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Alarm: Dem Weltmeister laufen die Fußballer davon

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Roberto Soldado
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Roberto Soldado soll bei den Spurs einen Vierjahresvertrag erhalten. Foto: Manuel Bruque Foto: dpa

Madrid (dpa) - Der spanische Nationalstürmer Roberto Soldado hat als vorerst letzter Reißaus genommen. Nach langem Streit mit FC- Valencia-Präsident Amadeo Salvo um eine Gehaltserhöhung bestieg der 28-Jährige am Donnerstagabend schimpfend die Maschine nach London.


«Der Presidente hat mich angelogen», wetterte der neue Mann von Tottenham Hotspur vor Journalisten. Vor Soldado waren in diesem Sommer bereits 26 zum Teil erstklassige Profis der Primera División vor Misswirtschaft und Konjunkturflaute ins Ausland geflüchtet. Dem Land des Weltmeisters laufen die Spieler davon. Das Sportblatt «Mundo Deportivo» befürchtet bereits den «Tod» des spanischen Fußballs.

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Allein die finanzstarke Premier League verstärkte sich im Sommer für 107 Millionen Euro mit 15 spanischen Spielern. Manchester City holte die beiden FC-Sevilla-Stars Jesús Navas und Álvaro Negredo, «The spanish Swansea» von Michael Laudrup zählt bereits sieben «Españoles» in den Reihen. Bei den englischen Teams sind insgesamt bereits 32 Spanier unter Vertrag, darunter neben Soldado, Navas und Negredo viele weitere Nationalspieler wie Fernando Torres, Juan Mata, César Azpilicueta (alle Chelsea), Santi Cazorla, Nacho Monreal (beide Arsenal), David Silva und Javi García (beide Manchester City).

In Negredo (25) und Soldado (24) verliert La Liga den viert- und fünftbesten Torjäger. Aber nicht nur Spanier suchen das Weite. Auch der hinter Lionel Messi (Barcelona/46 Tore) und Cristiano Ronaldo (Real Madrid/34) in der Torjägerliste drittplatzierte Kolumbianer Radamel Falcao packte die Koffer und wechselte von Atlético Madrid zu Monaco.

Die Spanier sind wegen der Krise nicht nur abwanderungswilliger, sie sind im Ausland wegen der Erfolge der Nationalelf auch gefragter denn je. Auch die Bundesliga kommt dank Profis wie Thiago Alcántara und Javi Martínez (beide FC Bayern) in den Genuss der hohen iberischen Ballkunst. Allein in dem ebenfalls wirtschaftlich gebeutelten Griechenland könnte man mit den dort spielenden Spaniern zweieinhalb Mannschaften bilden. Der frühere Nationalspieler Dani Guiza verließ jüngst den FC Getafe und lässt seine Laufbahn in Paraguay bei Cerro Porteño ausklingen.

Sogar im südamerikanischen «Armenhaus» Bolivien werden in der neuen Saison acht Spanier spielen. «So, wie die Lage in meinem Land ist, ist auch Südamerika ein lohnendes Ziel», sagte Trainer Miguel Angel Portugal, der im Andenland seit 2012 den FC Bolívar coacht.

Elf der 23 Spieler des Confederations-Cup-Kaders der «La Roja» sind nicht mehr daheim tätig. «Mundo Deportivo» glaubt daher: «Die Massenflucht zieht auch die Nationalelf in Mitleidenschaft.» Die Liga werde zudem langweiliger und im europäischen Vergleich schwächer.

Von den beiden «Giganten» abgesehen, Meister FC Barcelona und Real Madrid, die ihre durchaus immensen Verbindlichkeiten noch durch ebenso große Einnahmen und Vermögenswerte decken können, kicken die restlichen Clubs der 1. und 2. Liga am Rande des Bankrotts. Sie werden von einem Gesamtschuldenberg von 4,1 Milliarden Euro erdrückt. Die Clubs stehen unter anderem bei Banken, beim Finanzamt, bei der Sozialversicherung in der Kreide - und auch bei eigenen Spielern.

Der Landesmeister von 2000, Deportivo La Coruña, bekam diese Woche nach dem Abstieg in die 2. Liga nur deshalb die Profilizenz, weil die Spieler ihre Anzeige wegen ausstehender Gehälter am Donnerstag in letzter Sekunde zurückzogen. Weniger Glück hatte CD Guadalajara, das im Juni von der 2. in die 3. Liga zwangsversetzt wurde. Der Traditionsverein UD Salamanca wurde sogar aufgelöst.

Die spanischen Clubs hatten sich trotz Misswirtschaft lange dank versteckter öffentlicher Hilfen, Interventionen von mächtigen Politikern und vielen Krediten über Wasser gehalten. Die Regierung in Madrid hatte zudem ihre schützende Hand über die Vereine gehalten. Die Verschwendung öffentlicher Gelder ist inzwischen jedoch bei einer Rekordarbeitslosigkeit von 27 Prozent politisch nicht mehr tragbar. Madrid forderte deshalb, dass die Vereine in den kommenden drei Jahren durch eine Senkung von Spielergehältern und Budgets und durch Spielerverkäufe ihre Schulden um gut ein Viertel verringern.

Auch deshalb konnte Valencia-Boss Amado seinem Stürmerstar einfach nicht die versprochene Gehaltserhöhung gewähren. Sein Club hat 350 Millionen Euro Schulden und schaffte zu allem Übel und wider Erwarten nicht die Qualifikation für die gewinnträchtige Champions League. Soldado flog demonstrativ mit einer Billigairline nach London. In London muss er allerdings nicht mehr «sparen»: An der Themse wird sein bisheriges Gehalt (1,8 Millionen Euro) verdreifacht.

Leitartikel von Mundo Deportivo «Tod des Fußballs»