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Analyse: «Griechenland blutet wirklich»

Berlin (dpa) - Es ist eine große Charmeoffensive, mit der Antonis Samaras seinen Berlin-Besuch begleitet. Sein Vater habe in Berlin studiert, verrät der griechische Regierungschef der «Bild»-Zeitung.

«Er sagte immer, dass er mit Spreewasser getauft wurde.» Zu Angela Merkel fühle er eine besondere Verbindung, legt er in der «Süddeutschen Zeitung» nach: «Sie hat mir am Telefon erzählt, dass ihr Vater Priester war und dasselbe Augenproblem hatte wie ich mit meiner Netzhautablösung.»

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Klingt nett. Tatsächlich aber haben Merkel und Samaras ein höchst schwieriges Verhältnis zueinander, spätestens seit der Konservative als Oppositionsführer den Reformkurs in Athen torpedierte. Die Kanzlerin ist alles andere als gut zu sprechen auf den smarten 61-Jährigen. Doch das muss nun zurückstehen. Wenn Samaras an diesem Freitag nach Berlin kommt und am Samstag zu Frankreichs Staatschef François Hollande nach Paris weiterfliegt, steht nicht weniger als der Verbleib Griechenlands in der Eurozone auf dem Spiel.

Samaras testet dieser Tage vor allem eins aus: Erhält Griechenland Aufschub für die Umsetzung des Reformprogramms? Die Bundesregierung versucht, die Erwartungen zu dämpfen. Für eine Entscheidung sei es zu früh, zunächst müsse der «Troika»-Bericht der Geldgeber abgewartet werden, heißt es stets. Klar ist aber auch: Die Frage, wie Samaras im Kanzleramt und dann im Elysée-Palast auftritt, wie überzeugend er wirkt, wird die weiteren Entscheidungen maßgeblich beeinflussen.

Welche Bedeutung Berlin und Paris den Gesprächen beimessen, zeigt das Stakkato der Krisentreffen. Am Donnerstagabend sprachen sich Merkel und Hollande im Kanzleramt ab. Vor dem Treffen hielten sich die beiden maßgeblichen Euro-Krisenmanager bedeckt und gaben sich entspannt und nüchtern. Bloß keine neuen Aufgeregtheiten. Beim anschließenden Essen - es gab Krabbensuppe, Rinderroulade und Beerengrütze - wollten Merkel und Hollande sich zusammenzuraufen. Merkel: «Es wird uns nicht langweilig werden.» Der rote Teppich für Samaras war da schon vorbereitet. Der Athener Regierungschef kommt bei seiner ersten Auslandsreise im neuen Amt nach Berlin.

Sozialist Hollande gibt in der immer hitziger werdenden Debatte über neue Hilfs-Milliarden oder einen Euro-Austritt Griechenlands («Grexit») bisher den Gemäßigten. Insgesamt sind die Töne aus Paris gegenüber Athen wohlwollender als aus Berlin. Was nicht verwundert, ist die Angst an der Seine vor dem «Grexit» doch weit größer.

Französische Banken sind stärker in Hellas engagiert als Institute anderer Euro-Länder. Zudem kann die französische Wirtschaft mit Euro-Musterschüler Deutschland derzeit kaum mithalten, was sich auch in den Staatsfinanzen niederschlägt. Die Bundesregierung gibt sich unnachgiebig und will so den Druck auf Athen hochhalten. Trotzdem lässt auch Merkel keinen Zweifel daran, dass sie einen Ausstieg Athens aus der Eurozone für nicht wünschenswert hält.

Samaras spart nicht mit Demutsgesten. In der «Süddeutschen» verspricht der griechische Premier den Deutschen hoch und heilig, sein Land werde alle Hilfskredite von mehr als 100 Milliarden Euro zurückzahlen. «Das garantiere ich persönlich.» Es gehe nicht darum, dass Griechenland mehr Geld brauche, sondern mehr Zeit.

Kritiker meinen allerdings, dass mehr Zeit auch mehr Geld bedeute. Athen hofft dennoch darauf, dass das Defizitziel von drei Prozent der Wirtschaftsleistung erst 2016 und nicht schon 2014 erfüllt werden muss. Samaras verweist auf die Dauer-Rezession, die noch schlimmer ist als ohnehin befürchtet: «Unsere Wirtschaft ist um 27 Prozent geschrumpft. Griechenland blutet. Es blutet wirklich.»

Der Hinweis ist wohl kalkuliert. Die Griechen wissen, dass die Chancen für ein drittes Hilfspaket gegen null tendieren. Die weit tiefere Rezession könnte aber durchaus einen Weg eröffnen. Denn in der Vereinbarung der Geldgeber mit Athen findet sich weiter hinten eine Formulierung, wonach bei konjunkturbedingten Verschlechterungen die Defizitvorgaben auf dem Prüfstand stehen: Im Klartext: Schrumpft die Wirtschaft zu stark, könnte über Lockerungen geredet werden.

Denkbar ist auch, dass Athen weniger Zinsen für die bereits ausgezahlten Hilfskredite zahlt oder Nothilfen später zurückzahlt. Dieser Spielraum dürfte jetzt vermessen werden - auch gegen alle Widerstände in der schwarz-gelben Koalition. Als ausgeschlossen gilt, dass Merkel die Zukunft der Eurozone gefährdet, nur um die letzten Monate bis zu den Wahlen die eigene Mehrheit im Bundestag zu sichern.