weather-image

70 Jahre »Tennbodenbachei«

0.0
0.0

Mit dem alpenländischen Volksliederen verhält es sich oft wie mit einem Fluss. Man weiß zwar in etwa den Ort oder die Umgebung der Quelle aber wo letztere ganz genau liegt,das wissen die Allerwenigsten. Man muss sich schon ernsthaft auf die Suche machen um zu ergründen, wo und an welcher Stelle das lebendig sprudelnde Rinnsal dem schützenden Erdboden entsteigt um seinen hürdenreichen Weg über Stock und Stein anzutreten bis hin zu seinem Ziel. Bei dem am 2. April 1943 entstandenen Lied »Von da Schwoag , ja auf d’ Hochalm..- meistens nur unter dem Namen »s’Tennbodenbachei« bekannt weiß man sowohl, wer die Melodie und den Text geschaffen hat,wo es war und auch der Ursprungsort des Tennbodenbaches, der dem Lied seinen Namen gab, ist genau bekannt. Zunächst einmal müsste man das »Tennbodenbachei« eigentlich »Tännbodenbachei« schreiben, weil es mit der Tenne, in der Heu untergebracht ist, nichts zu tun hat sondern im Bereich eines »Almbodens«, entspringt,der zumindest früher einmal ein »Tannenbestand« gewesen ist.


In den alten Katasterurkunden liest man allerdings auch manchmal »Tennboden«. Dieses quirlige »Bachei«, heute würde man weithin »Bacherl« dazu sagen, begegnet dem geneigten Leser spätestens dann, wenn er als Besucher des Märchenparks in Niedernfels die kleine Brücke vor dem Gasthof »Jägerwinkl« betritt um ein paar fröhliche Stunden mit seinen Kindern und Enkeln zu verbringen. Da verabschiedet es sich auch schon wieder um später im »Grassauer Bach« aufzugehen. Das Lied vom »Tennbodenbachei« (Tennbodenbach) , sowohl der Text auch die Melodie, stammen aus der Feder von Max Koch. Von Beruf war er Brauer und Mälzer bei der Löwenbrauerei in München. Am 9 April 1886 hatte der »königliche Oberförster« Leonhard Koch vor dem Standesbeamten in Grassau angezeigt, dass ihm und seiner Ehefrau zwei Tage vorher , also am 7.April 1886 ein Bub geboren worden sei dem man die Vornamen Max, Ludwig und Leonhard geben wolle.. Seinerzeit konnte noch niemand ahnen, dass mit dem »Koch Maxl«,wie man ihn später liebevoll nannte, ein musikalisches Multitalent das Licht der Welt erblickte, ein Klarinettist von Format, Schöpfer zahlreicher »Landler« »Schottischer« und »Walzer«, der sich obendrein auch noch der Zeichenkunst widmete, nicht wenige junge Leute im instrumentalen Spiel unterrichtete, Kraftsport zu seiner Liebhaberei erkor und letztlich sogar mit Hans Seidl , dem ehemaligen Leiter der Abteilung Volksmusik im Bayerischen Rundfunk regen musikalischen Austausch pflegen sollte. Dass aus seiner Feder einmal ein weithin bekanntes Volkslied entstehen würde ist ihm sicher nicht an der Wiege gesungen worden.

Anzeige

Kein Geringerer als der leider allzufrüh verstorbene Landwirtschaftsdirektor und langjährige 1. Vorsitzende des »Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern« , Helmut Silbernagel, schreibt in der Zeitschrift »Der Almbauer« vom Juli 1997 folgendes:«Von den vielen besonderen Almliedern ist mir das »Tennbodenbachei« schon seit Jahren eines der liebsten. Da spricht mich die Melodie an, die almerischen, innigen, ortsverbundenen Versln - und weil bei mir halt auch mit der Gegend, wo das Lied seinen Ursprung hat, enge gedankliche Verbindungen bestehen. Jede Zeile beschreibt genau das Almgebiet unter der Hochplatten (..) ist also ein ganz echtes bodenständiges Chiemgauer Almlied«.«Um es genau zu sagen drückt dieses Lied den damaligen Lebensbereich aus herunten von da Schwoag (der Nachbar Fahrnpointner -Farmboina bewirtschaftet heute die Flächen des aufgelassenen Anwesens Schwoag) gleich neben dem Schloss Niedernfels hinter Piesenhausen bis hinauf zur Piesenhauser Hochalm«.

