Abgeordneter Klaus Steiner fordert Änderung auf EU-Ebene: »Wir müssen den Schutzstatus des Wolfs ändern«

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Sechs tote Tiere hat der Bergener Landwirt Stefan Rappl zu beklagen, fünf Schafe und ein Lamm, von dem jede Spur fehlt. Um auf seine Geschichte aufmerksam zu machen und die Politik zum Handeln zu veranlassen, hat er die toten Tiere an der Hauptstraße abgelegt.

Bergen – Hohe Wellen schlägt der vermutete Wolfsriss in Bergen, bei dem ein Landwirt fünf tote Schafe und ein fehlendes Lamm zu beklagen hat. Wie bereits berichtet, waren die toten Tiere am Samstag nur rund 250 Meter von der Wohnbebauung entfernt gefunden worden – allesamt getötet durch einen Kehlbiss, eines von hinten her angefressen, das tote Lämmchen, das in ein bis zwei Tagen zur Welt gekommen wäre, hing noch an der Nabelschnur. Ein Bock lebte noch, er musste von seinen Leiden erlöst werden.


»Das ist eine Katastrophe, die Rappls sind fix und fertig«, berichtet Nachbarin Irmi Guggenbichler aus Staudach-Egerndach. Sie hat zusammen mit Monika Rappl die getöteten Tiere fotografiert, und es sind wahrlich schreckliche Bilder. Guggenbichler ist selbst Züchterin kleiner Minishettys und dem einen oder anderen auch als Sennerin der Hefteralm bekannt, wo heimische Landwirte im Sommer ihre Kaltblüter auftreiben.

»Können doch nicht alle Tiere dauernd einsperren«

Sie hat ihre Ponys auch schon von der Alm geholt – »obwohl das Wetter noch gut gewesen wäre. Aber wir können doch nicht alle Tiere dauernd einsperren. Da heißt es jahrelang, wir sollen unsere Tiere artgerecht auf der Weide halten, und dann lässt man uns im Stich, wenn der Wolf kommt.«

Auf der Alm Zäune bauen, davon hält sie gar nichts. »Die sind ja dann auch problematisch für die Wildtiere. Die Ricke springt vielleicht noch ins Gehege, um sich in Sicherheit zu bringen, aber das Kitz springt zehn-, 15-mal an den Zaun mit 8000 Volt, bevor es gefressen wird. Und auch, wenn wir das nachts hören und aufstehen, bis wir runter kommen, ist es zu spät.«

Man lebe ja nicht mehr im 18. Jahrhundert, wo man noch beim Vieh draußen geschlafen habe. Abgesehen davon kosteten die Schutzzäune viel Geld und bauten sich nicht alleine auf und ab, Drähte 15 Zentimeter über dem Boden seien am Berg praktisch nicht machbar. Und Schutzhunde gingen ja auch Wanderer an – »wir sind eine Urlaubsregion, bei schönem Wetter sind unglaublich viele Menschen in den Bergen unterwegs. Wie soll denn das gehen?« Abgesehen davon gebe es durchaus auch Berichte über Bisse von Schutzhunden an den Tieren, die sie eigentlich beschützen sollten.

Im vergangenen Jahr sei auf der Alm ein Reh gerissen worden, direkt neben der Hütte. »Die DNA-Probe ergab, dass es sich um einen Timberwolf gehandelt hat.« Aktuell, so Guggenbichler, seien Wolfssichtungen am Samstag an der Wimmer-Alm auf der Hochplatte und in Axdorf am gestrigen Dienstag gemeldet worden.

Kaltblut-Züchterin Rosemarie Schröder berichtet dem Traunsteiner Tagblatt, sie sei mit dem Hund beim Nachbarn, der auch Pferde halte, auf der anderen Straßenseite spazieren gegangen, da sei ihr der Wolf an einer Bank aufgefallen. »Der war gar nicht weit weg von mir.« Und er habe sich zunächst weder von ihren Versuchen, ihn zu verscheuchen, noch von dem Gebell ihrer Hündin verjagen lassen. Schließlich sei er dann doch in Richtung Tinnerting davon getrottet.

In Anger im Landkreis Berchtesgadener Land wurde am Dienstag ein totes Schaf gefunden. »Nach erstem Begutachten durch einen Jäger handelt es sich vermutlich um einen Wolf als Täter – klassischer Kehlbiss und Anfressen der Beute von hinten«, schreibt Guggenbichler dazu.

