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Analyse: Merkel macht Griechen Mut

Athen (dpa) - Für eine Garderobe in den griechischen Nationalfarben blau und weiß hat sie sich nicht entschieden. An freundschaftlichen Gesten ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ansonsten aber sehr gelegen, als sie am Dienstag für eine Kurzvisite in Athen landet.

Samaras trifft Merkel
Zum ersten Mal selbst im Zentrum der Turbulenzen: Angela Merkel beim Staatsbesuch im Gespräch mit Antonis Samaras. Foto: Alexandros Vlachos Foto: dpa

Rund zwei Jahre schon dauert das europäische Ringen mit den überbordenden Staatsschulden Griechenlands, des Euro-Sorgenlands Nummer eins. Nun ist Merkel zum ersten Mal selbst im Zentrum der Turbulenzen. Es ist eine der heikelsten Dienstreisen ihrer Amtszeit, denn viel hat sich an Spannungen und Ressentiments in beiden Ländern zusammengebraut.

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Am Flughafen empfängt Ministerpräsident Antonis Samaras die Kanzlerin gleich an der Treppe, auf der sie für ihren Fünfeinhalb- Stunden-Besuch aus der Maschine steigt. Es weht ein frischer Wind, die Kapelle spielt eine eher getragene Version der Hymnen. Gemeinsam in einer Limousine fahren Merkel und der griechische Premier zum Gespräch in seinen Amtssitz. Ausdrücklich hatte der Premier Merkel gebeten, seinen Berliner Antrittsbesuch im August zu erwidern.

Über abgesperrte Straßen rauscht die Wagenkolonne ins Athener Zentrum. An Böschungen und Kreuzungen sind in regelmäßigen Abständen Polizisten mit schusssicheren Westen postiert, manche in Zivil. Auf den Bürgersteigen stehen Schaulustige, an einer Stelle schirmen Sicherheitskräfte mit Helmen und Schutzschilden eine Gruppe mit einem Transparent ab. Wütende Protestaktionen gegen Deutschland - den ungeliebten Ermahner und wichtigsten EU-Hilfsgaranten - bekommt Merkel nicht zu Gesicht. Durch andere Straßen der Hauptstadt, in der 7000 Polizisten im Einsatz sind, ziehen aber zornige Demonstranten.

Den Zweck ihres Besuchs macht Merkel rasch klar: Solidarität und Ermunterung des europäischen Partners. «Ich bin zutiefst überzeugt, dass sich der schwierige Weg lohnt», bestärkt sie Samaras für seinen im Land heftig umstrittenen Reformkurs. Und sichert - jenseits internationaler Kredittranchen - Hilfe zu. Für zwei Projekte unter deutscher Federführung ist jetzt die Finanzierung über europäische Fonds klar, es geht um eine bessere Organisation des Gesundheitswesens und regionaler Verwaltungen. Auch ein Treffen mit deutsch-griechischen Wirtschaftsvertretern steht im Programm.

Auf demonstrativ versöhnliche Töne legt Merkel schon länger auch zu Hause Wert, nachdem selbst Politiker ihrer eigenen Koalition ungerührt über einen Euro-Abschied der Hellenen räsonierten. «Ich wünsche mir, dass Griechenland in der Eurozone bleibt», wiederholt sie in Athen. Und beschwört den Zusammenhalt der Euro-Partner: «Wenn es einem nicht gut geht, geht es auch den anderen nicht gut.» Nicht einmal das Reformtempo, das viele in Berlin zu schleppend finden, mag Merkel bewerten. Sie sei «nicht als Lehrerin oder Notengeberin» gekommen. Und auch in Deutschland, zumal in den neuen Ländern, wisse man doch, wie lange Reformen dauern.

Samaras lässt keinen Zweifel, wie wichtig Merkels Visite für sein Land ist - gerade in dieser Phase massiver Spannungen, die ihn sogar um die Demokratie fürchten lassen. Der Besuch sei nicht weniger als der Beweis, dass die internationale Isolation durchbrochen sei, sagt der Premier. Und gibt sich zuversichtlich für die nächsten Etappen: «Alle, die gewettet haben, dass Griechenland untergeht, werden diese Wette verlieren.» Die Bitte um mehr Zeit für Reformen, die so schwer auf den Bürgern lasten, spricht er nicht an, warnt aber: «Unser Feind ist die Rezession.»

Ob Griechenland die dringend benötigte nächste Kredittranche der internationalen Geldgeber bekommt, bleibt ungewiss. Erst soll der schon mehrfach verschobene Kontrollbericht der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds fertig sein. Das könnte womöglich bis November dauern. Merkel stellt auch in Athen keine Zugeständnisse bei den Sparauflagen in Aussicht und will schon gar keine Prognose abgeben. Nur so viel: «Ich glaube, dass wir Licht sehen werden am Ende des Tunnels.»