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Analyse: Die FDP im Niedergang

Berlin (dpa) - Am Ende hilft nur Galgenhumor: Als der gelbe Balken von 3,0 auf 3,1 Prozent steigt, gibt es bei der FDP kurz Szenenapplaus. «Geht doch», meint ein junger Liberaler, der gequält lacht.

FDP
Christian Lindner (r) und Alexander Graf Lambsdorff haben keine Trendwende für die FDP herbeiführen können. Foto: Christoph Schmidt Foto: dpa

Der Mini-Aufschwung hält keine 60 Sekunden, denn auf einem anderen Sender sind es nur noch 2,9 Prozent. Da stöhnen die 50 FDP-Anhänger laut auf, die am Sonntagabend in die Parteizentrale in Berlin-Mitte gekommen sind.

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Nach letzten Hochrechnungen landen die Liberalen zwischen 3,0 (ZDF) und 3,3 Prozent (ARD). 2009 bei der Europawahl waren es noch 11 Prozent gewesen. Die FDP hat damit nur noch drei Abgeordnete im EU-Parlament - neun müssen ihre Koffer packen.

Acht Monate nach dem Aus bei der Bundestagswahl hat es FDP-Chef Christian Lindner noch nicht geschafft, den Negativtrend zu brechen. Schlimmer noch: Die mehr als doppelt so starke AfD bekommt jetzt vielleicht die Chance, die Liberalen auf Dauer aus der politischen Landschaft in die Rubrik Splitterparteien zu verdrängen. AfD-Chef Bernd Lucke ließ am Abend keinen Zweifel daran, dass das Erbe der FDP seiner Partei gehöre.

Als Lindner gegen 18.30 Uhr die kleine Bühne betritt, muss er aus der Demütigung das Beste machen. Er habe sich nie Illusionen hingegeben, das bei der Bundestagswahl verlorene Vertrauen schon jetzt zurückgewinnen zu können. Die Niederlage sei eine «ehrliche Momentaufnahme». Die FDP werde nicht kapitulieren, sondern kämpfen - und sicher nicht die Populisten von der AfD kopieren: «Eine Wahl haben wir verloren, unsere Überzeugung aber nicht», ruft der 35-Jährige unter dem Jubel der Anhänger.

Dennoch müssen die Liberalen aufpassen, dass nicht Spender aus der Wirtschaft künftig auf das Konto der AfD einzahlen. Auch die 3500 neuen Mitglieder, die seit der Bundestagswahl zur FDP kamen, könnten wieder gehen, wenn es unter Lindner keine Siege und Posten mehr gibt.

Der Parteichef hatte noch auf ein kleines Wunder gehofft. Er setzte auf CDU/CSU-Wähler, die von der großen Koalition und dem teuren Rentenpaket enttäuscht sind. Auch die Ukraine-Krise sollte der Europa-Partei FDP helfen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Auf die Frage, ob die FDP noch gebraucht werde, sagten in einer ZDF-Umfrage am Sonntagabend 42 Prozent Ja - mit Nein stimmten 52 Prozent. Im Dezember war es noch genau umgekehrt. Sieht man es positiv, ist das Potenzial für ein Comeback weiter vorhanden.

Intern wird aber bereits geunkt, dass die Stimmung bei einer Pleite in Sachsen Ende August kippen könnte. Dort will die FDP die letzte schwarz-gelbe Landesregierung verteidigen. Einen Putsch halten Lindners Leute absehbar für Blödsinn. Wer sollte es denn besser machen, fragen sie zurück.

Da gibt es einen Ex-Außenminister und Ex-Parteichef, der gerade seine eigene Stiftung aufbaut, viel Zeit hat und mit 10-Tage-Bart auffällt. Sein Name: Guido Westerwelle. Dass es so weit kommt, dürfte ziemlich unwahrscheinlich sein. Mit jeder weiteren Wahlpleite wird es für Lindner aber schwerer, seine auf Ehrgeiz, Redetalent und Medienpräsenz beruhende Macht intern durchzusetzen. Anfang 2015 will er liefern - und den Wählern eine radikal erneuerte, glaubwürdige FDP anbieten. Bis dahin gilt es noch drei Landtagswahlen zu überstehen.