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Anspannung statt Spannung

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Unser Bild zeigt das Beni-Schmid-Jazz-Trio mit (von links) Kontrabass Georg Breinschmid, Geiger Benjamin Schmid und Akkordeonspieler Stian Carstensen.

Warum Razvan Popovici, der Künstlerische Leiter des Chiemgauer Musikfrühlings, bei seiner Ansage des Beni-Schmid-Jazz-Trios ein T-Shirt trug, auf dem drei Männer mit nacktem Oberkörper beim Tischtennis zu sehen sind, warf gleich zu Beginn des Konzerts in der Traunsteiner Klosterkirche eine Frage auf.


Auf die Antwort musste man nicht lange warten und sie war amüsant: Das Foto zeige Robert Redford, Paul Newman und einen Dritten, Unbekannten, beim Tischtennisspiel während einer Drehpause für den Western »Buch Cassidy and the Sundance Kid«, schmunzelte Popovici und sponn damit den Bogen zu dem Trio, das ja auch irgendwie ein Enfant Terrible der Musikszene sei, Gesetzlose, sozusagen. Man durfte also gespannt sein.

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Atemberaubende Geschwindigkeit auf ihren Instrumenten, Kontrabass, Akkordeon und Violine, die jeder Gesetzmäßigkeit zu trotzen schien, war einer der ersten Eindrücke, die man an diesem Abend sogleich respektvoll hatte. Wie bei einem Ping-Pong-Spiel – das Bild ist einfach zu schön – der Weltbesten, schmetterten Benjamin Schmid, Violine, Stian Carstensen, Akkordeon, und Georg Breinschmid, Kontrabass, im Laufe des Konzertabends gefühlte Milliarden Töne virtuos auf der Bühne hin und her, her und hin, dass es einem schon nach kurzer Zeit im Kopfe schwindelte.

Auch machten sie sich wiederholt der musikalischen Grenzüberschreitungen schuldig. Fast sämtliche Genres der Musikkultur wurden zitiert oder im schnellen Wechsel eingearbeitet. Stücke gingen unmerklich ineinander über und die Basssaiten schnalzten bisweilen laut wie Pistolenschüsse. Auf Freejazz-Gewitter und Swing folgten sonnig-selige Aufhellungen schmachtend-wimmernder Zigeunermusik. Dazu gesellte sich Wiener Schrammel-Musik zu Barock-Rock und Klassik, ja die Stile begegneten einander auf Augenhöhe und steigerten sich gemeinsam in einen leider manchmal etwas schwatzhaften polyphonen Rausch.

Dann folgten manch neckische Straßenbuben-Pfiffelei und ein wenig Gaudi untereinander, die dem Publikum wohl suggerieren sollte: »Wir tun doch nichts, wir wollen nur spielen.« Doch das war beileibe nicht so, fühlte man sich doch schon nach der ersten Hälfte des Konzerts wie »erschossen«. Auf ihrem musikalischen Parforce-Ritt hatten sie unter anderem »Nuages« von Django Reinhardt, das Prelude von Johann Sebastian Bach, Kompositionen des Kontrabassisten Georg Breinschmid und »3Odd Seasons by Vivaldi« und »Youkali« von Kurt Weill dabei.

Das alles war eine wahre Stampede, die mächtig Staub aufwirbelte und einen irgendwie ratlos zurück ließ. Ratlos deswegen, weil man nicht wusste, warum man das alles trotz zweifelloser Höchstleistung der Musiker nun einfach nicht genießen konnte. Man fühlte Anspannung statt Spannung, die Sehnsucht nach weniger chaotisch auf einen einstürmende Musikzitate und nach mehr Struktur.

Am Ende des Konzertabends gab es dann als Zugabe quietschsüße Schrammelmusik, eine zynische Persiflage auf das Wiener Schrammellied »Du alter Stephansdom« in der Bearbeitung von J. Brandl und Fritz Kreisler. Doch da hatten sich der überforderte Verstand und die bis zum Bersten gefüllte Aufnahmeregion des Gehirns bereits zu weit zurückgezogen, um das noch lustig zu finden. Kapitulation! Barbara Heigl