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Alpine musikalische Enthüllungen im »NUTS«

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Der Pianist und Musikkabarettist Felix Reuter (links) und Volksmusikant Hermann Huber an Ziach und Klarinette zogen ihr Publikum mit einer musikalischen Bergwanderung quer durch die Musikstile in ihren Bann. (Foto: Mergenthal)

»Groß und mächtig, schicksalsträchtig.... i muaß eam bezwinga....«: Diese etwas martialisch anmutenden Einleitungsworte von Hermann Huber leiteten gleichwohl treffend zu einer die Grenzen der Genres munter überspielenden »musikalischen Bergwanderung« ein. Der Volksmusikant aus Ainring nahm auf diese im Rahmen des 20. Geburtstags der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS zu erlebenden Tour einen Kompagnon mit – »aus Thüringen, aus Weimar...naa, net an Goethe, aa net an Schiller, an Reuter.« Felix Reuter, seines Zeichens Pianist und Musikkabarettist.


Gegenüber der »Uraufführung« des Projekts in der Konzertrotunde in Bad Reichenhall im August, wo es etwas steifer zugegangen war, erwies sich die Kleinkunstbühne als idealer Rahmen. Das bunt gemischte Publikum in den dicht besetzten Reihen klatschte bereits beim ersten Duett »Gruß aus Oberbayern«, von Georg Freundorfer, im Original für die Zither geschrieben, begeistert mit. Doch vorher erwiderte der Pianist bei seiner Selbstvorstellung mit dezent eingestreuten Klängen aus Beethovens Schicksalssymphonie auf seine Weise verschmitzt auf Hubers Zitat aus Wolfgang Ambros’ kultigem Alpendrama »Der Watzmann ruft«.

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Naja, ganz so dramatisch war die fiktive Bergwanderung nicht. Gesucht und gefunden hatten sich die beiden höchst virtuosen »musikalischen Spitzbuben« bereits beim »Salzbrettl« in Freilassing vor etwa einem Jahr. Damit sie wissen, wovon sie reden, hatten die beiden vor ihrem ersten Duo-Auftritt immerhin eine echte Bergtour auf den Schlenken mit Alm-Einkehr unternommen. Dazu passte auch das bekannte Thüringer Wanderlied »Rennsteiglied«.

Hier setzte Reuters origineller analytisch-sezierender Blick auf die Klassik an; die »Feuerwehr-Quarte«, wegen der allein viele Komponisten berühmt geworden seien, entdeckte er im Laufe des Abends nicht nur im Rennsteiglied, sondern auch bei »Peter & der Wolf«, bei Verdi, in Mozarts Kleiner Nachtmusik, in Jazz-Standards und so weiter und so fort.

Entlang ihres gemeinsamen Wegs pflückten der Pianist und der zweifache Ziach-Weltmeister an der Diatonischen oder der Klarinette – mal im Duo, mal einer allein – Blumen wie den »Weißen Flieder« einfach eine »kleine Blume«, wie der 1952 von Sidney Bechet komponierte und durch Chris Barbar’s Jazz Band 1959 bekannt gewordene Jazzstandard »Petite fleur« übersetzt heißt.

An einem Bergsee trafen sie in musikalischen Welten schwelgend Schubert – mit einer Variation zu seinem Forellenquintett, auch hier entdeckte Reuter wieder das »Feuerwehr-Intervall« –, Walzerkönig Johann Strauß, Peter Tschaikowsky und Friedrich Smetana. Lautmalerisch ließ das Duo das Ringen der Komponisten um die Frage »Wie schreibt man Wasser?« nacherleben, und verblüffte mit der Enthüllung, dass der »Moldau«-Ohrwurm im Grunde aus der in Moll umgeschriebenen Melodie des Kinderliedes »Alle meine Entchen« entstanden ist.

Immer wieder hatte Reuter erstaunliche Aufklärungen parat, zeigte auf, wie die Komponisten über die Jahrhunderte hinweg voneinander abkupferten – so erfand Mozart über die Melodie »Morgen kommt der Weihnachtsmann« berühmte Klaviervariationen, doch im für Louis Armstrong geschriebenen Song »What A Wonderful World« wurde »Mozarts« Melodie einfach frech geklaut.

Weiter bewegten sich die zwei Vollblut-Musiker auf den Berggipfel zu, streiften dabei durch alle Jahreszeiten – von Vivaldis »Frühling« bis zum mit Klarinette ausdrucksstark dargebotenen Jazzstandard »Autumn Leaves« –, Tageszeiten und Witterungen.

Im zweiten Teil haben sie typische alpine Naturphänomene neu eingebaut, wie ein Klarinetten-Echo, ein Gewitter nach Schubert und einen Regenbogen nach dem Kultsong »Over the Rainbow« aus der Filmmusik zum Musicalfilm »Der Zauberer von Oz« (1939). Schließlich waren die Bergwanderer mit Variationen zu Beethovens »Mondscheinsonate« in die mondhelle Nacht geraten. Da lockte beim Abstieg die Einkehr bei einer hübschen Sennerin, wo das Duo mit der Mühltalpolka und dem »Blaufahrer«-Ziachstück von Herbert Pixner versumpfte. In der Früh torkelten sie mit dem »Zielgrabn-Landler« aus Hubers eigener Feder talwärts, verliebt in die Sennerin, der der »Liebestraum« und »Pour ma Cherie Andrea« gewidmet waren. Reuter spielte vieles auswendig oder improvisierte und die beiden waren mit ihrer spritzigen Performance und ihren locker-flockigen, synchronen Spiel eine tolle Einheit. Als Zugabe gab es eine von Huber gesungene bayerische Variante zu Joe Cockers »You can leave your hat on«, und einen geschmeidigen Blues. Veronika Mergenthal

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