Ab ins Kloster!

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Eine Traumrolle für Altmeister Placido Domingo (links) war der Athanaël in der konzertanten Aufführung der Oper Thaïs in Salzburg. Die Rolle der Nobelkurtisane wurde von der beeindruckenden Marina Rebeka gesungen. Es spielte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Patrick Fourniller. (Foto: Salzburger Festspiele/Marco Borelli)

Placido Domingo, der alte Fuchs, weiß, wie er sich einschätzen kann und was er sich (noch) zutrauen darf. Die Rolle des Eremiten Athanaël in Massenets »Thaïs« gehört dazu, obwohl sie für den Sänger kaum eine Minute zum Durchschnaufen bereit hält.


Immer steht Athanaël in der ersten Reihe, ist er damit beschäftigt, Thaïs, die Nobelkurtisane von Alexandrien, auf den rechten Weg zu bringen. Aus der Wüste hat er eigens den Weg in die Stadt gesucht, um die junge Dame dem sündhaften Leben zu entreißen. Sie ist nur anfangs hochnäsig und kokett, in Wahrheit nagt in ihr der G'wissenswurm. Die Argumente des Eremiten sitzen. Die »Méditation«, das hochberühmte Intermezzo der Solovioline (originellerweise mit gesummtem Chor, der in Konzertaufführungen im Regelfall wegbleibt), steht an dieser markanten Stelle im zweiten Akt: eine musikalisch wollüstige Läuterung auf der Hinterbühne ohne Beispiel.

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Thaïs landet also im Kloster und bald drauf im Himmel, Athanaël ist arm dran: Hat er sich doch glatt verliebt in die Schöne, was der Seele des Charismatikers in der Mönchskutte einen Akt lang enorm zusetzt.

Das Ambivalente – Gotteseiferei, aber auch das Hingezogen-Sein zur jungen Frau und sogar ein Quäntchen Eifersucht – macht den Athanaël zum plastischen Charakter: einfach eine Traumrolle für Placido Domingo. Mit bewundernswerter Kondition bringt er seine Argumente vor, am Ende sogar mit staunenswerter Steigerung in Volumen und Lyrik. Immer eng am Wort, und doch ohne Abstriche in der Kantilene ist er omnipräsenter Gegenpol zur beeindruckend farbenreichen Marina Rebeka in der Titelrolle. Mindestens so eindrucksvoll, wie Thaïs das pralle Leben besingt, gerät sie unversehens in die Midlife-Crisis, in der Arie vor dem Spiegel »Sag mir, dass ich schön bin und schön sein werde für immer«. Marina Rebeka bringt die unverstellte Leidenschaft dann auch rüber in die Lebensphase als Bekehrte, zum Weinen schön scheidet sie in das erhofft-bessere Jenseits. Es ist ja ein eigenartiges Finale: Er, der Mönch Athanaël, offenbart ihr seine Glaubenskrise, und sie kriegt von alledem nichts mehr mit...

Bemerkenswerte Sängerleistungen drumherum, etwa von dem wunderbar sich rundenden Tenor Benjamin Bernheim (Nicias), dem dunklen Bass Simon Shibambu (als Klostervorsteher Palémon). Letzterer ist Mitglied der »Young Singers«-Crew der Festspiele, so wie die koloraturenprächtige Mirielle Murphy (La Charmeuse) und die samten färbende Mezzosopranistin Szilvia Vörös (Albine).

Einziger Schwachpunkt der konzertanten Aufführung unter Patrick Fournillier bei den Salzburger Festspielen war das Münchner Rundfunkorchester, das in den Streichern, aber vor allem auch in den so oft eingesetzten Querflöten seltsam unflexibel gewirkt und den Klangfarben dieser Partitur bei weitem nicht entsprochen hat. Reinhard Kriechbaum

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