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84 Stunden Kampf und Schmerz

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Rainer Popp (M.) fuhr trotz großer körperlicher Probleme das härteste Radrennen in Europa, das »Race across Austria« zu Ende. Sohn Florian (r.) und Jonas Winter gehörten zum Betreuerteam, das Popp bei seinem Martyrium unterstützte. (Foto: privat)

Die achte Auflage des härtesten Extrem-Radrennens in Europa entlang der Grenzen Österreichs elektrisierte einmal mehr die Fans und die Protagonisten. Bereits zum siebten Mal war der Schönauer Rainer Popp dabei und kam immer ins Ziel. Auch wenn dieses Mal dazu ein beinahe übermenschlicher Kraftakt nötig geworden war. Nur zehn Tage nach seiner 10 000-Höhenmeter-Fahrt auf der Kunsteisbahn am Königssee (wie berichtet) litt der Ultrasportler Schmerzen wie selten.


Gleich nach dem Start in St. Georgen schüttete es wie aus Eimern. Völlig durchnässt fuhren die Radler durch das Mühlviertler Hügelland in die Nacht. Bedingt durch Kälte und Nässe bekam Popp bereits nach 200 Kilometern ernsthafte Probleme. Die rechte Kniekehle und die umliegenden Bänder entzündeten sich und der Schönauer konnte die meiste Zeit nur noch im Stehen fahren. Unter großen Schmerzen eskortierte das Team um Stephan Sieber, Markus Eiben und Michael Schwarz seinen Schützling bis nach Freistadt. Eine ungeplante vierstündige Pause musste eingelegt werden. Popp konnte nicht mehr treten.

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Auch danach lief es nur unwesentlich besser. Mittlerweile war der Radsport-Oldie auf den vorletzten Platz zurückgefallen. Nur ein Ultrafahrer aus Indien lag noch hinter ihm. Mit Engelszungen beschwor ihn seine Crew, noch nicht aufzugeben. Den 14 Kilometer langen Anstieg hinauf nach Sandl Richtung Nordösterreich fuhr der Bergspezialist durchgehend im Wiegetritt. Mit der Wetterbesserung und etwas höheren Temperaturen wurde Popps Zustand zumindest nicht schlimmer.

Die aufkommende Wärme beschleunigte eine Besserung, dafür bekam Popp durch die verkrampfte Sitzhaltung und den Wind massive Nackenprobleme. Aufgeben wollte der große Kämpfer jedoch nicht. Die Betreuer versuchten alles, um ihren Fahrer durchzubringen. Von einem Spitzenplatz war längst keine Rede mehr. Vorbei am Neusiedler See durch das Burgenland erreichte das Team Popp die Steiermark, wo der Kletterer in den Weinbergen so richtig aufblühte und gewaltig Zeit gutmachte.

Die erzwungenen Nachtpausen sorgten zudem für etwas Regeneration. Mittlerweile hatte sich der 56-Jährige auf Platz neun vorgekämpft. Doch in der Nacht brach der Athlet völlig ein. Nichts ging mehr außer Schneckentempo. 90 Kilometer vor der geplanten Schlafpause in Hermagor wurde ein fast sechsstündiger Nachtstopp eingelegt. Zwischen 60 und 90 Kilometer wuchs der Rückstand auf die vor ihm liegenden Konkurrenten.

Doch mit dem Morgengrauen stieg ein anderer Rainer Popp aufs Rad. Die Knieschmerzen waren fast verschwunden, die Nackenschmerzen blendete er weitgehend aus. In Rekordtempo radelte der sechsfache Senioren-Weltmeister durch das Lesachtal, über den Karnitscher Sattel und den Felbertauern. Der Großglockner war zwei Tage gesperrt und so mussten alle Fahrer die Umleitung über Mittersill fahren. Am Felbertauern war der große Kämpfer bis auf den fünften Platz vorgedrungen.

Doch das Team bekam ein anderes Problem. Wegen der weiten Heimreise musste die Crew in Zell am See ausgetauscht werden. Sohn Florian Popp und Jonas Winter sprangen kurzfristig ein. Über den Dientener Sattel und das Wiestal quälte sich Rainer Popp, ständig angefeuert von seinen Sekundanten, unter wieder einsetzenden Nackenschmerzen durch die Nacht ins Ziel nach St. Georgen. Nach insgesamt 84 Stunden hatte das Martyrium ein Ende. Schwer gezeichnet stand der Rekordfinisher im Ziel noch Rede und Antwort. Über 120 Kilometer nahm Popp seinen vor ihm liegenden Konkurrenten an diesem Tag noch ab. 22 Stunden saß er zum Schluss fast durchgehend im Sattel.

»Nach dem Rennen durch Amerika war diese Schlacht das bisher härteste Rennen meiner Karriere. Ich bin völlig platt und leer«, so Popp nach der unglaublichen Fahrt in Österreich. Christian Wechslinger

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