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Angst vor Diktatur des Proletariats

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Innerhalb von acht Tagen nach Ausrufung des Freistaats Bayern hatten sich in Traunstein Soldaten-, Arbeiter- und Bauernrat gebildet. Dennoch empfanden die Chiemgauer die politischen Umwälzungen jener Zeit, die »sich gottlob ohne Blutvergießen vollzogen« (Traunsteiner Wochenblatt, 15.11.1918), als Übergangsphase, an deren Ende wieder eine geordnete Regierung stehen sollte. Das Credo lautete, sich den aktuellen Gegebenheiten in besonnener Weise anzupassen.


Jedoch forderte ein politischer Kommentar im TWB am 16. November 1918 eine Nationalversammlung. »Wir akzeptieren den gegenwärtigen Zustand nur unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß es sich um einen kurzen Übergangszustand bis zur baldigen Einberufung einer deutschen Nationalversammlung handelt.« Der aktuellen Regierung in München unter Kurt Eisner billigte man »nur« die Aufgaben zu, »Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, Frieden zu schließen, die Volksernährung zu sichern und die Demobilmachung so gut als eben möglich durchzuführen«. Doch spätestens nach der Demobilmachung sei es unumgänglich, so der Aufruf im Traunsteiner Wochenblatt (16. November 1918), dass es Wahlen gebe. Denn von den Wahlen werde »die Zusammensetzung der künftigen deutschen Regierung abhängen«. Den Arbeiter- und Soldatenräten solle man die Macht so schnell wie möglich wieder entziehen, denn die deutsche Regierung »wird es sein, welche die Grundlagen des neuen Deutschlands verfassungsmäßig unter der Mitarbeit aller Klassen, Schichten und Parteien des deutschen Volkes aufzurichten haben wird«.

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Zu groß war die Angst in den bürgerlichen Bevölkerungsschichten vor einer »Diktatur des Proletariats«, die eine »einseitige Klassenherrschaft der Arbeitermassen und eine Knechtung des gesamten Bürgertums« befürchten ließ. »Wir wollen der Diktatur von oben nicht entkommen sein, um einer Diktatur von unten anheim zu fallen.« Mit großer Skepsis wurden daher die politischen Richtungskämpfe im fernen Berlin beobachtet.

Traunsteins Bürgermeister Dr. Georg Vonficht betonte daher in der ersten Sitzung des Stadtmagistrats nach dem Umsturz, dass »dieses Gefühl der ersten Beängstigung mehr und mehr dem Gefühl des Zutrauens, der allmählichen Rückkehr zuversichtlicher Stimmung, ja dem   Gefühle   zunehmenden Vertrauens auf die neue Formung des Staatslebens und unserer Zukunft weichen« muss. Vonficht beweist an dieser Stelle pragmatisches   Denken und Handeln, und fordert den Stadtmagistrat und die Bevölkerung daher auf, »unsere neue, provisorische Regierung um so mehr zu unterstützen (...) als wir sehen, daß sie es bisher versteht, nicht nur altes umzustoßen, sondern in ihrem neuen Systeme tatsächlich praktisch zu arbeiten.« vew

Im fünften Teil widmet sich die Serie dem Thema Wirtschaftskrise und Inflation nach Kriegsende.