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Immer wieder kommt es beim Skitourengehen zur Missachtung von Schongebieten – Keine Probleme an der Eckerleiten und auf dem Toten Mann

Wenig Aussicht auf Rücksicht

Berchtesgadener Land – Mit dem Projekt »Skibergsteigen umweltfreundlich«, das nun »Natürlich auf Tour« heißt, reagierte der Deutsche Alpenverein vor 20 Jahren auf die jährlich steigende Zahl der Skitouren- und Schneeschuhgeher. Habitate und Rückzugsorte wild lebender Tiere sollten dadurch geschützt werden. Dr. Daniel Müller, Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden der Bayerischen Staatsforsten, sagt, dass die Missachtung der Regeln in bestimmten Gebieten wie am Predigtstuhl noch nie so schlimm gewesen sei wie in dieser Saison.

Nicht alle Tourengeher halten sich an die Regeln, sagt Dr. Daniel Müller. Am Hochschlegel und dem Predigtstuhl sei es in dieser Saison besonders schlimm, was die Missachtungen der Wildtierschonbereiche angeht. (Screenshot: Pfeiffer)

Seit zwei Jahrzehnten engagiert sich der Deutsche Alpenverein allgemein, aber auch mit den Sektionen Berchtesgaden und Bad Reichenhall, in diesem Projekt. In Zusammenarbeit mit Naturschutzbehörden, dem Nationalpark Berchtesgaden, aber auch den Bayerischen Staatsforsten möchte man beim weltgrößten Bergsport- und anerkannten Naturschutzverband »einen wichtigen Beitrag zur naturverträglichen Gestaltung von Ski- und Schneeschuhtouren in den Alpen« leisten, wie es von dort heißt. Grundsätzlich sieht man sich auch auf einem guten Weg: Die Ergebnisse des nun abgeschlossenen Projektes werden aktuell im Rahmen einer Kampagne »Natürlich auf Tour« einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Allerdings läuft nicht alles so rund, wie man meinen möchte. Forstbetriebsleiter Dr. Daniel Müller sagt, dass es vor allem rund um den Predigtstuhl und den Hochschlegel zu massiven Vergehen der Skitouren- und Schneeschuhgeher komme. »Viele der ausgeschilderten Wildruhezonen werden missachtet, die Schongebiete in Mitleidenschaft gezogen.« Müller hat sich mehrfach selbst ein Bild von der Lage gemacht und festgestellt, dass unzählige Skispuren direkt durch die Ruhezonen führen. Etwa bei der beliebten Tour von Baumgarten zum Hochschlegel. Die Sportler wollen den guten Schnee nutzen, nicht befahrene Bereiche, wo kaum Skispuren zu finden sind.

»Diese Bereiche sind aber für Birkhühner, Auerwild und Rauhfußhühner überlebenswichtig, um den beschwerlichen Winter überstehen zu können«, sagt Müller. So manches Tier ruht unter dem Schnee, spart Kraft, weil es für Nahrung kaum Möglichkeiten gibt. Werden die Tiere gestört, läuft der Organismus wieder auf Hochtouren – mangels Nahrungsquelle droht aber der Tod. Müller selbst hat in diesem Jahr bereits ein verendetes Schneehuhn gefunden.

Auch beim Deutschen Alpenverein weiß man um die Bedeutung der Rückzugsorte Bescheid. Auf der DAV-Homepage heißt es: »Um auf der einen Seite das Überleben während des Winters zu sichern, ist viel Rücksicht nötig, auf der anderen Seite soll niemand auf schöne Touren verzichten müssen.« Genau hier liegt die Problematik. Denn das ganze Projekt steht und fällt mit dem Zutun der Skitourengeher. »Wir setzen auf deren Verstand und Rücksichtnahme«, sagt Daniel Müller, der mit dem Deutschen Alpenverein eng zusammenarbeitet.

Und in der Tat gibt es viele Bereiche, wo die Wildruhezonen als solche geachtet werden. Zumindest sei die Zahl der Missachtungen deutlich geringer. An der Eckerleiten, wo man von der Enzianhütte den Aufstieg zum Purtschellerhaus beginnt, klappe es gut. Auch am Toten Mann funktioniere es. Das bestätigt auch Bernhard Kühnhauser, Geschäftsführer beim Deutschen Alpenverein, Sektion Berchtesgaden. »Uns ist von Vergehen derzeit nichts bekannt.« Durch Hinweisschilder wird versucht, sensible Bereiche in den Alpen für alle Wintersportler kenntlich zu machen. Routenempfehlungen sollen die winterbegeisterten Tourengeher sensibilisieren und dafür sorgen, dass Wildruhezonen erst gar nicht in Erwägung gezogen werden. Zusätzliche Tourenhinweisschilder entlang der Routen weisen den Sportlern den richtigen Weg. Vor besonders sensiblen Bereichen warnen auffällige Stopp-Schilder. Allerdings ist klar: Das Projekt »Natürlich auf Tour« basiert auf freiwilliger Basis.

Dass sich die Situation verbessere, sei zwar der große Wunsch aller Beteiligten, angesichts eines immer beliebter werdenden Sports sei es aber zunächst unwahrscheinlich, sagt Müller. Denn Skitourengehen kostet, bis auf die Anschaffung der eigenen Ausrüstung, nichts. Klassische Skigebiete verlieren an Beliebtheit. Die Leute wandern ab. Ein Naturerlebnis samt eigenem Aufstieg, darin liege die Zukunft, so Müller. Kilian Pfeiffer