Alle elf Minuten »unterbrechen wir uns selbst« – Sich ablenken lassen durch Smartphone trägt zu »Hirnfunktionsstörung« bei

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Im Schnitt 88 Mal pro Tag lässt man sich durch das Smartphone unterbrechen. (Foto: Veronika Mergenthal)

Bad Reichenhall – Angst und bange konnte es einem werden bei den Fakten aus aktuellen Untersuchungen, die Prof. Dr. René Riedl in einem Vortrag des Katholischen Bildungswerks (KBW) Berchtesgadener Land präsentierte: Von 16 Einzelstudien belegten 15 den Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und Stress.


Am Vortrag in Kooperation mit »KBW digital«, einer Anbietergemeinschaft für digitale Bildungsangebote der vier katholischen Bildungswerke in Miesbach, Fürstenfeldbruck, Rosenheim und Ebersberg, nahmen Interessierte aus der Region und von auswärts, von Augsburg bis Linz, teil.

Der Wirtschaftsinformatiker René Riedl, ein ehemaliger österreichischer Fußballer, lehrt an der FH Oberösterreich »Digital Business und Innovation« und ist Universitätsprofessor in Linz. Mit seinem Forschungsteam und Professor Martin Reuter von der Universität Bonn führte er noch vor Corona eine Befragungsstudie mit mehreren Tausend Teilnehmern im deutschsprachigen Raum durch. Thema waren die Ursachen und Konsequenzen von digitalem Stress sowie weitere Faktoren wie der Zusammenhang mit Geschlecht, Alter und Persönlichkeit.

Zu dem Thema forscht er seit vielen Jahren. Sein Buch »Digitaler Stress – wie er uns kaputt macht und was wir dagegen tun können« war in Österreich in kurzer Zeit ausverkauft. In die zweite Auflage vom Mai 2021 wurde ein neues Kapitel zu Homeoffice und Videokonferenz integriert. Die im Vortrag vorgestellten Fakten sprachen für sich: Weltweit gebe es aktuell etwa vier Milliarden Internetnutzer. Im Schnitt erhalte jeder User pro Tag 75 E-Mails und verbringe 2,5 Stunden am Handy, das nur für sieben Minuten zum Telefonieren genutzt werde. Mit entsprechender Unternehmenssoftware würden 500 Milliarden US-Dollar jährlich generiert.

Digitalen Stress definierte Riedl durch »Stress, der durch die Nutzung und Allgegenwärtigkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien verursacht wird«. Die Konsequenzen seien einerseits Gesundheitsprobleme. Wenn bei chronischem Stress der Aktivierungs-Nerv »Sympathikus« dauerhaft stimuliert wird und die Stresshormone nicht wieder abgebaut werden, können Riedl zufolge ein erhöhter Blutdruck, erhöhtes Risiko für Schlaganfall und Thrombosen, Einschlaf- und Durchschlafprobleme und letztlich eine niedrigere Lebenserwartung die Folge sein. Aber auch ökonomische Probleme drohten mit erhöhten Fehlzeiten, niedrigerer Arbeitsmotivation, reduzierter Leistungsfähigkeit und mehr Fluktuation: Allein durch allgemeinen Arbeitsstress gebe es in den USA beispielsweise 120 000 Todesfälle pro Jahr und 70 bis 90 Prozent Produktivitätsverlust.

Der allgemeine Stresspegel in unserer Leistungsgesellschaft werde durch die, wie sie Riedl nannte, »Info- und Kommunikationsmisere« noch zugespitzt. Den Untersuchungen zufolge gebe es 88 Unterbrechungen pro Tag mit dem eigenen Smartphone, was umgerechnet auf die Wachzeit eine Selbstunterbrechung alle elf Minuten bedeute. Bis zu 24 Minuten brauche es, um die ursprüngliche Aufgabe wieder aufzunehmen. Etwa ein Viertel der ursprünglichen Aufgaben würde gar nicht mehr aufgenommen. Wenn man andere Medien noch dazunehme, könne man von einer Selbstunterbrechung alle drei Minuten ausgehen.

Studien hätten gezeigt, dass sich bei Menschen mit einem größeren Social-Media-Netzwerk durch die Schwächung des Immunsystems Infekte der oberen Atemwege häuften. Facebooknutzer erholten sich nach einem Stresserlebnis langsamer.

Doch es gibt auch Licht am Horizont: Bereits eine Facebook-Abstinenz von wenigen Tagen führe zum Rückgang des Stresshormons Kortisol. »Wir vernichten dadurch unsere eigene Arbeitsproduktivität und das Kapital«, zog Riedl eine bittere Bilanz. Was tun? Bereits kleine Umstellungen könnten helfen. Statt alle 15 Minuten oder gar über den Instant-Messenger ständig die Mails zu checken habe sich drei Mal tägliches Checken für alle am Kommunikationsprozess Beteiligten bewährt. Helfen könnten auch Schulungen, wie man klare E-Mails formuliert. Riedl riet dazu, bei Betriebs-Kommunikations-Systemen den Status statt auf »verfügbar« auf »nicht stören« oder »offline« zu stellen, um bei eigenen Arbeiten im Flow bleiben zu können. Wichtigen Kollegen könne man für den Notfall seine Handynummer geben.

Ein weiterer Stressfaktor ist dem Wirtschaftsinformatiker zufolge der ständige Wandel in den Organisationen und Unternehmen und die ständige Einführung neuer IT-Systeme. Auf eine Frage aus dem Zuhörerkreis, ob für extreme Social-Media-Nutzer nicht durch den Verzicht noch mehr Stress entstehe, sagte Riedl, wie bei anderen Suchtformen sei langsamer Entzug besser. »Langfristig kann es nur sinnvoll sein, die Nutzungszeit zu reduzieren. Sonst werden Sie das Stresslevel nicht runterbringen.« Markus Wilkens von der KLB regte an, sich wieder von den Arbeitsrhythmen in Klöstern inspirieren zu lassen.

Die eigene Neugier auf neue Nachrichten und die Fähigkeit, sich abzugrenzen, stünden sich oft im Weg, wandte Michaela Obermeier ein. Riedl deutete jedoch den Prozess des wiederholten Handy-Freischaltens aus vermeintlicher Neugier als »Selbstkonditionierung hin zu einer häufigeren Nutzung« und letztlich hin zu einer Hirnfunktionsstörung. »Da kommt ganz schön was auf uns zu«, folgerte die KBW-Geschäftsführerin. Interessierte können an Riedls Studien teilnehmen.

Veronika Mergenthal