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Zahl der verschuldeten Haushalte steigt im Landkreis Traunstein – Senioren gefährdet – Schuldnerberatung bietet Hilfe

Zurück in ein Leben ohne Schulden

Traunstein – »In uns allen ist Mut« steht auf einer Postkarte im Büro von Dinah Bühler, der Leiterin der Schuldnerberatung der Diakonie Traunstein. Mut für ein Leben ohne Schulden will die Sozialpädagogin ihren Klienten geben.

528 Klienten aus dem Landkreis Traunstein hat die Schuldnerberatung der Diakonie Traunstein im vergangenen Jahr beraten.

528 Klienten aus dem Landkreis Traunstein hat die Schuldnerberatung der Diakonie im vergangenen Jahr beraten. Fast 27 Prozent davon waren unter 40 Jahre alt, über 18 Prozent über 60 Jahre. Erwartet wird, so steht es im Jahreshauptbericht der Schuldnerberatung, dass die Zahl überschuldeter Senioren in den kommenden Jahren sogar noch zunehmen wird, da die Rente meist geringer als das Gehalt im Arbeitsleben ausfällt. Was Dinah Bühler und ihrem Team zudem Sorgen bereitet: Trotz sinkender Arbeitslosigkeit steigt auch in der Region die Einkommensarmut, denn die Lebenshaltungskosten werden ebenfalls immer höher.

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Die Klienten kommen meistens zu spät...

»In der Regel kommen die Klienten zu spät zu uns«, bringt es Dinah Bühler auf den Punkt. Seit 2001 leitet sie die Beratungsstelle am Martin-Luther-Platz, hat viele Klienten kommen und gehen sehen; von klassischen Schuldnerkarrieren will sie dennoch nicht sprechen. Jeder Überschuldete habe ein individuelles Schicksal, warum er in diese für ihn oft verzweifelte Situation gerate, so Bühler.

Meist haben die Menschen, die bei der Schuldnerberatung der Diakonie kostenfrei Hilfe suchen können, ein kritisches Lebensereignis hinter sich: Erkrankung, Suchtproblematik, Trennung, Scheidung oder Tod eines Partners aber auch eine gescheiterte Selbstständigkeit, Arbeitslosigkeit und dauerhaftes Niedrigeinkommen gehören zu den häufigsten Gründen, warum Menschen in die Schuldenspirale geraten. Tendenziell seien Frauen im Alter stärker gefährdet, eine überschuldete Existenz zu führen, sagt Bühler, derzeit herrsche aber beim Beratungsbedarf Geschlechtergleichheit. Wer plötzlich in eine Ausnahmesituation gerät, dem wachsen unbezahlte Rechnungen, Kreditraten oder die fällige Miete schnell über den Kopf.

Dinah Bühler kennt das. »Fast alle haben eine Schublade oder Kiste, in der die Rechnungen und irgendwann auch die Mahnungen verschwinden.« Doch aus den Augen, aus dem Sinn funktioniert bei offenen Forderungen nicht. Auf die unbezahlte Rechnung folgen Mahnungen, bis irgendwann der »gelbe Brief« – der Mahnbescheid – vom Gericht kommt. »Dann tickt bereits die Uhr«, sagt Bühler. Ist der »gelbe Brief« zugestellt, hat der Schuldner nurmehr 14 Tage Zeit, die Schulden zu begleichen, dann kommt bereits der Vollstreckungsbescheid und schließlich der Gerichtsvollzieher. Ab diesem Zeitpunkt muss sich der Schuldner sinnbildlich komplett durchleuchten lassen, der Gerichtsvollzieher stellt alle Vermögenswerte des Schuldners auf, von der Lebensversicherung bis zum verfügbaren Bargeld. Diese kann der Gläubiger anschließend gegebenenfalls pfänden lassen. Erst zu diesem späten Zeitpunkt findet die Mehrzahl der Verschuldeten den Weg zu einer Beratungsstelle.

Aus Scham keine Hilfe annehmen

Verschuldet ist, wessen monatlicher Finanzbedarf höher ist als die Einnahmen. »Gerade bei älteren Menschen sitzt die Scham oft tief, sich einzugestehen, 'ich habe Schulden und brauche Hilfe'«, sagt Dinah Bühler. Das führt Verschuldete oft in noch ausweglosere Situationen, etwa in neue Kredite. Die vorherrschende Denkweise ist: »Wenn ich Schulden habe, dann muss ich sie begleichen.« Das moralische Schuldgefühl nutzen zudem Inkasso-Unternehmen, deren Geschäft es ist die Forderungen einzutreiben, aus. Sie setzen die Schuldner unter Druck, indem sie diese zum Beispiel auffordern, ausstehende Zahlungen mit von Angehörigen oder Freunden geliehenem Geld zu begleichen.

Hier setzt die Arbeit der Schuldnerberatung an. »Wir urteilen nicht, sondern sagen, der Klient hat zwar Schulden, ist aber keine moralische Schuld, denn es ist auch immer unternehmerisches Risiko des Gläubigers«, sagt Bühler. Viele verzweifelte Klienten wüssten auch gar nicht, dass ihnen selbst bei hohen Schulden nicht das letzte Hemd gepfändet werden kann, und welche Rechte sie immer noch haben. Daher wird in einem ersten Schritt die Existenz gesichert. Es gibt einen sogenannten Pfändungsfreibetrag, der bei 1074 Euro liegt. »Dieses Geld bleibt dem Schuldner«, so Bühler. Eine Pfändungstabelle legt die Pfändungsgrenzen für das persönliche, monatliche Arbeits- oder Sozialeinkommen fest. Wer weniger als 1074 Euro an monatlichen Einnahmen hat, gilt daher als nicht pfändbar.

In einem nächsten Schritt werden die Forderungen überprüft und ein Haushaltsplan ausgearbeitet, um die tatsächlichen Einnahmen und Ausgaben – von der Miete bis zu Körperpflegeartikeln – genau zu kennen. Für viele Schuldner sei dies zunächst »brüskierend«, wenn plötzlich ein Außenstehender hinterfragt, welche Kosten wirklich nötig sind. Zudem wird – wenn möglich – zusammen mit den Klienten ein Entschuldungskonzept erarbeitet und bei Verhandlungen mit Gläubigern und Ämtern unterstützt. »Wir retten manchmal unseren Klienten das Leben und geben ihnen den Mut zurück, dass ein Leben ohne Schulden möglich ist.« vew