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Analyse: Heilung für ein verletztes Land?

Oslo (dpa) - Hunderte bunte Rosen mit weißen Schildern verkünden vor dem Osloer Gericht, was sich viele Norweger wünschen. «Zurechnungsfähig» steht da am letzten Prozesstag gegen Massenmörder Anders Behring Breivik hundertfach an den Absperrgittern.

Trauer
Blumen und Kerzen in Gesenken der Opfer wurden gegenüber der Insel Utoya abgelegt. Foto: Jörg Carstensen/Archiv Foto: dpa

Der Attentäter soll für seine Gräueltaten im Gefängnis büßen. Seither sind fast zwei Monate vergangen. An diesem Freitag fällt das Urteil. Ein Schuldspruch nach einem Prozess, in dem es eigentlich nie um Schuld oder Unschuld ging.

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Ist Breivik ein kühl kalkulierender Mörder oder ein verwirrter Geisteskranker? Diese Frage müssen die Richter beantworten und damit entscheiden: 21 Jahre Gefängnis oder geschlossene Psychiatrie für den Mann, der im vergangenen Sommer 77 meist jugendliche Menschen aus dem Leben riss. Die Staatsanwaltschaft plädiert auf unzurechnungsfähig. Es sei «schlimmer, einen psychotischen Menschen irrtümlich in Haft zu nehmen als einen nicht-psychotischen in eine Zwangspsychiatrie». Breivik dagegen will unbedingt als geistig gesund gelten und dafür zur Not auch ins Gefängnis.

Doch eigentlich geht es im wohl wichtigsten norwegischen Gerichtsprozess seit dem Zweiten Weltkrieg um viel mehr. Darum, ein nationales Trauma zu verarbeiten. Um klaffende Wunden, die nach dem Urteilsspruch langsam heilen sollen. Mit seinen Attentaten im Osloer Regierungsviertel und im Ferienlager auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 brachte Breivik ganz Norwegen aus dem Gleichgewicht. Bei knapp fünf Millionen Einwohnern kennt hier fast jeder jeden - entsprechend groß war die Wucht, mit der die Morde einschlugen. Das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» schreibt von einem «verletzten Land».

«Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit», hatte Ministerpräsident Jens Stoltenberg nur Tage nach den Anschlägen ausgerufen. Eine besonnene Reaktion, für die ihn die ganze Welt bewunderte. Die Norweger sangen Kinderlieder gegen den Terror und bewiesen eine Einigkeit, die in dem sonst fast kühlen Land selten ist. Ihr Land erfülle sie heute mit mehr Stolz und sie seien zufriedener mit ihrer Demokratie, zeigt eine Studie.

Bislang haben sie auch den herzzerreißenden Gerichtsprozess mit mehr als 60 oft schwer traumatisierten Zeugen ruhig beobachtet. Mit jeder entlarvenden Aussage des Massenmörders Breivik wich ihre Angst. Hauptsache, er kann so etwas nie wieder tun, war das Credo. Doch Verteidiger Geir Lippestad warnt: Egal ob Gefängnis oder Psychiatrie, «wir müssen uns vorbereiten, dass Breivik eines Tages wieder frei kommen kann». Norwegen kennt keine lebenslange Freiheitsstrafe und eine Einweisung in die Psychiatrie wird regelmäßig überprüft.

Aller Voraussicht nach wird der Massenmörder das einzige Hochsicherheitsgefängnis des Landes aber zumindest jahrzehntelang nicht verlassen. Unabhängig vom Urteil, denn hier wird - man könnte sagen eigens für Breivik - eine psychiatrische Abteilung hinter Gefängnismauern eingerichtet. Vorsicht, warnen zahlreiche Kritiker: Psychisch Kranke dürften nicht wie Schwerkriminelle behandelt werden. Auch im Angesicht eines Massenmörders halten die Norweger an ihren Werten fest.

Es bleibt zu hoffen, dass die Angehörigen der Opfer und Freunde der Überlebenden auch auf den Urteilsspruch so besonnen reagieren. Als Erste hatte nach den grausamen Attentaten im vergangenen Sommer eine norwegische Studentin den richtigen Ton getroffen. Im Internet schrieb sie: «Wenn ein Mann so viel Hass zeigen kann, denk, wie viel Liebe wir alle zusammen zeigen können.»

Gerichtsinfos zum Breivik-Fall, Norwegisch