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»Über die untergehende Sonne ergießt sich der Vollmond«

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Die Zuhörer ließen sich von Hossam Mahmoud, Vera Kluge, Mirga Gražinyte-Tyla und Frank Stadler bereitwillig in den Zustand des »Tarab« versetzen. (Foto: Janoschka)

Dass die Kulturinitiative Ruhpolding ein abwechslungsreiches und anspruchsvolles Programm auf die Beine stellt, ist seit vielen Jahren bekannt. Was aber kürzlich im Kulturhaus Nagl zu hören war, war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.


Denn auf dem Programm stand ein für europäische Ohren ungewohntes Konzertprogramm mit arabischen Liebesliedern. Zudem war die Besetzung des Quartetts außergewöhnlich – Mirga Gražinyte-Tyla, Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra, bereicherte das Quartett mit ihrem Gesang, Frank Stadler ist Konzertmeister des Mozarteumorchesters Salzburg, Vera Kluge brachte verschiedene Register an Flöten zum Klingen, und Hossam Mahmoud spielte typisch arabische Instrumente wie die Oud, eine bundlose Laute mit einem birnenförmigen Corpus, ebenso wie Duff, auch Daf genannt, eine Rahmentrommel ähnlich einem großen Tamburin und Riqq, quasi die kleine Schwester der Daf, die aber mit einem Schellenring versehen ist.

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Zum zweiten versetzten die Musiker mit der Art der Musik, nämlich »Tarab – Arabische Instrumentalstücke und Lieder« wie auch mit der genannten Auswahl der Instrumente das Publikum in eine ferne (musikalische) Welt und in eine besondere, meditative Stimmung. Hossam Mahmoud erklärte die Titel der Stücke, zum Beispiel »Samaai«, eine Form, die dem Rondo in der europäischen Musik entspricht. Auch in den Tonskalen, die man »Maqam« nennt und mit ihren Mikro-Intervallen, unterscheidet sich die arabische Musik von der europäischen.

Die meisten Komponisten seien unbekannt, bedauerte Mahmoud, denn die Musik ist nach Gehör überliefert worden. Es handele sich daher meist um Bearbeitungen von alten Stücken, deren Urheber namentlich nicht in Erscheinung treten. Unter denjenigen, die diese Stücke auf Grund der Überlieferungen ausgearbeitet haben, seien nicht nur Moslems, sondern auch Christen und ein Jude.

Der Rhythmus ist ebenfalls ungewohnt für westliche Ohren, zum Beispiel beim 10/4-Takt. Die Hauptsache in der alten arabischen Musik sei der Gesang, und im Unterschied zur europäischen Musik folge der Sänger oder die Sängerin den Instrumenten nicht, sondern bestimme den Gefühlsgehalt und die Art, wie der zentrale Basiston mit seinen benachbarten Tönen improvisatorisch umspielt wird, und die Instrumente passen sich der Führung durch die Stimme an. Die tonale Komponente bei der »Maqam«-Darbietung ist dabei zwar festgelegt, aber klar auskomponierte Themen oder Rhythmen fehlen. »Es ist eine Kombination zwischen Komposition und Improvisation,« erläuterte Hossam Mahmoud, »denn die Sängerin improvisiert nach ihrem Gefühl, und wir folgen ihr in dem, was sie macht.«

Die Texte dieser Liebeslieder sind lyrisch und voller Metaphern. Zum besseren Verständnis trug Mirga Gražinyte-Tyla die Worte vor der musikalischen Darbietung als Gedicht auf deutsch vor. »Die Gefühle sind ruhig und erzählen von dem Samen der Blüte«, endete zum Beispiel eines der Lieder.

Mirga Gražinyte-Tyla variierte gefühlvoll mit flexibler, aber klarer Stimmführung und machte dadurch den emotionalen Inhalt des lyrischen Textes intuitiv verständlich. Sie erschuf die sentimental-gefühlsbeladenen Kantilenen hingebungsvoll mit unterschiedlich-intensiver Dynamik und langem Atem, vollends getragen von den Begleitinstrumenten in unterschiedlicher Konstellation, nämlich der Violine und ihrer Ostinato-Begleitung oder kurzschrittigen Intervallbewegungen, vom sanften Rhythmus von Duff und Riqq, den Hossam Mahmoud mit einer bestimmten Fingerbewegung auf dem Fell innen oder am Rand der Rahmentrommel erzeugte, von der auf der Oud gezupften Melodie und von Vera Kluges samtenen Flötenklängen, von der Piccolo bis zur Bassflöte.

Alle, die Sängerin ebenso wie die Instrumentalisten, nutzten sämtliche Klangmöglichkeiten und -kombinationen, rhythmisch-melodische sowie technische Besonderheiten, um den arabischen Klangcharakter zum Ausdruck zu bringen.

Das Ziel war es, »Tarab« auszulösen, musikalische Ergriffenheit bei den Zuhörern, und dazu war »Saltana«, definiert als intensive Konzentration und sicheres musikalisches Können, nötig. Das Experiment gelang. Ein wirklich außergewöhnlicher Abend im Kulturhaus Nagl in Ruhpolding.

Brigitte Janoschka