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Module fast so weit das Auge reicht wünschen sich die Scientists for Future. Ihre Aufforderung an die Stadt, eine PV-Freiflächenanlage zu errichten, hat in Traunstein Diskussionen ausgelöst. (Foto: Pültz)

An der Forderung der Scientists for Future nach einer PV-Freiflächenanlage scheiden sich die Geister

Traunstein – Geteilt ist das Echo der Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen auf die Anregung der Regionalgruppe Traunstein der Scientists for Future, die Stadt möge doch zur Sicherung der Energieversorgung in Zeiten des Krieges in der Ukraine eine Photovoltaik-Freiflächenanlage mit 3000 bis 6000 Modulen schaffen. Eine Umfrage des Traunsteiner Tagblatts förderte Ablehnung wie auch Zustimmung zutage. Konrad Baur von der CSU sagt, dass er den Bau von PV-Anlagen auf Dächern bevorzuge. Thomas Stadler von den Grünen meint hingegen, dass der Vorstoß der Scientists for Future begrüßenswert sei. Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer (CSU) hatte auf die langen Lieferzeiten für Materialien und Bauteile verwiesen und eine kurzfristige Umsetzung für fraglich erachtet (wir berichteten).


Konrad Baur (CSU): »Gerade bei der Energieversorgung müssen wir Signale der Verlässlichkeit und der Beständigkeit senden. Ich halte nichts von Panikmacherei, die die Bürgerinnen und Bürger verunsichert. Fakt ist, dass unsere Stadtwerke sehr gut aufgestellt sind und auch beim Thema Gas sehr vorausschauend gehandelt haben. Darüber hinausgehend müssen wir uns um jede Kilowattstunde aus erneuerbaren Energien bemühen. Hier darf es zunächst keine Denkverbote geben. Dennoch gilt auch hier der Dreiklang aus wirtschaftlich rentabel, ökologisch sinnvoll und vor allem verträglich für Mensch und Natur. Gerade bei der Freiflächen-Photovoltaik steht ein – zumindest temporärer – Flächenverbrauch in direkter Konkurrenz zur Landwirtschaft und zu weiteren Flächenbedarfen für Wohnen und Gewerbe in Traunstein. Ich präferiere deshalb im Bereich der Photovoltaik zunächst die Installation auf bestehenden Gebäuden, anstatt neue Fläche zu verbauen. Genau das wurde auch im Stadtrat schon beschlossen und wird sukzessive angegangen. Das wohl prominenteste Beispiel ist das Rathaus.«

Thomas Stadler (Bündnis 90/Die Grünen): »Die Dringlichkeit, neue Wege der Energieversorgung zu erschließen, ist nicht zuletzt aufgrund des Ukrainekriegs offensichtlich. Von daher ist der Vorstoß der Scientist for Future (S4F) begrüßenswert. Unsere Fraktion hat sich letztes Jahr klar für eine PV-Freiflächenanlage eines privaten Unternehmers in Tinnerting ausgesprochen, die leider von einer Mehrheit im Planungsausschuss abgelehnt wurde. Wir würden es sehr begrüßen, wenn die Stadtwerke in PV-Großflächenanlagen investieren. Zugleich halten wir private wie genossenschaftliche Investitionen für enorm wichtig. Viele würden gerne in Solarmodule investieren, haben aber weder Flächen noch entsprechendes Know-how. Hier kann in Genossenschaften Bürger- und Bürgerinnen-Geld mit Know-how zusammengebracht und sinnvoll angelegt werden. Wir hatten im Klimapaket ein Klimageld vorgeschlagen, um weitere Maßnahmen zu ermöglichen. Leider wurde in der letzten Stadtratssitzung eine Aussprache zum Ergebnis des Ratsbegehrens mit knapper Mehrheit blockiert. Die Bürgerinnen und Bürger wurden völlig im Unklaren gelassen, wie es mit dem Klimaschutz in Traunstein weitergehen soll.«

