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Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis im virtuosen Duett

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Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis begeisterten bei ihrem Konzert im Großen Festspielhaus in Salzburg.

Wie weggewischt war alle miese Stimmung, die der »Salzburger Schnürlregen« bei den Festspielbesuchern hinterlassen hatte, als Anne-Sophie Mutter auf die Bühne des Großen Festspielhauses in Salzburg trat, um mit dem eigens für sie komponierten Violinen-Solokonzert »La Follia« von Krzysztof Penderecki, bei diesem Konzert in Österreich erstmals aufgeführt, ein brillantes, Herbert von Karajan gewidmetes Konzert zu eröffnen.


Der 1933 in Polen geborene Penderecki, selbst ein hervorragender Geiger, machte insbesondere in der Zeitspanne von 1960 bis 1970 mit Orchesterkompositionen, die durch extreme Ausdruckswerte »und mitunter bis an die Grenze des Spielbaren getriebenen Klangereignisse« (Mark Schulze Steinen) von sich reden. Wie er selber resümiert, bestimmt die Synthese aus dieser experimentellen Phase und der Beschäftigung mit alter Musik seither sein Schaffen.

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»La Follia«, von Anne-Sophie Mutter im Dezember 2013 uraufgeführt, beginnt zunächst in einem pizzicato in Variationen vorgestellten Sarabanden-Thema. In der Folge greift Penderecki aber eine Tradition aus dem Barockzeitalter auf die der Solistin alle klassischen Spieltechniken und Ausdrucksformen wie etwa Doppelgriffe, Vibrato, Arpeggien, Flageoletts oder Pizzicati abverlangt. Schier unbeeindruckt von diesen technischen Anforderungen bewegt sich die Künstlerin an diesem Vormittag mit einer verblüffenden Leichtigkeit auf ihrer Violine durch das Solostück, flankiert von einer nicht übertriebenen, aber ausdrucksstarken Körpersprache. Für die Zuhörer lässt die Komposition keinen Raum zum Ausruhen oder Innehalten, reißt sie in viele Extreme und lässt sie am Ende mit dem Schlusston im Ungewissen stehen.

Nach diesem brillanten Soloauftritt bestreitet der 1946 in Philadelphia geborene, amerikanische Pianist Lambert Orkis das weitere Konzert an der Seite von Anne-Sophie Mutter. Bereits seit 1988 ist Orkis Klavierpartner der Geigerin, mit der er in aller Welt auftritt. 1990 debütierte er bei den Salzburger Festspielen. Das erste gemeinsam vorgetragene Stück, die Sonate für Klavier und Violine Nr. 21 e-Moll KV 304 komponierte Wolfgang A. Mozart im Frühsommer des Jahres 1778 in Paris als Teil einer Serie von Sonaten. Die Anlage in Moll schreibt man einer kompositorischen Reflexion mit dem damaligen Opernleben in Frankreich und der geführten Auseinandersetzung mit den streng gehaltenen Opern von C. W. Gluck und den gefeierten Opern des Italieners Niccolò Piccinni zu, denen Mozart so ein unparteiisches musikalisches Zeugnis ausstellt.

Im starken Kontrast zum vorangegangenen Solostück beginnt die Sonate feierlich, festlich, fein-tragend mit tänzerischen Elementen, welche die Geigerin und ihr Klavierpartner in einer wunderbaren Harmonie vortragen. Der zweite Teil ist geprägt von vielen bewegten Passagen mit Soloparts auf dem Klavier, aber auch von filigran feinfühligen Einstiegen der Geigerin. Beide Interpreten verstehen es vorzüglich, das Werk nicht nur in einer bestechenden Dynamik und Synchronität zu intonieren, sondern Gefühle authentisch über die Körpersprache und Mimik zu transportieren. Tosender Applaus ist der Dank dafür.

Mit der Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier von Andrè Previn (1929 in Berlin geboren), stand eine zweite Komposition auf dem Programm, die in Österreich erstmals aufgeführt wurde. Previn, der mit seiner Familie 1938 vor der Naziherrschaft fliehen musste, machte in Amerika als Jazzpianist und Filmkomponist Karriere, leitete aber im Bereich der klassischen Musik unter anderem große Orchester dort oder in Europa etwa das London Symphony Orchestra. Die Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier wurde ebenfalls im Dezember 2013 von Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis uraufgeführt.

Bestechend unkompliziert kommt in der Komposition die Liebe zu den unterschiedlichsten Klangwelten und musikalischen Ausdrucksformen beider Instrumente prägnant zum Tragen und lässt der Musizierfreude breiten Raum. Gewohnt präsent und engagiert lassen Mutter und Orkis erneut ihre Soli, gemeinsame Läufe, dramaturgische Zuspitzungen, dissonante Klagen, feine tragende wie jazzige Elemente in einer faszinierend virtuosen, homogenen Art des Ausdrucks in den Konzertraum des Großen Festspielhauses hinein erklingen.

Als Abschluss des Solistenkonzertes steht schließlich die bekannte Sonate für Violine und Klavier Nr. 9 A-Dur op. 47, die »Kreutzersonate« von Ludwig von Beethoven auf dem Programm. Beethoven komponierte diese Sonate in Anlehnung an das gleichnamige Werk des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi, in dem er eine Ehetragödie mit tödlichem Ausgang beschreibt. Die Sonate beginnt mit einer langsamen Einleitung, mit der sich Anne-Sophie Mutter gefühlvoll auf den sich anschließenden Presto-Abschnitt zu bewegt, in dem Beethoven der Violine und dem Klavier neue Wege des Zusammenspiels, ungeahnte dramatische Stilelemente und Möglichkeiten zu starken Kontrasten ermöglicht. Im raumgreifenden Mittelsatz wird das Thema eher konventionell und locker immer wieder in verschiedensten Variationen von beiden Instrumenten aufgegriffen.

Der Schlussabschnitt ist wieder in Presto notiert, von musikalischem Augenzwinkern und einer hörenswerten Balance zwischen beiden Instrumenten und Interpreten geprägt, die noch einmal alle Register ihres brillanten, virtuosen Könnens aufblitzen ließen. Mit euphorischem, minutenlangen Applaus holten die begeisterten Zuhörer Anne-Sophie Mutter und ihren Klavierpartner Lambert Orkis mehrmals auf die Bühne zurück und rangen ihnen so schließlich noch drei virtuose Zugaben ab. Werner Bauregger