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Expertenrunde diskutierte mit MdL Gisela Sengl in Traunstein über Trinkwasserqualität und Nitratbelastung

»Am Grenzwert reißt niemand«

Traunstein – Wie sich die Qualität des Trinkwassers in der Region auch künftig sichern lässt, war Thema eines Runden Tischs.

Foto: dpa/Symbolbild

Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin und stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Landtag, diskutierte dazu mit 24 Experten aus Kommunalpolitik, Landwirtschaft und von kommunalen Wasserversorgern, von Bund Naturschutz sowie Landwirtschafts- und Landratsamt.

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Tenor war die Frage, wie sich die Kontrolle der Nitratbelastung dauerhaft verbessern lässt, ohne durch zu viel zentrale Regulierung kleine regionale Versorger zu gefährden. Aufgrund ihrer Vernetzung, Kontrollmechanismen und genauen Kenntnis der sehr unterschiedlichen örtlichen Gegebenheiten bieten sie bisher eine gute Garantie für den Erhalt einer hohen Trinkwasserqualität.

Besserer Gewässerschutz im Fokus

Der Streit um das Nitrat im Grundwasser hat Brisanz. Die EU klagt sogar vor dem Europäischen Gerichtshof, weil ihr die Bemühungen Deutschlands und der Bundesländer um den Gewässerschutz nicht reichen. 2021, so warnt das Landesumweltamt, könnten bereits 38 Prozent der Grundwasserströme in Bayern nicht mehr die EU-Vorgaben erfüllen. Hauptgrund seien zu viel Gülle und Kunstdünger auf Äckern und Weiden. Abhilfe soll die Neufassung der Düngeverordnung und der Wasserpakt zwischen Staatsregierung, Bauernverband und elf weiteren Unterzeichnern bringen.

In der Diskussion stellten die Experten vor allem die Bedeutung der kleinen Wasserversorger heraus. Sie hätten Erfahrung mit den sehr unterschiedlichen örtlichen Gegebenheiten und seien schon aus Eigeninteresse an ordnungsgemäßen Kontrollen interessiert. Bei Problemen würden die Fachbehörden schnell informiert. Eine zentralere Regelung der Wasserversorgung, so Altenmarkts Bürgermeister Stephan Bierschneider, bedeute »den Tod der kleinen Wasserbeschaffungsunternehmen«. Für die Kooperation mit den Landwirten und Ausgleichszahlungen, so war sich die Runde einig, habe sich die Einschaltung fachkundiger Gebietsberater bewährt. Negative Auswirkungen auf die Trinkwasserqualität gebe es nur dort, wo Landwirte wohl aufgrund von Grenzwertüberschreitungen aus der Kooperation ausscheren wie im Bereich Tiefenthal.

Kritisch sahen einzelne Experten eine mögliche Ausweitung der Wasserschutzgebiete, nicht nur bei problembehafteten Brunnen. Kreisbauernobmann Sebastian Siglreithmayer verwies auf Eingriffe ins Eigentum, Helmut Kronawitter vom Wasserwirtschaftsamt berichtete, dass derzeit seitens der Wasserbeschaffer keine diesbezüglichen Pläne vorlägen, »weil damit viel Ärger verbunden ist«. In einzelnen Orten hätten sich sogar bereits Bürgerinitiativen gegen Wasserschutzgebiete gebildet.

Grünlandumbruch ist kontraproduktiv

Als kontraproduktiv erwiesen habe sich der alle fünf Jahre erforderliche Grünlandumbruch, um den Ackerstatus für Flächen nicht zu verlieren, hieß es: dadurch werde ein »Nitratschub« ausgelöst. Sengl sprach sich deshalb für eine Statussicherung von Landwirtschaftsflächen in Wasserschutzgebieten mittels EU-weiter Codierung aus. Vitus Pichler plädierte für eine bessere Förderpraxis als Ausgleich für Grünlandflächen.

Nitrat selbst ist nicht gesundheitsgefährdend. Es kann jedoch im Körper zu Nitrit umgewandelt werden, das den Sauerstofftransport im Blut blockiert. Außerdem steht Nitrit im Verdacht, über die Umwandlung zu Nitrosaminen indirekt krebserregend zu sein. Der EU-weite Grenzwert für Nitrat liegt deshalb seit 2001 bei 50 Milligramm pro Liter.

»Am Grenzwert reißt niemand«, erklärte Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Traunsteiner Gesundheitsamts. Von den 64 größeren Wasserversorgern im Landkreis erreichten 59 Grenzwerte unter 25 Milligramm; weitere fünf zwischen 25 und 38 Milligramm. Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz verwies darauf, dass der Grenzwert in der Schweiz bei 25 Milligramm liege. Für Säuglinge gelte dort ein Grenzwert von zehn Milligramm.

»Der Eintrag kommt aus der Fläche«, erklärte Franz Wimmer vom Wasserbeschaffungsverband Brandstätt-Oberbrunnham mit Blick auf die Konzentration von Biogas-Anlagen und Maisanbauflächen sowie Viehhaltungsbetrieben im nördlichen Landkreis. Hier seien die Weichen bei der Förderung erneuerbarer Energien falsch gestellt worden, kritisierte Kreisbauernobmann Sebastian Siglreithmayer.

Gefahr kommt auch von Golf- und Sportplätzen

Aber nicht nur von Gülle und Kunstdünger, sondern auch durch Golf- und Sportplätze, alte Versitzgruben, Straßenentwässerung und Tiefenversickerung drohten Nitrateinträge, so Wimmer. Alfons Leitenbacher, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, ergänzte, dass immerhin 45 Prozent der Luftbelastungen mit Ammoniumnitrat aus Verbrennungsprozessen, darunter auch aus dem Verkehr, stamme. Dies mache sich in erhöhten Nitratausträgen in Schutzgebieten im Wald mit versauernden Böden bemerkbar.

»Wir müssen uns gemeinsam für einen rechtzeitigen und flächendeckenden Trinkwasserschutz einsetzen«, erklärte Sengl abschließend. Privatwirtschaftliche Verträge seien mit viel Arbeit für die Wasserversorger verbunden, erreichten aber die Bauern nicht, die nicht zur Kooperation bereit seien. Hier wären aus ihrer Sicht klare gesetzliche Regelungen wie etwa ein verpflichtender Gewässerrandstreifen notwendig, den es in Bayern als einziges Bundesland nicht gibt. eff