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Analyse: Der Westen und seine Dschihadisten

Istanbul (dpa) - Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass in Frankfurt der 20 Jahre alte Syrien-Rückkehrer Kreshnik zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Der junge Mann war nicht nur Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), er nahm auch an Kampfeinsätzen der Extremisten teil. Mit Kreshnik ist jenes Szenario Wirklichkeit geworden, das nicht nur deutsche Sicherheitspolitiker und Geheimdienste fürchten. Zugleich haben sie aber keine schlüssigen Antworten, wie man mit solchen Heimkehrern umgeht - außerhalb von Gerichtssälen.

Terrorprozess gegen Syrien-Rückkehrer
Der Angeklagte Kreshnik B. im Hochsicherheitssaal des Oberlandgerichts in Frankfurt am Main. Foto: Boris Roessler/Archiv Foto: dpa

Kaum ein Geheimdienstchef dürfte dieser Tage so offen seine Ratlosigkeit bei dem Thema eingestehen, wie Rob Bertholee, Generaldirektor des niederländischen AIVD. «Es hat uns überrascht», sagt Bertholee angesichts der vielen jungen Ausländer, die es noch immer an die Seite radikaler Islamisten im syrisch-irakischen Kriegsgebiet zieht. Vermutet wird, dass mittlerweile Tausende Westler dort aktiv an Kampfhandlungen teilnehmen, nicht wenige in den Reihen des IS. Jenen Extremisten also, die in den von ihnen eroberten Gebieten ein Kalifat ausriefen, Minderheiten verfolgen und durch Gräueltaten Angst und Schrecken verbreiten.

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Während ein Terrornetzwerk wie Al-Kaida mit einer klaren Von-Oben-nach-Unten-Hierarchie strukturiert ist, funktioniert der IS offenbar eher horizontal. Das erlaubt Sympathisanten eine schnelle gegenseitige Radikalisierung, auch unter Zuhilfenahme von Facebook und Twitter. Spielend lässt sich über die sogenannten sozialen Medien Kontakt zu Landsleuten aufnehmen, die bereits in Syrien sind. Von diesen bekommen Interessierte dann Tipps für den Grenzübertritt und dafür, was ins Reisegepäck gehört.

«Die Vorstellung von einer Radikalisierung über einen langen Zeitraum ist überholt. Heute dauert das eine Woche oder anderthalb», sagt der Terrorismusexperte Matthew Levitt vom Washington Institute.

Dass die von Rückkehrern ausgehende Gefahr durchaus real ist, wurde Europa spätestens im Mai durch den mutmaßlichen Brüssel-Attentäter vor Augen geführt. Damals soll der Franzose Mehdi Nemmouche im Jüdischen Museum in Brüssel ein israelisches Touristenpaar, eine Französin und einen Belgier erschossen haben. Er selbst weist die Vorwürfe zurück. Nemmouche soll zuvor ein Jahr in den Reihen des IS gedient haben.

In Belgien ist auch die Bewegung Sharia4Belgium beheimatet. Eine Gruppe radikaler Muslime, die bereits vor dem Bürgerkrieg in Syrien aktiv war. In jüngerer Zeit begann die Bewegung mit dem Rekrutieren von Nachwuchs für den IS und nahm Einfluss auf andere Organisationen in Europa. Einige Mitglieder von Sharia4Belgium stehen bereits wegen Terrorvorwürfen vor Gericht.

Der belgische Journalist Guy van Vlierden hat die Bewegung lange Zeit beobachtet und kennt ihre Anfänge, als sie kaum jemand ernst nahm. Van Vlierden warnt deshalb: «Für jeden Kämpfer da draußen gibt es zehn Unterstützer in der Heimat.» Je mehr Kämpfer einer solchen Gruppierung im Kriegsgebiet seien, desto besser laufe die Propaganda.

Tatsächlich gibt es nur wenig Programme, die sich mit islamistischen Extremisten befassten, hat Marten van de Donk vom Radicalisation Awareness Network (RAN) der Europäischen Union, beobachtet. «Einige der Heimkehrer sind nicht mehr radikal. Sie haben dem Anliegen oder der Gruppe den Rücken gekehrt. Das bedeutet aber nicht, dass sie bereit sind, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen.». Zwar müsse die Justiz reagieren, sollten die Rückkehrer bestimmte Straftaten begangen haben, doch Haft allein sei nicht die Lösung, sagt Van de Donk.

Wie hilfreich allein das Sprechen miteinander sein kann, macht Dänemark vor. Ein ursprünglich für Rechtsextreme entwickeltes Programm hat der Staat nun für gewaltbereite Dschihadisten umgearbeitet. «Viele sind noch jung und haben die Schule abgebrochen, wenn sie sich auf den Weg nach Syrien machen», sagt Thorleif Link von der Polizei in Aarhus. Dort leben 16 Rückkehrer. «Als sie zurückkamen, wurde sie zu einem Treffen eingeladen, bei dem ihnen Hilfe angeboten wurde, wie sie ihren Platz in der Gesellschaft wiederfinden können», berichtet Link.

Seiner Aussage nach funktioniert das Verfahren. Aber auch der Dialog mit der örtlichen muslimischen Gemeinde hat deutlich geholfen, den Strom von Kämpfern ins Ausland zu verlangsamen. Waren es 2012 und 2013 noch 33 Personen, die sich von Aarhus ins Kampfgebiet aufmachten, so war es den Behörden zufolge in diesem Jahr gerade mal eine Person.

Webseite Washington Institute

Webseite WORDE

Webseite RAN

AIVD-Bericht zur Lage in den Niederlanden