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Analyse: «Wir wollen den Wechsel»

Rawalpindi (dpa) - Agha Shaukat Mazher hat sich kurz nach Öffnung der Wahllokale am Samstag in Pakistan in die Schlange eingereiht. Im Wahlkreis 56 in der Garnisonsstadt Rawalpindi hat der distinguierte Herr gerade seine Stimme für das neue Parlament abgeben.

Wähler
Kein Weg zu weit: Ein Pakistaner auf dem Weg zur Stimmabgabe. Foto: Sultan Mehmood Foto: dpa

Auf die Leistung der regierenden Volkspartei PPP angesprochen, fällt alle Vornehmheit von dem 77-Jährigen ab. «Scheiße», zischt er.

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Dann bewegt Mazher seinen Arm, als schwinge er einen imaginären Kricketschläger. Er habe die Tehreek-e-Insaf (Bewegung für Gerechtigkeit/PTI) von Kricket-Legende Imran Khan gewählt, sagt Mazher ungefragt. «Er ist ein neuer Anführer. Unsere alten Anführer sind zu nichts zu gebrauchen.» Imran Khan ist besonders unter jungen Wählern beliebt. Mazher ist allerdings ein gutes Beispiel dafür, dass der charismatische PTI-Chef, der als Vorkämpfer gegen Korruption auftritt, auch reifere Pakistaner von sich überzeugt hat.

Der Wahlkreis 56 ist einer von vieren, in denen Imran Khan kandidiert. Die Menschen in den Wahllokalen dort - sie sind nach Männern und Frauen getrennt - brennen darauf, ihre Stimme abzugeben. Die meisten von ihnen wollen der PPP-Regierung einen Denkzettel verpassen. Schon am Morgen ist der Andrang so groß, dass der Vertreter der Wahlkommission, Mohammad Aurangzaib, mit einer starken Beteiligung von 55 bis 60 Prozent im Wahlkreis rechnet. «Die Menschen wollen wählen», sagt er. «Niemand hat Angst.»

Vom Terror der Taliban, die auch am Wahltag wieder Menschen töten, lassen sich Millionen Pakistaner nicht abbringen. Nicht nur in Rawalpindi, auch anderswo bilden sich nach den Worten des Chefs der Wahlkommission, Fakhruddin Ibrahim, «lange Schlangen von Männern und Frauen» vor den Wahllokalen. Auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie Menschen geduldig der Hitze trotzen, um abzustimmen.

«Wählt den Wechsel» - damit wirbt Imran Khan, der noch nie Regierungsverantwortung trug, um Stimmen. Das Wort «Change» hört man von etlichen Menschen im Wahlkreis 56, wenn man sie fragt, was die Wahl Pakistan bringen soll. «Wir wollen den Wechsel», sagt auch der 62-jährige Visal Ahmad in Anspielung auf den PTI-Slogan. «Wir haben die Nase voll von den alten korrupten Politikern.»

Der 33-jährige Mudassar Hussain sagt, er könne nicht vorhersagen, ob Imran Khan die großen Erwartungen wirklich erfüllen werde. Aber PPP und die in Umfragen führende Muslim-Liga (PML-N) von Nawaz Sharif, der schon zweimal Premierminister war, hätten ihre Chancen in der Vergangenheit gehabt. «Die Geschichte sollte sich nicht wiederholen. Ich werden den Wechsel ausprobieren.»

Im Wahlkreis 56 in der Millionenstadt Rawalpindi wohnen gebildete Angehörige der Mittelklasse, er ist nicht repräsentativ für Pakistan. Doch auch in Umfragen liegt die PTI - die die Wahl 2008 boykottierte und 2002 nur einen Sitz gewann - auf Platz zwei.

Die PPP scheint sich mit der bevorstehenden Niederlage abgefunden zu haben. Sie raffte sich kaum zum Wahlkampf auf und führte keinen Premierministerkandidaten ins Feld, neue Gesichter hat sie keine zu bieten. «Die Partei ist im schlechtesten Zustand ihrer Geschichte», sagt Rashid Pervez Rathor. Er ist seit 1967 Parteimitglied und trotz einiger Suche der einzige Wähler, der sich am Samstagmorgen im Wahllokal offen zur PPP bekennt. Die Parteiführung habe den Kontakt zur Basis völlig verloren, beklagt er.

«Nichts, Null» habe die PPP-Regierung geleistet, meint der 61 Jahre alte Mohammad Salim, der nach seinen Worten «schon immer» für Nawaz Sharifs PML-N gestimmt hat und daran auch nichts ändern möchte. Die 25-jährige Binish Mudassir im benachbarten Frauen-Wahllokal fordert nach ihrer Stimmabgabe für die PTI: «Die PPP muss eliminiert werden.»

Tahira Masood Ajmal sieht das genauso. Wegen der Energiekrise gebe es abends kein Licht, die Kinder könnten nicht für die Schule lernen, klagt die 50-Jährige. 16 Stunden am Tag falle der Strom aus. Im Winter würden die Kinder krank, weil Gas zum Heizen fehle. «Wir haben sie alle ausprobiert», sagt sie mit Blick auf PPP und PML-N. «Sie haben nichts geleistet, sondern sich nur um sich selber gekümmert.» Was sie sich von der Wahl erhoffe? Auch Ajmal sagt mit fester Stimme: «Wir wollen den Wechsel.»

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