Peter Forster (SPD/Die Linke): »Die Fraktionsgemeinschaft SPD/Die Linke setzt sich für technologieoffene, sozialverträgliche, aber auch rasche Lösungen hin zu mehr Klimaschutz und Reduzierung von Abhängigkeiten ein. Daher waren schon bisher für unsere Fraktionsgemeinschaft die Realisierungswünsche von privaten Betreibern zur Aufstellung von Freiflächenphotovoltaikanlagen wichtige und richtige Schritte, um diese Ziele zu erreichen. Leider sah das zum Beispiel die CSU und unser Oberbürgermeister im Januar 2021 noch ganz anders und lehnte eine circa 0,6 Hektar große Freiflächenanlage in Tinnerting ab. Nach wie vor erachten wir die im Stadtrat ausgearbeiteten Maßnahmen zum integrierten Klimaschutzkonzept als richtigen Weg, technologieoffen und sozialverträglich genau das Ziel des Aufrufs der S4F zu erreichen. Unseres Erachtens sah das auch eine Mehrheit der Traunsteiner Bürgerinnen und Bürger beim Bürgerentscheid am 24. Februar 2022 so. Leider wurde die Notwendigkeit des Bürgerentscheids nicht im erforderlichen Umfang gesehen. Mit dem bekannten Ergebnis, welches uns aber nicht davon abhalten sollte, rasch zu handeln.«

Ernst Haider (UW): »Die UW-Fraktion bekennt sich ausdrücklich zum Ausbau der Photovoltaik in Traunstein. Mit dem beschlossenen 10-Dächer-Programm hat die Stadt Traunstein bereits begonnen, die städtischen Liegenschaften sinnvoll nachzurüsten. Ob eine temporäre Freiflächenanlage in der geschilderten Größenordnung die Probleme der Energieversorgung kurzfristig löst, ist aber fraglich. Durch Materialknappheit und hohe Auslastung der Fachfirmen ist eine Umsetzung einer großflächigen Anlage vor dem Herbst sehr unwahrscheinlich, der Ertrag im folgenden Winter wäre nur sehr eingeschränkt. So löst eine solche Anlage nur bedingt die Probleme einer prognostizierten Gasknappheit im folgenden Winter. Vielmehr sollten wir uns darauf konzentrieren, über unsere beschlossenen Maßnahmen hinaus schnellstmöglich zusätzliche Standorte für fest installierte Anlagen zu finden, und diese zügig umsetzen. Dabei steht für uns der Eigenstromverbrauch im Vordergrund, um auch die Wirtschaftlichkeit der Anlagen im Auge zu behalten.«

Simon Steiner (Traunsteiner Liste): »Es gut ist, wenn es Leute gibt, die sich mit hohem Sachverstand und Engagement für das wichtige Thema Klimaschutz einsetzen und sich in Gruppierungen wie die Scientists for Future einbringen. Zu deren Forderung habe ich ähnliche Bedenken wie unser Oberbürgermeister. Ich favorisiere vielmehr und werbe dafür, dass der Klimaschutzentscheid am 29. Mai von den Bürgern positiv beschieden wird. Dieser baut auf dem Klimaplan der Stadt Traunstein auf, nur nochmal qualitativ verbessert. Er ist sehr ambitioniert, machbar und erfüllt nahezu alle notwendigen Kriterien wie von den Scientists for Future richtig gefordert wird. Wir sollten uns nicht wegen des grausamen Kriegs in der Ukraine vor einen 'Angstkarren' spannen lassen und überhastet Maßnahmen ergreifen, die sowohl praktisch in der Zeit kaum realisierbar sind, als auch in der Wirkung nicht den gewünschten Effekt für beide Seiten bringen. Deswegen bringen auf Dauer die konsequenten Umsetzungen wie im Klimaschutzentscheid gefordert viel mehr.«

Georg Osenstätter (Initiative Traunstein): »Die Energiewende ist noch weit nicht abgeschlossen und es bedarf weiterhin großer Anstrengungen. In Traunstein müssen wir konsequent an der Klimaneutralität und an der damit verbundenen Dekarbonisierung der Stadtwerke arbeiten. Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen wenn engagierte Bürgerinnen und Bürger hier Vorschläge machen. Aber es braucht hier ein Gesamtpaket und einen Plan für diese immense Aufgabe. Wir werden einen Mix der Formen der Energieerzeugung benötigen, bei der die Photovoltaik sicher eine große Rolle spielt. Kurzfristig lässt sich hier aber leider nicht die Energieversorgung im Winter, insbesondere der Haushalte, die an das städtische Gasnetz angeschlossen sind, sicherstellen. Wir können und werden sicherlich nicht den 'Gashahn' im städtischen Netz abdrehen. Eine abgestimmte Beschaffungsstrategie der Stadtwerke ist hier kurzfristig der sichere und richtige Weg.«