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20-Jähriger im Altenmarkter Mordprozess freigesprochen

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Der 20-jährige Freund des Altenmarkters wurde am Dienstag freigesprochen.

Traunstein – Der Mordprozess um den gewaltsamen Tod einer 53-jährigen Frau aus Altenmarkt geht nur mehr gegen deren 21-jährigen Sohn weiter. Dem mitangeklagtem 20-jährigen Freund erteilte die Jugendkammer am Landgericht Traunstein als Schwurgericht am Dienstag Freispruch. Die Prozesskosten erlegte das Gericht der Staatskasse auf. Der 20-Jährige wirkte erleichtert. Ob Staatsanwalt Markus Andrä Revision gegen das Urteil einlegt, war noch nicht zu erfahren.


Dem Sohn der Getöteten liegen Mord aus Heimtücke und niederen Beweggründen, dazu gefährliche und schwere Körperverletzung zur Last. Der Hauptangeklagte hat sich vor Gericht bisher überhaupt nicht zu den Vorwürfen geäußert. Vor Polizei und Ermittlungsrichter hatte der 21-Jährige die Bluttat an der Mutter dreimal gestanden.

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Der Jüngere hatte am zweiten Verhandlungstag reinen Tisch gemacht (wir berichteten). Bei dem mutmaßlichen Mord war der 20-jährige Trostberger nicht dabei. Der 21-Jährige hatte ihm am 15. September 2017 gegen 15 Uhr mehrere Nachrichten geschickt, er solle sofort kommen. Nach etwa einer Stunde fuhr der 20-Jährige nach Altenmarkt. Sein Freund sagte zu ihm: »Ich hab sie umgebracht.« Der Jüngere ging mit ins Wohnzimmer, wo er hinter dem Tisch hellblaue Plastiksäcke sah, unter denen Beine hervorragten. Zu hören war ein Geräusch wie »langsames Blubbern«. Der 21-Jährige wollte keinen Notarzt – mit der Begründung, dazu sei es »zu spät«.

Nach etwa einer Stunde im Keller kehrten die jungen Männer zurück ins Wohnzimmer. Laut seinem Geständnis half der 20-Jährige, die Plastiksäcke um die Leiche mit Klebeband zu fixieren. Mit Hilfe einer Leiter brachten die Beiden die Tote bei Dunkelheit zum Auto des 21-Jährigen. Nach einer Irrfahrt auf der Suche nach einer Stelle zum Begraben des Leichnams landeten sie in einem Waldstück bei Schnaitsee. Dort stießen spielende Kinder am 22. November 2017 auf die Leiche, deren Hand aus dem Boden herausragte. Die Angeklagten übernachteten damals nach Tat in dem Haus in Altenmarkt und reinigten den Tatort am nächsten Tag. Der 21-Jährige meldete seine Mutter als vermisst bei der Polizei.

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, Michaela Augenschein, empfahl die Anwendung von Jugendstrafrecht für den zur Tatzeit 19-Jährigen – wegen seiner Reifeverzögerungen: »Er kommt noch einem Jugendlichen gleich. Er muss seinen Platz im Leben suchen.« »Schädliche Neigungen« seien zu verneinen. Die Sozialprognose sei »sehr positiv«. Auch deshalb sei eine Strafe mit Bewährung angebracht. Als Auflagen regte die Fachfrau eine Geldbuße und eine Therapiedauer von noch einem Jahr an.

Staatsanwalt Markus Andrä sah ein »Motivbündel« - – von dem Abhängigkeitsverhältnis zu dem 21-Jährigen bis zu eigenen Zukunftsängsten. Zu »unterlassener Hilfeleistung« betonte der Ankläger: »Selbst wenn er Hilfe geholt hätte, wäre das Opfer wegen der schwersten Kopfverletzungen nicht mehr zu retten gewesen.« Dennoch habe der 20-Jährige »Vitalzeichen« registriert: »In so einem Fall muss jeder vernünftige Mensch einen Notarzt rufen.« Den Vorwurf der »Strafvereitelung« vertrat der Staatsanwalt – wie später der Verteidiger und das Gericht – nicht mehr, weil der 21-jährige mutmaßliche Haupttäter bislang nicht wegen einer konkreten Straftat verurteilt ist. Der 20-Jährige habe sich von Beginn an geständig gezeigt und sei »völlig unerwartet in das Tatgeschehen hineingeraten«, fuhr der Staatsanwalt fort. Andererseits wiege schwer: »Eine schwerverletzte Person liegt da. Dann stellt jemand seine eigenen Interessen voran.« Strafschärfend sei weiter das Nachtatverhalten. Eine Jugendstrafe von einem Jahr mit Bewährung und Therapieauflage sei angemessen.

Von einer »Tragödie« im Leben beider Angeklagten sprach Verteidiger Michael Fraunhofer aus Trostberg. Hinsichtlich der »unterlassenen Hilfeleistung« gelangte er rechtlich zu einem anderen Ergebnis als der Staatsanwalt. Der Freund habe erklärt: »Ich hab sie umgebracht.« Die 53-Jährige sei bei dem »blubbernden Geräusch« schon in Folie verpackt gewesen. Sein Mandant durfte davon ausgehen, »dass Hilfe nichts mehr bringen würde«, so der Verteidiger. Freispruch müsse die Konsequenz sein. Die Geschehnisse würden den 20-Jährigen »nie mehr loslassen«.

Vorsitzender Richter Dr. Klaus Weidmann bezeichnete das Verhalten des 20- Jährigen als »von Anfang an kooperativ«. Der 20-Jährige habe nach seiner Ankunft nur Minuten gehabt, »die Situation zu erfassen und emotional zu bewältigen«, dabei zu prüfen: »Was war möglich, was war geboten?« Am Tod der Frau hätten notärztliche Maßnahmen laut Rechtsmediziner nichts mehr ändern können. Der Sterbeprozess sei »irreversibel« gewesen, erläuterte Dr. Weidmann. Das »Geräusch« sei kein Lebenszeichen mehr gewesen. Aus Gründen der »prozessualen Fürsorgepflicht« habe die Kammer das Verfahren gegen den 20-Jährigen vom Hauptverfahren abgetrennt.

Die Kammer legte am Dienstag außerdem den Fahrplan für den weiterhin nichtöffentlichen Prozess gegen den 21-Jährigen fest mit Fortsetzungen am 21.  Dezember um 9 Uhr, am 4., 11. und 28. Januar, jeweils um 10 Uhr, sowie am 15., 19., 20. und 22. Februar, jeweils um 9 Uhr. Das Urteil soll am 26. Februar um 12 Uhr verkündet werden. kd

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