er empfindet es auch als totale Bereicherung.« Die 43-Jährige schätzt es, dass sie sich jetzt auch mit ihrem Mann über ihre ehrenamtliche Arbeit austauschen kann, auch wenn sich beide natürlich an ihre Schweigepflicht halten. »Ein Mann sieht das einfach nochmal anders als eine Frau«, findet die Traunsteinerin.

Es kann auch einmal passieren, dass die Telefonseelsorger in eine brenzlige Situation kommen. »Ich hatte das noch nie, aber bei einem Kollegen hat schon einmal jemand angerufen, der sich mitten in einem Suizid befand.« Der Anrufer hatte Tabletten genommen und dann die Nummer der Telefonseelsorge gewählt. In solchen Fällen wird dann die Polizei eingeschaltet und notfalls eine richterliche Verfügung erwirkt, um das Telefongespräch zurückverfolgen zu können. Das dauert allerdings einige Zeit.

Die Waage ist ausgeglichen

In den Supervisionen bekommen die Telefonseelsorger immer wieder die Frage gestellt, ob ihre Waage, das Geben und Nehmen im Ehrenamt, noch ausgeglichen sei. »Bei mir ist sie das definitiv«, sagt Andrea Kamml. Darum wird sie auch nicht müde, weiterhin Anrufe von verzweifelten Menschen entgegenzunehmen und ihnen dabei zu helfen, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Wer Hilfe benötigt: Die Telefonseelsorge der Erzdiözese München und Freising ist unter Telefon 0800/111 0 222 zu erreichen. Wer sich ehrenamtlich als Telefonseelsorger engagieren will, der kann sich unter den Telefonnummern 08651/6 89 69 beziehungsweise 0171/8 63 74 08 informieren. In Traunstein bietet auch das Diakonische Werk eine Telefonseelsorge an; diese ist unter der Nummer 0800/111 0 111 zu erreichen. san