»Zwischen der Piesenhauser Hochalm und der darunter liegenden Hochplattenalm liegt ein markanter Bergrücken und zugleich Almgrenze, da Habernspitz(...)Unterm Habernspitz (1432 m),Friedenrath und Staffen laufen dann die Wasserl fürs Tennbodenbachei zusammen und das »roast aa heut no abi go Toi« (»wenn auch auf der neuen Landkarte die Rodelbahn schon markanter und stärker eingezeichnet ist«). Dann veröffentlichte der Autor den Liedtext wie folgt: » Von da Schwoag bis auf d’ Houchoim is aa nimma weit, wo’s a Waxlaab, a greans, scheene Gamsrogei geit. Und des Tennbodenbachei roast owi ins Toi, ja do bleib i a Bois diam amoi«.

»Wenn da Auerhoh boizt und um d’Henn umadanzt, und wenn d’ Sunn aufasteigt und da Haberspitz glanzt,und de Hüatabuam schwegein und singan schee drei, ja da mecht i hoit allaweil sei«!.

Bereits hier beginnt es interessant zu werden. Aber das zeichnet ja ein echtes Volkslied aus. Silbernagel weicht an einigen Stellen vom Originaltext des Komponisten Max Koch ab, der mit den Zeilen beginnt:«Von da Schwoag, ja auf d’ Hochalm. Dabei schreibt er z.B. Alm und nicht »Oim« und nennt es »Von da Schwoag bis auf d’ Houchoim«. Heut zu Tage hört man nicht selten sogar: »Vo da Schwoag über d’ Hochalm«. Wer den Originaltext kennt wundert sich aber noch über ganz etwas Anderes. Die ursprüngliche zweite Strophe fehlt ganz. Sie lautet: »Wo da Bua a da Sennrin an Jodler naufschickt, wo da Jaga vor da Hütt’n an Hund d’ Flöh dazwickt,wo des Staodrossl singt, woltern weit konnst as hörn, ja da bin i’s halt gar a so gern«. Der Grund dürfte darin liegen, dass kein Geringerer als Wastl Fanderl in der Zeitschrift »Almfried«vom 27. Mai 1950 das »Tennbodenbachei« mit einer geringfügig veränderten Melodie veröffentlicht hat aber eben nur mit den zwei erstgenannten Strophen.

Er schreibt dazu:« Hier haben wir einmal ein neues Liadl. Ein Marquartsteiner, der Koch Maxl (seit Jahren gehört er zum guten Stamm in der Löwenbrauerei zu München ) hat es »für sich« gemacht.Heutzutage entstehen wenig Lieder die von selber den Weg ins Volk finden,sich dort zurecht singen wie man sagt um später einmal - vielleicht -als echtes Volkslied weiter zu leben. Wir - und vor allem der Koch Maxl selber wollen nicht so vermessen sein und das obige Lied für »Fertig« zu betrachten. Vom Volk selbst soll es die endgültige Form erhalten, das ist unser Wunsch.W.F. Dieser Wunsch ist später auf eine besondere Weise in Erfüllung gegangen. Nachdem offenbar immer nur die zwei veröffentlichten Strophen bekannt waren und man deshalb sogar einen Jodler hinzusetzte nahm es der 86 jährige Josef Altenweger aus

