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90 Minuten Todesangst

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Stefanie Enzinger bekam im März 2015 ein zweites Leben geschenkt. Die Teisendorferin überlebte einen Lawinenabgang im Pinzgau. Im SWR erzählt sie morgen Abend ihre Geschichte in der Sendung »Nachtcafé«. (Foto: Bittner)

Teisendorf – Ihr größtes Glück ist, dass sie miterleben darf, was aus ihren beiden Kindern wird. Stefanie Enzinger lag 2015 eine ganze Fußballspiel-Zeit lang unter einem Lawinenkegel im Mitterkar des 2567 Meter hohen Klemerbrettkopfs in der Goldberg-Gruppe nahe des Großglockners; bewegungsunfähig, dem Erfrieren nah. Nach 200 Metern der Turbulenzen und des Nicht-Wissens, wie das endet. »Nur« 30 Zentimeter unter der Oberfläche, und doch chancenlos, von selbst zu entkommen. 90 Minuten lang lag sie unter der Last, in einer Art sitzenden Stellung, mit dem Gesicht nach unten. Überlebenschance sieben Prozent. Sie hatte bereits abgeschlossen, mit allem.


Schäferhündin Eyca war die Rettung

Plötzlich berührte sie eine kalte Hundeschnauze: Schäferhündin Eyca hatte Steffi Enzinger gefunden. Mit der Hilfe ihres Besitzers Wilfried Lederer aus Leogang und rund 50 weiteren Helfern gelang die Rettung. Seit diesem Tag sind Steffi Enzinger und »Wiff« Lederer in besonderer Art verbunden in einer außergewöhnlichen Freundschaft, entsprungen aus Dankbarkeit, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Das war in jener Sekunde der Erleichterung klar, als sich das Entkommen aus einer Hölle in Eis, Schnee und Kälte abzeichnete. Jedes Treffen ist hoch emotional, Eyca ist mittlerweile leider verstorben.

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Steffi Enzingers Erinnerungen drehen sich aber vor allem um ihren Kameraden Fritz aus Straßwalchen, damals 70 Jahre alt, dem sie ebenfalls ihr Leben zu verdanken hat. Er war zeitgleich verschüttet worden, konnte aber noch per Handy einen Notruf absetzen, obwohl er an einen Baum geprallt war. Zwei Wochen später erlag er seinen schweren inneren Verletzungen. »Das war furchtbar. Ohne ihn wäre ich ebenfalls nicht mehr da. Anfangs konnte ich mich deshalb gar nicht darüber freuen, dass es für mich so gut ausgegangen war«.

Seelisch ist ein solcher Schicksalsschlag kaum zu verarbeiten: »Es ist jetzt schon vier Jahre her, es wird weniger, aber es bleibt für immer«, beschreibt die 54-Jährige den Schmerz in ihrem Herz. Körperlich ging es ihr schon bald nach dem Lawinenabgang wieder richtig gut. »Ich bin schon im Sommer des gleichen Jahres viel Rad gefahren, war Berggehen«.

Mit den Skitouren schloss sie erst einmal ab, wagte erst in diesem Winter wieder erste Schritte mit den Fellen unter den Brettern: »Die Leidenschaft gewann doch die Oberhand, wenngleich ich die Gedanken an damals freilich immer im Hinterkopf trage. An das Unglück selbst darf ich dabei aber nicht denken, sonst geht es nicht. Meine Freundinnen lenken mich während der Touren mit vielen Gesprächen ab.«

Am 17. März 2015 war Steffi Enzinger mit vier erfahrenen Skitourengehern zwischen 50 und 78 Jahren in Bad Fusch gestartet. Es herrschte Lawinenwarnstufe 2, also gering. »Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass heute so etwas passieren könnte«, erinnert sie sich. Ausgerechnet an diesem schönen Tag vergaß sie ihre Lawinen-Ausrüstung – zum ersten Mal. Die Tour sollte als Vorbereitung für ein größeres Ziel dienen: den Großvenediger (3657 Meter).

»Ich war mir sicher, dass ich erfriere«

Die Gruppe hatte sich irgendwann aufgeteilt, Steffi ging mit Fritz weiter, dann wollten sie doch zurück zu den anderen, weil ihr der Aufstieg zu steil wurde. Eine Hangquerung löste die Katastrophe aus. Körperlich kam die gebürtige Teisendorferin mit einem blauen Auge davon: Meniskusriss, Muskelfaserriss, Prellungen, eine schwere Unterkühlung unter 30 Grad Körpertemperatur: »Ich war mir sicher, dass mich die Retter niemals finden und ich erfriere. Ich war irgendwann unfähig zu schreien, hatte einfach keine Kraft mehr«. Luft bekam sie durch einen glücklicherweise entstandenen Hohlraum vor ihrem Gesicht. Sämtliche Tipps, die Skibergsteiger immer wieder hören, wenn sie in eine solche Situation geraten, widerlegt sie jedoch: »In dem Moment geht alles so schnell. Es überschlägt einen permanent, man ist machtlos.«

Die 90 Minuten unter der Nassschneelawine kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. »Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen«. Heute sagt sie: »Seit diesem Tag habe ich vor dem Sterben keine Angst mehr. Aber natürlich möchte ich noch lange leben«. Und wenn es nach einem Klischee klingt – sie lebt seitdem intensiver, viel bewusster, macht Dinge, die sie früher aufgeschoben hätte, gleich und weiß das Leben, das ihr ein zweites Mal geschenkt wurde, bei Weitem besser zu genießen.

Ihr größtes Glück sei mitzuerleben, wie sich ihre Kinder Julia (27) und Herbert (25) entwickeln. Ihre Tochter beschloss vor Kurzem erfolgreich ihr Master-Studium, ihr Sohn ist Spitzentriathlet, der heuer bei der WM und mit dem Team des RSV Freilassing in der zweiten Bundesliga antritt – damit taucht er bereits in den Profibereich ein. Dass sie bei seinen Wettkämpfen in der Region live dabei sein kann, ist für Steffi Enzinger nicht nur eine große Freude, sondern ein echtes Wunder.

Morgen Abend im SWR zu sehen

Dem Südwestdeutschen Rundfunk (SWR) erzählt Stefanie Enzinger unter dem Titel »Gefangen« ihre Geschichte in der Sendung »Nachtcafé« mit Moderator Michael Steinbrecher am morgigen Freitag ab 22 Uhr. bit