Zu dem immer wieder geäußerten Vorwurf, den Schafhaltern gehe es nur ums Geld – für einen nachgewiesenen Wolfsriss gibt es eine Entschädigung vom Staat – sagt Guggenbichler: »Das ist doch ein Witz. Das waren hochwertige Zuchtschafe, das dauert doch alles, bis die Nachzucht wieder zur Zucht einsetzbar ist. Die waren extra im Ort und nicht auf der Alm, damit sie besser geschützt sind. Wenn der so nah zu den Häusern kommt, geht er vielleicht irgendwann auch Spaziergänger mit Hunden oder spielende Kinder an!« Praktiziert werde hier definitiv ein Zwei-Klassen-Tierschutz. »Warum sind denn unsere Tiere nur noch Wolfs-Futter? Warum schützt man die nicht?«

»Abwägen müssen die Experten«

»Wenn man Tiere verliert, die man pflegt und umsorgt, ist das einfach nur brutal«, sagt Bürgermeister Stefan Schneider, der am Telefon hörbar um die richtigen Worte ringt. Man befinde sich in dem Spannungsfeld zwischen Tierschützern, die den Wolf vor dem Aussterben bewahren wollten, und den Landwirten, die gänzlich wolfsfreie Alpen forderten. Das Abwägen zwischen beiden Forderungen müssten Experten übernehmen.

In Bergen gebe es viele Schafhalter mit nur wenigen Tieren, die aktive Landschaftspflege leisteten und die man unbedingt unterstützen müsse. Die Flächen müssten ja gemäht werden, man dürfe nicht riskieren, dass die Landwirte aufhören. Auch Schneider zeigte sich überzeugt, dass es praktisch nicht umsetzbar sei, überall auf den Bergen Zäune zu bauen – »da kommen ja Wanderer auch nicht durch«.

Sie habe schon mehrere bitterböse E-Mails von aufgebrachten Landwirten erhalten, sagt dazu Landtagsabgeordnete Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. Und anders, als viele ihr unterstellten, sei sie keineswegs eine Verfechterin des Wolfs. »Weide und Wolf, das geht auf Dauer so nicht zusammen. Natürlich muss das reguliert werden, aber der Wolf genießt europaweit höchsten Schutzstatus. Das ist ganz schlimm, was da in Bergen passiert ist, wirklich erschütternd«, zeigt sich Sengl betroffen.

Aber wichtig sei jetzt eine sachliche Diskussion, man müsse die Gemüter so gut es geht, beruhigen. »Und ja, man wird zu irgendeiner Art Regulierung kommen müssen, aber ohne den Wolf auszurotten. Dazu brauchen wir einen Herdenschutz, den wir Grünen schon seit Jahren fordern, und Wolfsabwehrzäune, wo das möglich ist«, so Sengl. Es gebe durchaus Schafhalter, die Schutzzäune bauten, unter der Litze hindurch mähten und die 100-prozentige Förderung des Staats in Anspruch nähmen. Durchziehende Wölfe werde es immer wieder geben. Da brauche man gute Lösungen.

»Wir müssen den Schutzstatus des Wolfs auf EU-Ebene ändern«, sagt dazu Landtagsabgeordneter Klaus Steiner (CSU). »Alles andere ist bloß Kosmetik. Was passiert ist, ist furchtbar, ich verstehe die Wut der Tierhalter.« Er habe der Familie Rappl geraten, »die Ergebnisse der DNA-Untersuchung abzuwarten.« Aber ein Hund reiße ein Schaf, nicht fünf oder sechs, gibt er zu bedenken.

Rappl könne ja Vergleichsproben an ein privates Labor schicken, so Steiner – was laut Guggenbichler bereits geschehen sei. »Immer, wenn es irgendwo einen Riss gibt, erhöht sich die Zahl der streunenden Hunde schlagartig um 100 Prozent. Und da soll man nicht misstrauisch werden.«

»Müssen uns an solche Bilder gewöhnen«

Ihn ärgere der Vorfall massiv, so Steiner weiter. »Ich kämpfe seit Jahren gegen die Wiederansiedlung der großen Beutegreifer Wolf und Bär.« Wenn sich Rudel in den Bergen bildeten, »dann müssen wir uns an solche Bilder künftig gewöhnen«. Weidetierhaltung sei mit Wolf und Bär einfach nicht vereinbar. Er kämpfe seit Jahren darum, den Schutzstatus des Wolfs auf EU-Ebene zu ändern, aber alle Initiativen seien bisher auf Bundesebene gescheitert. »Und das Bundesumweltministerium weigert sich, da auf EU-Ebene etwas voranzubringen.«

coho