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Abwasser fließt nach Anif – Marktschellenberger müssen sich an Kosten beteiligen

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Marktschellenberg: Abwasser fließt nach Anif – Bürger müssen sich an Kosten beteiligen
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Die Technik der Kläranlage in Marktschellenberg ist so veraltet, dass eine Sanierung kaum mehr möglich ist. Sie soll 2021 abgebaut werden. (Foto: Annabelle Voss)

Marktschellenberg – Die Marktgemeinde Marktschellenberg leitet künftig ihr Abwasser über die Grenze zum Reinhalteverband Tennengau Nord ab. Darüber informierte Bürgermeister Michael Ernst den Gemeinderat in seiner Sitzung am Dienstagabend.


Da es aufgrund von Corona keine Infoveranstaltung gab, sollen die betroffenen Bürger innerhalb der nächsten 14 Tage per Brief informiert werden – auch über die Kosten. Diese betragen für den Bürger 3,66 Euro pro Kubikmeter umbauter Raum eines Gebäudes. Michael Ernst erklärt dem »Anzeiger«: »Man kann schätzen, dass man bei einem Einfamilienhaus mit Kosten zwischen 3000 und 4000 Euro zu rechnen hat.« Diese müssen in zwei Raten, 2023 und 2026, abbezahlt werden.

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Das Thema Abwasser beschäftigt die Gemeindeverwaltung schon seit Jahren. Die Kläranlage in Marktschellenberg, an der B305 gelegen, ist so veraltet, dass Aufsichtsbehörden einen Betrieb nur noch für kurze Zeit zulassen, sagte Michael Ernst in seinem Vortrag. Vier Varianten seien von der Verwaltung geprüft worden. Variante eins wäre eine Vollsanierung. »Aufgrund des Alters und der Technik, die es so schon gar nicht mehr gibt, kommt das nicht infrage«, erklärte der Rathauschef.

Variante zwei wäre der Neubau. Dieser würde 4,5 Millionen Euro kosten. Zudem wäre der Betriebsaufwand wesentlich größer, da der Markt eine Vollzeitkraft einstellen müsste. Variante drei würde bedeuten, dass das Abwasser künftig nach Berchtesgaden abgeleitet wird. »2,1 Millionen Euro würde der Leitungsbau kosten«, so Michael Ernst. Die Kläranlage werde dort vom Markt Berchtesgaden betrieben, die anderen Gemeinden seien »Kunden«. Das bedeutet noch mehr an Kosten. Zudem seien mehrere Pumpwerke auf der Strecke nötig. Alleine der Strom dafür würde mit 15.000 Euro jährlich zu Buche schlagen.

Der Markt Marktschellenberg hat sich schließlich für Variante vier entschieden: Die Ableitung zum RHV Tennengau Nord in Anif. Der Hauptsammler und der Beitrag für den Reinhalteverband liegen bei 2,2 Millionen Euro. Da es sich laut dem Rathauschef um eine interkommunale Zusammenarbeit handelt, wird das Vorhaben gefördert. »Der Freistaat übernimmt den Leitungsbau.« Je nach Fördersumme fallen »im schlechtesten Fall« für Marktschellenberg 1,8 Millionen Euro an Kosten an.

In den Gesprächen mit den Betreibern konnte man sich »nähern« und herausarbeiten, wie die Maßnahme für alle Seiten am wirtschaftlichsten ausfalle.

Zu früheren Zeiten, erinnerte Ernst die Gemeinderatsmitglieder, habe Marktschellenberg den Klärschlamm landwirtschaftlich genutzt. Das sei heutzutage aufgrund der Zusammensetzung – zum Beispiel befinden sich Hormone, Mikroplastik und sonstige Stoffe darin – nicht mehr möglich. Der Abtransport von Klärschlamm ist sehr teuer, fuhr Michael Ernst fort.

Die Gemeinde kann mit einer Zuwendung vonseiten des Wasserwirtschaftsamts rechnen. Das sei aufgrund der Corona-Pandemie zeitweise nicht sicher gewesen. Nun ginge es darum, »festzulegen, wie wir mit den Kosten umgehen sollen.« Der Betrag von maximal 1,8 Millionen Euro soll nach aktuellem Stand nach dem Modell »Verbesserungsbeitrag« gezahlt werden, auf zwei Raten: Die erste wird im Jahr 2023, die zweite im Jahr 2026 fällig. Der Bürger muss an der Bezahlung beteiligt werden. »Dazu schicken wir in den kommenden 14 Tagen eine Information an die betroffenen Bürger per Post hinaus«, sagte Ernst am Dienstagabend. Wer Fragen dazu hat, kann sich jederzeit an die Gemeinde wenden.

Das alte Klärwerk an der B305 soll abgebaut werden. Dies, sowie die Umstellung auf das neue System, soll 2021 erfolgen. Sollte es möglich sein, so will Michael Ernst die Bürger bei einer Informationsveranstaltung nach den Sommerferien auf den neuesten Stand bringen. »Es wird sicher rege Diskussionen geben«, prophezeit er. Zweiter Bürgermeister Wolfgang Lochner (CSU) erkundigte sich im Anschluss nach der genauen Fördersumme. Michael Ernst antwortete, alles in allem seien es 450.000 Euro. Sophie Stanggaßinger (CSU) meldete sich ebenfalls zu Wort: »Das hört sich jetzt alles so harmonisch an, wenn wir darüber sprechen. Ich möchte aber noch mal daran erinnern, dass dem unglaublich viel vorausgegangen ist.«

Es habe unzählige Diskussionen im Gemeinderat gegeben und es stecke viel Arbeit in dem Projekt. »Michael Ernst, der vorher Geschäftsleiter der Gemeinde war, hat sich da sehr reingehängt«, lobte sie den Bürgermeister. Dieser sagte: »Die Entscheidungsfindung war nicht leicht und es wurde teils kontrovers diskutiert.« Alleine die unterschiedliche Behandlung bei der Umsatzsteuer in Deutschland und Österreich habe einen »enormen Aufwand verursacht«.

Nikolaus Rußegger (Grüne) weiß, wie viele Auflagen es für das Betreiben einer Kläranlage gibt und gab zu bedenken: »All die Auflagen hätte eine kleine Gemeinde wie Marktschellenberg nie erfüllen können.« Die nun gewählte Variante sei für alle am besten, auch für den Geldbeutel.

Thomas Schertler (Bürgerliste) kritisierte, dass man zu »spät dran« sei: »Der Bürger hätte schon vor zwei Jahren wissen müssen, welche Kosten auf ihn zukommen. Ältere müssen sich das ja erst einmal zusammensparen.« Annabelle Voss