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Absurde Geschichte im Gerichtssaal

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Marktschellenberg: Absurde Geschichte im Gerichtssaal
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Ein 63-jähriger Autofahrer muss 1800 Euro Strafe bezahlen. (Foto: Hannes Höfer)

Marktschellenberg – Nicht nur die Richterin zeigte sich verwundert, behaupteten doch der Autofahrer und seine Frau, die Radlerin sei »von hinten« gekommen. Am Nachmittag des 11. August 2019 hatte der 63-jährige Reichenhaller mit dem Außenspiegel seines Kleinbusses die 60-jährige Hausfrau aus Schönau am Königssee touchiert.


Die Radlerin stürzte kurz vor Marktschellenberg auf die Fahrbahn und verletzte sich dabei schwer. Der Einspruch des Bahnmitarbeiters gegen einen Strafbefehl über 30 Tagessätze wegen fahrlässiger Körperverletzung blieb am Laufener Amtsgericht auch erfolglos.

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Die »gute Frau« sei von hinten gekommen, schilderte der 63-jährige Fahrzeuglenker, »sonst hätt‘ ich sie ja geseh‘n«. Und zwar ausgerechnet dann, als er wegen Gegenverkehrs habe ausweichen müssen.

Die B305 von Österreich nach Berchtesgaden weist beidseitig einen etwa eineinhalb Meter breiten Radstreifen auf, abgegrenzt mit einer durchgehenden weißen Markierung. Die Tour rund um den Untersberg hatte sich das Schönauer Ehepaar an diesem sonnigen Sonntag vorgenommen. Der 61-jährige Ehemann sei voran geradelt, sie dahinter, schilderte die Frau im Zeugenstand, »dann ein Stoß und ich lag auf der Straße«. Und zwar direkt auf der Fahrbahn. Helfer kümmerten sich um die Frau und den Verkehr.

»Zum Glück trug ich einen Helm«, sagte die Pedelec-Fahrerin. Die Verletzungen waren dennoch gravierend: Schulter und Oberarm waren gebrochen, eine Woche lag sie nach den Operationen in der Unfallklinik. Heute noch hat die Frau Platten und Schrauben im Körper und große Probleme bei aller Art von Handgriffen. Ihre Kosten wurden bislang erstattet, ein Zivilstreit steht noch aus. Eine Entschuldigung hat es von dem Angeklagten nie gegeben. »Wie haben sie sich gefühlt?«, fragte Richterin Dr. Elisa Frank den 63-Jährigen nicht ohne Grund, denn der soll noch an der Unfallstelle geäußert haben, es sei »drei Tage schlecht beisammen gewesen«.

Der Anstoß geschah nach fünfstündiger Heimfahrt aus dem Urlaub. »Die sind nebeneinander gefahren«, beschrieb die Frau des Angeklagten das Radler-Ehepaar. Die 55-Jährige war auf der Rückbank des Kleinbusses gesessen. »De Zwei sin bei uns vorbei g'fohrn – so wars«, behauptete auch sie. Beide E-Radler versicherten aber, maximal mit 20 Kilometer pro Stunde gefahren zu sein, während die beiden Autoinsassen ihre eigene Geschwindigkeit mit etwa 50 km/h angaben.

Dass die Radfahrer »von hinten« gekommen seien, erachtete sowohl die Richterin als auch der Staatsanwalt für unglaubwürdig. Selbst bei dem geschilderten Gegenverkehr müsse auf den Radlerrandstreifen geachtet werden. Thomas Krojer mochte die Folgen und Spätfolgen für die Schönauerin berücksichtigt sehen. Der Staatsanwalt beantragte eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 40 Euro und ein einmonatiges Fahrverbot.

Von einem »unglücklichen Ereignis« sprach Rechtsanwalt Andreas Penkhofer. »Mein Mandant musste ausweichen, sonst wäre er mit dem Gegenverkehr kollidiert.« Möglicherweise habe der ja einen »Fehler gemacht«, aber die Fahrlässigkeit sei doch »äußerst gering« gewesen, so der Verteidiger, daher Freispruch.

Dr. Elisa Frank entschied auf 45 Tagessätze à 40 Euro und einem einmonatigen Fahrverbot. »Der Angeklagte hat die Radfahrerin schlicht und einfach übersehen«, fasste die Strafrichterin ihre Sicht zusammen. Nicht gefallen hat Frank auch das »Nachtatverhalten« des Reichenhallers. höf