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Anna Haitzer aus Ruhpolding ist für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Afrika

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Besonders die neunjährige Blessing ist Anna sehr ans Herz gewachsen.

Ruhpolding – Seit fast neun Monaten ist Anna Haitzer aus Ruhpolding für ein Freiwilliges Soziales Jahr jetzt schon in Ghana: »In der Zeit, die ich jetzt schon hier bin, habe ich mehr erlebt, als in so einigen Jahren davor«, berichtet sie im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt.


Im August 2018 ist die 19-Jährige nach Agona Swedu gegangen, eine etwa 50.000 Einwohner zählende Stadt rund eine Stunde von Ghanas Hauptstadt Accra entfernt. Dort ist die Ruhpoldingerin in einer Schule als Assistenzlehrerin tätig und lebt in einer Gastfamilie. »Mit meiner Gastfamilie komme ich gut zurecht und es ist mittlerweile auch ein bisschen wie eine zweite Familie für mich geworden. Meine Gastmutter ist sehr herzlich und hat mich als ihre 'Daughter' in die Familie aufgenommen, mein Gastvater kann viele Geschichten aus seinem Leben erzählen und mit meinen beiden älteren Gastbrüdern kann ich viel scherzen.«

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Der Alltag in Annas Schule unterscheidet sich auf jeden Fall von dem an einer deutschen Schule. »Grundsätzlich gibt es in Ghana private und staatliche Schulen, wobei an den privaten Schulen Gebühren für die Bildung der Kinder verlangt werden, während der Unterricht an den staatlichen Schulen weitestgehend kostenlos ist.« Die 19-Jährige ist an einer staatlichen Schule in der dritten Klasse beschäftigt. »Ein normaler Schultag beginnt mit einer Versammlung aller Schüler, bei der gebetet, gesungen und die Nationalhymne angestimmt wird. Der Unterricht endet um 15 Uhr und es gibt insgesamt zwei Pausen, in denen die Kinder spielen und essen können.«

In ihrer dritten Klasse hilft Anna Haitzer der Klassenlehrerin beim Korrigieren der Hausaufgaben und Klassenarbeiten und unterrichtet auch zwei Fächer – Natural Science, vergleichbar mit dem Heimat- und Sachkundeunterricht an deutschen Schulen und Creative Arts, etwas wie Kunst – selbst. »Außerdem gebe ich Lesenachhilfe für die Schüler, die immer noch nicht lesen können und bin regelmäßig im zur Schule gehörenden Kindergarten, wo ich versuche, den Kindern durch englische Lieder und Reime spielerisch die Sprache näherzubringen.«

Die 19-Jährige betont auch, dass die Arbeit mit den Kindern nicht immer einfach ist, »da das Englisch, das eigentlich an den Schulen gesprochen werden soll, bei einigen Kindern nicht besonders gut ist und sowohl Schüler als auch Lehrer dann häufig wieder auf die lokalen Dialekte zurückgreifen.«

Ein großer Unterschied zu deutschen Schulen ist das »Caning«. »Der 'Cane' ist eine Art Rohrstock und wird von vielen Lehrern benutzt, um Schüler zu bestrafen und die Klasse aufmerksamer zu machen«, erzählt die Ruhpoldingerin. »Für mich persönlich ist es auch nach der langen Zeit hier noch immer schwer, mitanzusehen, wenn Kinder auf diese Art und Weise bestraft werden, auch wenn es für die Lehrer und Schüler etwas ganz Alltägliches ist.« Anna hatte das große Glück, mit einer Lehrerin zusammenzuarbeiten, die das »Caning« auch nicht besonders mochte, es aber aufgrund mangelnder Alternativen als Bestrafung verwendet hat. »Diese Lehrerin war sehr offen für meine Vorschläge und alternativen Methoden und hat nach ein paar Monaten beschlossen, ganz mit dem 'Caning' aufzuhören.«

In ihrer Zeit in Ghana hat die 19-Jährige schon einige besondere Momente erlebt. »Besonders schöne Erlebnisse habe ich zum Beispiel in der Schule, wenn meine Schüler mir am Morgen freudestrahlend entgegengelaufen kommen und mich mit einem »Madame today you look sooo beautiful!« begrüßen.« Ein Höhepunkt für Anna war dann vor allem, als ihre Familie über Weihnachten zu Besuch gekommen ist und sie ihnen ihn »ghanaisches Leben« zeigen konnte.

