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Alte Kunst ist hip

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Alte Kunst ist derzeit nicht einmal nur cool, alte Kunst ist hip. Victoria Beckham posierte für ein weltweit berühmtes Auktionshaus vor dem »Porträt einer Dame im Profil« von Leonardo da Vinci: im moosgrünen Seidenkleid und Rückenausschnitt bis zum Lendenwirbel. Da schau hin!


Bei Instagram brachte das Foto 193 000 »Likes«. »Celebrities Love 0ld Masters« titelte die »New York Times«. Die Lust am Historischen hat die Modewelt nicht erst heute entdeckt. Aber heute macht sie wieder mal Schlagzeilen. Fotos von Modemädels mit unten spitz zulaufendem Tudor-Mieder und Rüschenblusen für Männermodels lassen große Styling-Fabrikanten aus Mailand und Rom auf den Lifestyle-Seiten der Magazine, auch aus München, drucken, um zu beeindrucken? Nein, um juchzen zu lassen.

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So nimmt‘s nicht wunder, dass die Sache auch umgekehrt geht, auch in München. Wo die Alte Pinakothek, nach ihrer vier Jahre dauernden Renovierung, eine Ausstellung präsentiert, deren Werbe-Plakat Filippino Lippis »Bildnis eines jungen Mannes«, entstanden im Florenz der Jahre zwischen 1480 und 1485, dem Geschmack der Zeit anpasst: Lippis Porträt wurde von der Design-Agentur »glücklich« kurzerhand umgestylt. Der vom Klenze-Bau in die Barerstraße blickende Jüngling trägt eine randlose Sonnenbrille, deren verspiegelte Gläser die berühmten Kuppeln der Herkunftsstadt des Malers, Florenz, reflektieren. Passend zum Titel der Schau: »Florenz und seine Maler. Von Giotto bis Leonardo da Vinci«.

Ein BR-Reporter jubelte: »Eine der prachtvollsten Ausstellungen, die Bayern je hatte!« Wer reingeht – und niemand sollte sich das sparen – sucht zu allererst Lippis sauberen Plakat-Burschen. Muss sich halt die Sonnenbrille wegdenken. Rote Kappe, gewelltes, volles brünettes Haar, kühner, geschlossener Mund. Keineswegs ohne Sinnlichkeit. Es lohnt sich, vor diesem piekfeinen Angeber lange zu verweilen, denn man kann sich mit ihm die ganze Schönheit und Erhabenheit der Florentiner Ölpinselkünstler des 15. bis 16. Jahrhunderts exemplarisch einprägen. Kühn und selbstbewusst sieht der junge Mann seinem Betrachter in die Augen. Der tut gut daran, genauso ohne Umschweife zurückzugucken und dabei womöglich alles Beiwerk strikt aus dem Blickfeld zu schieben, sich allein auf das Antlitz des brillanten Kopfes zu konzentrieren.

Der Westtrakt der Alten Pinakothek ist angefüllt mit 120 Spitzenstücken der Florentiner Renaissance-Malerei. Zu den hauseigenen (König Ludwig I. und seinem Sammler-Impresario Johann Baptist Metzger sei‘s gedankt) kommen diverse Entleihungen – Lippis Jüngling aus Washington, das Botticelli zugeschriebene Smeralda Brandini-Porträt (1470/1475) aus London oder Leonardos »Verkündigung« aus den Uffizien. Das Florenz der schwerreichen Medici lebt lautstark auf, in all seiner Pracht und Herrlichkeit und auch in seiner Eitelkeit, wenn etwa die Großen dieser machtgierigen Mäzene so unbescheiden waren, sich mit Vertretern dreier ihrer Generationen auf das von dem Makler Zanobi del Lama Mitte der 1470er Jahre bei Botticelli bestellte Dreikönigsbild zu drängen.

Sehen und – wichtiger – gesehen werden. Das war schon vor 500 Jahren angesagt. Egal, ob es sich um ein religiöses oder profanes Motiv handelte. Madonnen mit Kind gibt es jede Menge hier, Altarbilder monumentalen Ausmaßes wechseln mit Kleinformatigem, fast immer wird die Toskana einbezogen, als rahmender Hinweis auf des Schöpfergottes Meisterwerk. Aus dem Staunen kommt man nicht heraus. Bis 3. Februar ist Gelegenheit dazu, immer Dienstag und Mittwoch von 10 bis 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Hans Gärtner

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