Bad Aussee in Angriff, im Jahr 1998 folgende -vermeintliche »dritte Strophe« hinzuzusetzen:« Wann de Kuahlan schee grasn und d’ Nacht zuawakimmt,in da Almhüttn drinnat de Zither schee klingt, ja da spürst halt an Almfrieden hoamli und frei, ja da möcht i halt allaweil sei. Das Ende lässt darauf schließen, dass man Fragmente der von Fanderl veröffentlichten »2.« Strophe kannte aber der Rest verloren gegangen war. Nun hat es das schöne Lied, das am 2. April dieses Jahres 70 Jahre alt geworden ist, zu einer 4. Strophe gebracht, die eigentlich einmal eine 2. Strophe war, aber als vermeintliche 3.Strophe dazukomponiert wurde. Das kann nicht jedes Volkslied von sich behaupten. Nochmals zurück zum Artikel von Helmut Silbernagl in »Der Almbauer« von 1997. Er schreibt in seinem Artikel, dass jede Zeile des Liedes genau das Almgebiet unterhalb der Hochplatte beschreibt und zwar sehr genau und begründet das u.A. damit, dass und vor allem warum die Hüatabuam »g’schwegeit« haben in der Region »Habernspitz«. Auf den benachbarten Grassauer Almen (Großrachl-Hufnagl-Pelzen-Hefter-Wimmer-Bauernschmied-Rottauer Moier und Rottauer Vorderalm) waren Hüterbuben kaum der Brauch.Warum diese aber oben am Tennboden,auf Weidenau,Platten- und Hochalm mit ihren selbstgemachten Pfeiferln »g’schwegeit und schee dreigsunge ham« ist leicht erklärlich.

In den wqeitläufigen Waldweidegebieten und den steilen Hochalmen mußte die große Viehzahl fest gehütet werden(...) und beim gegenseitigen Abhüten der gemeinschaftlich genutzten Almböden zwischen Habernspitz und Kaasbichl sind wohl etliche Hüatabuam mit ihren Herden zusammengekommen .Dann lässt uns Silbernagl noch wissen, dass die Tennbodenalm schon mehr als 100 Jahre aufgelassen und das Gebiet aufgeforstet wurde.

Für alle, die mit den Begriffen »Waxlaab« und »Gamsrogei« nichts anfangen können verweist Helmut Silbernagel in seiner »Erklärung von Fachausdrücken« darauf, dass es sich bei dem in der 1. Strophe vorkommenden »Waxlaab« um die »Stechpalme« - immergrün - (lat.«Ilex aquifolium« )handelt und dass das »Gamsrogei« andernwärts mit »Kuhschelle« bzw. »Petersbart« (lat. Pulsatilla alpina) bezeichnet wird. Dass mit der »Bois« hochsprachlich eine kleine Pause gemeint ist erklärt er auch noch. Nicht mehr zu klären ist wohl die Frage, ob der Koch Max sein „Tennbodenbachei“ wirklich nur für sich geschrieben hat, wie Fanderl meint oder ob er es der 1939 bereits verstorbenen Sennerin Maria Bachmann („Schwoaga Mit“) gewidmet hatte und es bis zu seinem Erscheinen irgendwo in der Schublade lagerte. Ein Brief, den ich 2002 von Frau Lisa Moritz aus Grassau, einer ehemaligen „Schwoagatochter“ bekommen hab, weist in die letztere Richtung. Abschließend kann man mit Fug und Recht behaupten, dass ein „Wasserl“, das ganze 70 Jahre auf seinem „Wellenbuckel“ hat wie das Lied „Vo da Schwoag, ja auf d’ Hochalm“, so springlebendig daherkommt als wenns erst gestern entsprungen wär’, wohl schon im Entstehungsjahr 1943 von besonderer Qualität gewesen sein muss.

Ein „echtes“ Volkslied ist es zwischenzeitlich allemal geworden, viel und gern gesungen weit über seine Heimatgrenzen hinaus. Leider ist das Grab von dem am 14. Juni 1969 in Prien verstorbenen Liedverfasser Max Koch nicht mehr vorhanden aber sein Name wird zumindest unter Sängern und Musikanten noch lange Jahrzehnte genannt werden.