Mit den anderen Freiwilligen kommt Anna ebenfalls sehr gut zurecht. »Wir unternehmen auch viel zusammen. Die gemeinsamen Erlebnisse und Herausforderungen schweißen natürlich zusammen und es ist schön, immer wieder offenen und gleichgesinnten Menschen zu begegnen. Ich hoffe, dass ich mit den Freiwilligen aus meiner Organisation auch nach diesem Jahr noch in Kontakt bleiben kann.«

Auch Ghana konnte die 19-Jährige schon erkunden. »Vor allem an der Küste und auch im Westen und in der Region um den Volta habe ich schon viele Orte gesehen. Im Norden war ich bisher erst einmal, als wir den größten Nationalpark des Landes besichtigt haben.«

Anna weiß, dass sich ihre Zeit in Ghana dem Ende zuneigt. »In den kommenden Monaten freue ich mich vor allem darauf, noch einmal Zeit mit meiner ghanaischen Klasse zu verbringen, da mir die Kinder sehr ans Herz gewachsen sind und ich mich auch mit meiner Klassenlehrerin sehr gut verstehe. Im Juni kommt außerdem noch eine Freundin zu Besuch, worauf ich mich natürlich auch schon freue.« jal

»Medizinische Maßnahmen sind kostspielig«

In Ghana hat Anna Haitzer auch ein besonderes Herzensprojekt gefunden: Seit Anfang ihres Freiwilligendienstes betreut sie die neunjährige Blessing – ein herzkrankes Mädchen aus ihrer Klasse. »Da es der Familie bis jetzt aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht möglich war, Blessing medizinische Hilfe zukommen zu lassen, versuche ich, das Mädchen durch verschiedene Spendenaktionen zu unterstützen«, so die 19-jährige Ruhpoldingerin.

Uns erzählt sie, wie sie Blessing und ihre Familie kennengelernt hat. »Von Anfang an ist mir aufgefallen, dass das Mädchen ruhiger ist als die anderen Kinder und sich trotz ihrer Bemühungen in einigen Fächern schwer tut.« Von der Klassenlehrerin hat Anna dann erfahren, dass Blessing krank ist – und beschlossen, ihr zu helfen.

»Blessing lebt mit vier Geschwistern und ihrer Mutter zusammen. Zu ihrem leiblichen Vater hat sie keinen Kontakt mehr. Nach eigener Aussage hat ihre Mutter einen neuen Ehemann, den ich allerdings noch nicht kennengelernt habe. Benedicta, Blessings jüngere Schwester, ist auch in meiner Klasse und zeigt mir, was für ein aufgewecktes und aktives Mädchen Blessing ohne ihre Krankheit sein könnte.« Mit ihrer Mutter hat die 19-Jährige alle Krankenhausbesuche und medizinischen Maßnahmen für Blessing abgesprochen – allerdings ist die direkte Kommunikation schwierig, da die Frau fast kein Englisch spricht. Mit der Übersetzung helfen Anna deshalb die Schulleiterin und ein weiterer Lehrer, der auch alle Krankenhausbesuche mitorganisiert und begleitet.

Wie Anna weiter erzählt, unterscheidet sich das medizinische Versorgungssystem in Ghana grundlegend von dem in Deutschland. »So ist es zum Beispiel nicht selbstverständlich, dass jeder eine Krankenversicherung hat und bei Beschwerden zum Arzt gehen kann.« Auch normale Hausärzte wie bei uns gebe es nicht. »Wenn jemand krank ist, geht er ins Krankenhaus. Viele Menschen – darunter auch Blessing, besitzen zwar eine 'Health Insurance Card', diese hilft ihnen aber nur dabei, einfache Medikamente wie Schmerzmittel kostenlos zu bekommen. Größere medizinische Maßnahmen sind durchaus kostspielig und daher für viele gar nicht oder nur durch hohe Verschuldung erschwinglich.«

Wie die 19-Jährige weiter berichtet, ergeben sich bei den Krankenhausbesuchen oft lange Wartezeiten; auch gebe es keine Garantie, dass man noch am selben Tag zum Arzt vorgelassen wird. »Da es im Gegensatz zu deutschen Arztpraxen kein Anmelde- und Terminsystem gibt, warten Patienten teilweise tagelang in den Krankenhäusern, bis sie behandelt werden.«

Blessing ist Anna inzwischen sehr ans Herz gewachsen und sie würde der Neunjährigen gerne helfen. »Für Menschen wie Blessing, die an einer schweren Krankheit leiden, ist es wirklich nicht einfach, die notwendige medizinische Versorgung zu bekommen, weshalb das Mädchen und seine Familie dringend auf Spenden angewiesen sind.«

Wer Blessing unterstützen möchte, wendet sich am besten direkt an Anna Haitzer (E-Mail: anna@wundergraben.de) – sie gibt gerne weitere Informationen oder stellt einen Kontakt zur Schulleiterin her, die sich nach Annas Rückkehr nach Deutschland um Blessings weitere medizinische Versorgung kümmern wird. »Natürlich werde ich trotzdem mit ihr in Kontakt bleiben und sichergehen, dass das Geld am richtigen Ort landet.«

Und dann hatte Anna auch noch ein sehr schönes Erlebnis mit Blessing, das gezeigt hat, dass es sich lohnt, um die Gesundheit der Neunjährigen zu kämpfen: In der Schule hat sie – obwohl sie sich sehr schwer tut – in einer Science-Schulaufgabe ein sehr gutes Ergebnis erzielt. »Ihr Erstaunen und ihre Freude, als ich ihr das Ergebnis gezeigt habe, haben mich sehr berührt.« jal