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Anfälle von »hormoneller Instabilität«

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Annette Postel und Klaus Webel waren ein umwerfend komisches Duo im k1-Studio und sorgten bei Männern und Frauen für einen unterhaltsamen Abend. (Foto: Benekam)

»Ausziehn ...« stand groß und in auffällig giftgrüner Schrift auf dem Plakat von Annette Postels Musikkabarett. Wer »Ausziehen« im Sinne von sich seiner Kleider entledigen, Haut zeigen oder gar Striptease verstanden hatte, dessen Hoffnungen wurden schnell enttäuscht. Immerhin waren genügend Männer im k1-Studio, die sicherlich nicht weggeschaut hätten. Denn Annette Postel ist schon eine Augenweide, wenn sie da so in feenhaftem Kleid, schön geschminkt, in divenhaft-tänzerischer Bewegung im Rampenlicht steht.


Zugegeben, sie redet ein bisschen viel, und das kann nerven aber das, was sie sagt, ist dann urkomisch. Singen kann sie auch – und wie! Als »Chanteuse, in Zweitberufung als Liebesglücksfee« stellte sich die Dame vor. Und »Ausziehn«, stellte sich heraus, musste sie sich selbst nicht, vielmehr musste sie aus ihrer pompösen Villa ausziehen, da diese von ihrem »Drecks-Ex« kontaminiert war.

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Ernst zu nehmende Liebesglücksfeenkrise

Zudem sei ihr Feenzauberstab defekt und sie befinde sich somit in einer ernst zu nehmenden Liebesglücksfeenkrise. Als schließlich alle ernüchternden Missverständnisse ausgeräumt waren, sie also nicht mit »Liebesfeenstabhochschwung« jeglichen Liebeskummer zu vertreiben imstande war – schon gar nicht ihren eigenen – blieb ihr nichts anderes übrig, als mit ihrem Programm loszulegen.

Losgelöst von den Fesseln einer enttäuschten Liebe, log sie sich mit Pippi Langstrumpfs Lied »Faul sein, ist wunderschön« selbst in die Tasche, ersetzte das Wort faul durch frei und frohlockte über die neuen, hoffentlich männerreichen Aussichten, die ihr blühten. Dass der Verflossene seit Neustem ein neues Hobby pflegt – Brünette – konnte sie angesichts der Tatsache, dass doch bekanntlich die Brünetten die Kinder und die Blondinen die Männer kriegen, überhaupt nicht verstehen.

Immer wieder verfiel Annette Postel in anfallartig einsetzenden Liebeskummer, den sie in wehmütig schmachtenden umgedichteten Liedern verarbeitete oder mit literweisen Dosen von Bachblüten zu bekämpfen versuchte. Trotzdem verlor sie selten die Haltung: »Ich brülle nicht, auch wenn das Herz fast bricht« und ging, ganz wie die Gesetzmäßigkeiten eines zu verarbeitenden Liebeskummers sind, bald in die Wut- und Hassphase über.

In dem Lied »Warts nur ab, verdammter Drecks-Ex«, das an das Musical »My fair Lady« erinnerte, züchtete sie Rache-Fantasien, träumte von einem »Alleinherrscher«, der ihr derartig verfällt, dass er ihr den allergrößten Wunsch erfüllt: Er soll den untreuen Weiberheld totschießen und am besten die brünette Rivalin gleich mit.

Das sind Momente, die dem Musikerkollegen und hoffentlich Unterschlupf gewährenden Klaus Webel, der Postel grandios am Klavier und auch psychisch begleitete, an den Rande seiner Geduld brachten: In der Pause bat er selbst um Hilfe, suchte ein Zimmer, da er sein kleines Appartement mit der liebestollen Nervensäge nicht teilen wollte. Diese aber schien rein liebeskummermäßig nach einem ausgiebigen Friseurbesuch über den Berg zu sein – sie erschien nach der Pause mit neuer Frisur, frischem Mut und visierte kokett die im k1-Studio anwesenden Männer an.

Zwar erlitt Annette Postel noch gelegentlich Anfälle von »mangelndem Interesse« und »hormoneller Labilität«, aber da manövrierte sie sich geschickt selbst heraus: »Wenn ich dich nur anseh'«, schmachtete sie in neu entflammter Liebesbekundung zu einem noch Unbekannten, welcher selbst von seinem Glück noch nichts zu wissen schien. Postel verfiel in heillose, an Verklemmtheit grenzende Schüchternheit, stotterte singend, sang stotternd, Buchstaben, ja ganze Wörter blieben ihr im Halse stecken wie eine hängen gebliebene Langspielplatte.

Die k1-Gäste litten mit, allerdings an durch Lachsalven verursachter Sauerstoffuntersättigung. Postel gab sich notgeil, sie habe ihren Anspruch an Männer auf ein Mindestmaß heruntergeschraubt, wimmerte sie. Da half auch ihr »Schmutzengel« in Gestalt einer rabenähnlichen Handpuppe nichts. Im Gegenteil: Der eigentlich als »Plüschotherapeut« engagierte komische Vogel sollte ein wirksames Mittel gegen die Einsamkeit sein – war er aber nicht. Stattdessen lästerte er frech über Postels Unzulänglichkeiten und plauderte schmutzige Geheimnisse aus.

»Genervter Mann für alle Fälle«

»Was kann Annette Postel eigentlich nicht?«, fragten sich die Zuschauer. Sie singt, dichtet, ist schlagfertig, entertaint, beherrscht das Handpuppenspiel, tanzt und sieht noch dazu klasse aus. Ihr Musikkabarett, in allerbester Begleitung des immer ins Programm einbezogenen Jazzpianisten Klaus Webel, der sich nicht nur auf den Tasten genial bewährte, sondern auch als »genervter Mann für alle Fälle« voll und ganz überzeugt, begeisterte in allen Bereichen niveauvollen Kabaretts.

Annette Postels Humor hat Substanz und zeugt von einer positiven Weltanschauung. Am Ende ihres »Entliebungsprozesses« genügte sie sich selbst: »Ich lade mich heut’ selber ein«, sang sie und tanzte nach einer Piazolla-Komposition mit sich alleine Tango. Gerade, dass sie sich selbst belächelt, sich als Frau und als Künstlerin nicht zu ernst nimmt, und ihre Schwächen, die ja doch die Schwächen der Allermeisten sind, macht sie sympathisch und wahnsinnig komisch. Ein mehr als unterhaltsamer Abend, der nachschwingt. Prustendes Gelächter, kichernde Leidensgenossinnen und amüsierte Männer verabschiedeten die Diva Annette Postel nach einem offenbar für beide Seiten urkomischen Abend. Kirsten Benekam