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Anmalen gegen den Tod

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»Tete et Bacchanale, Farblithographie, Katalogumschlag, 1956. (Foto: HaG)

Das Englische Fräulein scheint irritiert. Es geht die mit Picassos satt behängten Stadtgalerie-Wände entlang, munteren Schritts, aber mit zugekniffenen Augen. Schüttelt den Kopf. Schnauft erst wieder, als sie sitzt, um des Ersten Bürgermeisters Eloge auf 25 Jahre Stadtgalerie Altötting, eine unverdeckte Werbeansprache des Bank-Sponsors und – endlich – die fachliche Einführung in die neue Ausstellung »Picasso« (bis 2. Juni) anzuhören. Einen der raren Sitzplätze innezuhaben, lässt das Englische Fräulein erleichtert durchatmen. Die Dame, die ans Mikrophon tritt, gewinnt ihr ein Lächeln ab. Die meisten Vernissage-Gäste vernehmen stehend, was die Kunsthistorikerin Dorothée Siegelin, die sich als »Schülerin« ihres »strengen Lehrers« Helmut Klewan an kurze Redezeit hält, zu erzählen hat.


Man hört mit Verve Vorgetragenes über das Mal-, Graphik-, Zeichen-, Radier-, Plastik-Genie Pablo Picasso (1881-1973), ohne Hinweis darauf, dass der Spanier, der neben George Braque mit dem Kubismus die Bildende Kunst am Beginn des 20. Jahrhundert revolutionierte und die wohl größte, wenngleich umstrittenste Künstlerpersönlichkeit seiner Zeit war, vor 40 JahrenTagen in Malaga gestorben ist. Picassos Todesgedenkjahr 2013 bringt ja nicht von ungefähr die weltläufigen Galerien und Museen auf den Plan, so etwa die Neue Pinakothek in München, wo (bis 31. August) der Picasso auf Césanne und Degas trifft oder das Kunstmuseum Basel mit einer Retrospektive aus 30 Privatsammlungen (bis 21. Juli).

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Die höchst respektable Altöttinger »Picasso«-Schau speist sich aus lediglich einer einzigen, umso erstaunlicheren Privatsammlungs-Quelle, nämlich der des Münchner/Wiener Kunst-Galeristen Helmut Klewan (70), der mit der von Herbert Bauer wohltuend unprätentiös, aber höchst erfolgreich geleiteten Stadtgalerie seit einem Jahrzehnt freundschaftlich verbunden ist. Klewan hört, als gleichwohl passionierter Sammler wie ausgewiesener Experte der klassischen Moderne, dem Vortrag aufmerksam zu, bevor er einen »nahrhaften« Geschenkkorb zum Dank entgegennehmen darf.

Siegelin geht exemplarisch auf einige der insgesamt 130 Exponate ein – wie schön, dass sie keine Interpretationen gibt, sondern den Schwerpunkt auf die Schaffensperiode Picassos legt, in der die ausgestellten Werke – Lithos, Radierungen, Gemälde – entstanden, wozu auch die einzigartigen Schwarzweiß-Fotos von Franz Hubmann und André Villers zählen, denen eine eigene Abteilung um eine Vitrine mit exzeptioneller Buchillustration gewidmet ist. Ein Hubmann-Foto zeigt Picasso mit dem bedeutenden Kunsthändler Daniel Henry Kahnweiler (1884- 1979). Dieser sieht Helmut Klewan derart ähnlich, dass man beim flüchtigen Hingucken leicht erschrickt. Picasso habe sich, weiß Siegelin, beim Fotografieren stets in Positur geworfen. Was mochte wohl das Englische Fräulein – vermutlich auch andere Vernissage-Besucher – an den hier versammelten Picassos knabbern lassen? Die »hinreißenden Bade-«, die wilden Minothauros-Szenen der 30er Jahre? Die Freizügigkeit der üppigen nackten Körper in Positionen, die schon zu des Künstlers Lebzeiten die Gemüter erregten? Die keineswegs gewaltlosen Orgien und Bacchanale, die Picasso auf ungemein erotisierenden, sündhaft aufreizenden Blättern falten- und haargenau, Busen-, Schenkel- und Popo-feiernd festhielt? Pablo Picasso ist ohne das Erregende nicht zu denken. Er war und ist noch immer Provokateur, »absolut virtuos«, wie Siegelin anmerkte, der »die Komplexität der modernen Welt in eine neue Kunstsprache umsetzte«. Der sich, als ihn der Kubismus langweilte, der Antike zu- und von Rubens abwandte, der – ein »Anmalen gegen den Tod«? – in seiner letzten Schaffensperiode in sieben Monaten beinahe 350 Radierungen – neben Zeichnungen und Gemälden – kreierte? Hat er wirklich »die eigenen Ängste thematisiert«, wenn er sich als »Alten König« mit blutjungen, sinnlich aufblühenden Models kontrastierte? Mag sein – die Kunstgeschichte hat viele offene Stellen und Zugänge.

Was die Altöttinger Ausstellung leistet, ist: sich, mit dieser Offenheit im Gepäck, auf den wildwuchernden, wunderlichen, wunderbaren Picasso einlassen zu können, sich einen Überblick zu verschaffen über seine Kunst ab den 1930er Jahren bis zu seinem Tod, wobei das schöne, sinnvolle Leporello, das es für läppische 2,50 Euro gibt, eine gute Hilfe sein kann, die phantastischen Picassos zu Hause Revue passieren zu lassen. Hans Gärtner