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Als Jesus von seiner Mutter ging

Zu einer außergewöhnlichen Andacht am Beginn der Karwoche hatte Ernst Schusser, Volksmusikpfleger des Bezirks Oberbayern, zusammen mit Bernhard Kübler von der Pfarrkuratie Hammer in die St. Rupertus-Kirche in Hammer eingeladen. Mit aussagekräftigen Liedern, ausdrucksstarker Volksmusik, untermauert durch den fundierten Wissensschatz Schussers, begaben sich die Besucher gemeinsam mit dem Hammerer Kirchenchor unter Leitung von Isabel Benker, dem Hammerer Dreigesang und der Hammerer Geigenmusi auf den Weg durch die freudigen und schmerzhaften Ereignisse der Karwoche.

Ernst Schusser band die Besucher in den Gesang ein. Im Hintergrund sind der Kirchenchor und rechts die Geigenmusik zu sehen. (Foto: Bauregger)

Mit zwei Palmsonntagsliedern: »Als Jesus nun einzog« und »Tochter Sion« eröffnete der Kirchenchor die Andacht. Wie Schusser ausführte, war die Karwoche immer schon eine wichtige Woche für die Christen, in der die Lieder des Dorfes, von Palmsonntag bis zum Ostermorgen gesungen wurden. Um das Liedgut kümmerten sich früher die Vorsänger jeder Gemeinde. Eine Wiederbelebung erfuhr das Karwochensingen durch die Aussiedler aus dem Balkan und Russland nach 1945 und in den 1980er Jahren, die ihre lebendige Sangeskultur mitbrachten.

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Am Palmsonntag steht das freudige »Hosanna« aus der Kirchenliturgie im Mittelpunkt des Liedgutes, eindrucksvoll durch den Kirchenchor im »Hosanna, Gottes Sohn... Gelobt sei, der da kommt« intoniert. Der Volksmusikpfleger, teilweise mit Gitarre begleitet von Eva Bruckner, verstand es ausgezeichnet, den Männern und Frauen in den Kirchenbänken die Angst vor dem Mitsingen zu nehmen und sie, in diesem Fall als »Rufende«, in die Gesänge zu integrieren, denn er zeigte sich überzeugt davon, dass »die Lieder mit ihrem Klang, ihre Heimat in den Menschen haben«.

Den freudigen Eindruck des Palmsonntags unterstrich die Hammerer Geigenmusi mit dem »Rosenheimer Hochzeitsmarsch« und der Hammerer Dreigesang, zwei Frauen und eine hohe Männerstimme, leitete harmonisch und stimmig mit »Da Jesus in den Garten ging« auf das Geschehen am Ölberg über. Wie Schusser weiters ausführte, zeigt sich in der Karwoche die ganze Breite des Lebens, angefangen von Freude, Überschwänglichkeit, Anstrengung und Angst bis hin zur Trauer. Die geistlichen Volkslieder, die im übrigen alle, aus Hochachtung und Respekt vor der göttlichen, himmlischen Macht, in Hochdeutsch verfasst wurden, lehnen sich hier durchweg an die Überlieferungen der Heiligen Schrift an.

Zum Thema »Letztes Abendmahl« und »Die Nacht am Ölberg« sangen alle gemeinsam »Du bist das Brot, Herr Jesus«, der Dreigesang stimmte das Lied »Kommt, ihr Sünder, kommt gegangen« an, während die Geigenmusi mit den Instrumentalstücken »Jesus im Garten« oder »Marientraum« gekonnt Angst, Bangen und Zuversicht gleichermaßen hörbar vermittelte. In einem beeindruckenden solistischen Duett trugen Klaus und Bettina Abstreiter das Lied »Wach auf, wach auf mein lieber Christ, weil heut der Tag der Tod'sangst ist« vor. Erfahrungen der Trauer und der Angst tragen laut Schusser, Menschen oft über Generationen in sich. Hoffnung schenkt »Christus das Licht«, der diese Situation erst erträglich macht. In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag gingen laut Schusser viele Menschen nicht ins Bett, sondern sangen, in Solidarität mit dem wachenden, betenden Jesus, Stundenlieder auf den Gassen. In der Region Gotski bei Ljubljana wurde der Brauch des »Karfreitagnacht-Singens« bis zur Vertreibung der dortigen Bewohner lebendig gepflegt.

Ein überlieferter Liedsatz findet sich in dem Lied »In der ganzen Stadt, da brennet kein Licht«, gesungen vom Kirchenchor. Ein Jodler der Geigenmusi vermittelte noch einmal Ruhe, bevor alle miteinander das Karfreitagslied »Für mich nahmst du das Kreuz auf dich« sangen. In einer Variation zu »Der güldene Rosenkranz« demonstrierte die Geigenmusik eindrucksvoll, welche Ausdruckskraft, gepaart mit solistischer Brillanz, Volksmusik auszudrücken vermag.

Angelehnt an das Lukasevangelium schimmert besonders in der dritten Strophe des Dreigesangliedes »So sehr hat Gott die Welt geliebt«, wie so oft in der Karwoche, neben all der Trauer und Betroffenheit, das ewige Licht, die Zuversicht hindurch was vielsagend auch im Ostermorgenlied des Chores »Was verbirgst du deine Strahlen« seinen Ausdruck fand. Pfarrer Thomas Graf von Rechberg dankte allen für diese »herzerwärmende Stunde und die lebendige, verbindende Gemeinschaft«. Werner Bauregger