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Anatomie der Situationskomik

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Die ganze Welt ist Bühne. Der Wahnsinn des Theateralltags fordert sein Tribut. Da hilft nur eins: mitmachen oder verrückt werden. (Foto: Benekam)

»Nichts ist komischer als das Unglück der andern«: Dieses Zitat von Samuel Beckett, mag sich der Engländer Michael Frayn zum Leitsatz genommen haben, als er die 1982 in London uraufgeführte Farce »Der nackte Wahnsinn« geschrieben hat. Wer eine Aufführung im Salzburger Landestheater, an dem das Stück noch bis zum 17. Juni gespielt wird, gesehen hat, den wundert es nicht, dass Frayn ganze zwei Jahre an dem Stück gefeilt hat, bis er es schließlich »frei« gab.


Freilich nicht ohne schlechtes Gewissen. Denn was er den Schauspielern, die seine Farce letztlich umsetzen, zumutet, das grenzt an masochistische Selbstzerfleischung par excellence. Regisseur Thomas Enzinger blies ins gleiche Horn und inszenierte mit dem Salzburger Ensemble einen wahren Spießrutenlauf in den kontrollierten Kontrollverlust. »Der nackte Wahnsinn« wütete, tobte und raste entgleisend treppauf, treppab durch acht Türen und ein Fenster sowie über ein drehbares Bühnenbild (raffiniert ausgeklügelt von Thomas Pekny). Die Schauspieler stürzen – ganz wie von Frayn gewollt – durch die Bühnenlandschaft, fallen übereinander, verheddern sich ineinander, prallen mit voller Wucht gegen verschlossene Türen, jagen sich gegenseitig auf der Bühne, schlimmer noch hinter der Bühne bis zur völligen Erschöpfung, bis der Vorhang fällt.

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Das ganze Leben ist Theater

Und dann wird es erst so richtig arg. Das ganze Leben ist Theater. Oder ist das Theater das ganze Leben? Frayns Farce handelt genau davon: Schauspieler, die eine Boulevardkomödie proben und schließlich damit auf Tournee gehen. Der erste und dritte Akt spielt auf der Bühne, der zweite Akt spielt hinter der Bühne und zeigt hier die ungeschminkte Wahrheit des Theateralltags, die Intrigen, die zwischenmenschlichen Tragödien, Liebe, Hass – Hassliebe.

Der Regisseur Lloyd (Sascha Oskar Weis) versucht im ersten Akt, mit dem Fingerspitzengefühl eines Dickhäuters, seine Truppe für die Premiere »aufzustellen«. Requisiten werden vertauscht, die Technik versagt, ein Schauspieler fehlt, der Text sitzt nicht und Regieassistentin Poppy (Hanna Kastner) steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Es ist ja erst die Generalprobe, versucht sich das Ensemble zu beruhigen, aber innerlich tanzt jeder einzelne seinen ganz eigenen Tanz auf dem Vulkan. »Mein Mund ist wie ein Spielautomat. Man weiß nie was rauskommt«, jammert Dotty (Britta Bayer) noch kurz vor der Premiere. Sterbe und werde.

Während des Tourneebetriebs kristallisieren sich die gruppendynamischen Prozesse innerhalb des Ensembles immer klarer heraus. Regisseur Lloyd hat Stress, weil er sowohl mit Regieassistentin Poppy, als auch mit Schauspielerin Brooke (Janina Raspe) ein Verhältnis hat. Inspizient Tim (Gregor Schleuning) ist nicht nur für klemmende Türen und zu Bruch gegangene Requisiten zuständig, sondern wird vom Regisseur abwechselnd als »Vertuschungshelfer« für seine Techtelmechtel und als Zweitbesetzung für den ständig abwesenden Ex-Alkoholiker und Schauspieler Selsdon (Walter Sachers) missbraucht. Die Truppe hat neben den rasanten Auf- und Abtritten ständig ein Auge auf den schwerhörigen Selsdon, der immer dann auf der Bühne erscheint, wenn er nicht zu erscheinen hat – wenn er aber erscheinen soll, nie erscheint.

Belinda (Julienne Pfeil) hingegen behält den Überblick, führt als Darstellerin Regie im Off-Drama, versucht unermüdlich Pannen und Kämpfe in den Griff zu bekommen, wohingegen sich Garry (Marco Dott) immer tiefer in Eifersüchteleien verspinnt und in rasendem Wahn mit allem um sich schlägt, was er in die Finger bekommt. Der bemitleidenswerte Frederick (Marcus Bluhm) kämpft mit stressbedingtem Nasenbluten und ist – nur weil er sich gut mit Garrys Freundin Dotty versteht – andauernd dessen wütenden Attacken ausgeliefert.

Großes Finale mit Weltuntergangscharakter

»The show must go on«: Längst schon haben die Dramen aus dem Off das Bühnengeschehen geentert und zeigen dem Publikum ihr groteskes Gesicht. Als großes Finale mit Weltuntergangscharakter treibt dann der letzte Akt die Chose ins Unermessliche. Wieder mit gedrehtem Bühnenbild, »also auf der Bühne«, sieht man noch einmal das Theater im Theater, oder das, was in der Dernière noch davon übrig geblieben ist: Die Rudimente des eigentlichen Stückes, Fragmente des nackten Wahnsinns. Frayns Farce lässt nichts aus. Das Ensemble des Salzburger Landestheater auch nicht. Es verlangt sich körperlich akrobatisch, stimmlich überragend, mimisch fantastisch, alles ab. Eine zum Brüllen komische Glanzleistung.

Auch dem Publikum wird alles abverlangt: Es geht mit, taucht ein in die Psychodramen der Figuren, kann sich vor Lachen kaum halten und bekommt in dem rasanten Spieltempo sicherlich nur einen Bruchteil der detailverliebten Szenen und Dialogen mit. Nach besinnungslos-euphorischen Lachsalven hatten die Zuschauer aber noch genügend Kraft für einen stürmischen Applaus. Kirsten Benekam