Anstatt Haft: Libanese fährt lieber Auto

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Jugendrichter Winfried Köpnick riet dem Angeklagten, die Zeit in Haft zu nutzen. (Foto: Hannes Höfer)

Laufen – Ein PS-starker BMW oder ein schnittiger Wagen vom Autovermieter. Der 19-jährige Libanese liebt sportliche Autos. Und fährt damit viel zu schnell, unter Alkohol und ohne Führerschein. Vier von mehreren Fahrten waren am Laufener Jugendschöffengericht angeklagt. Weil der Asylbewerber aus dem Landkreis Altötting derzeit zwei Jahre und zwei Monate in der JVA Laufen-Lebenau absitzt, kamen nun weitere zehn Monate hinzu.


Schon sein Asylantrag basierte auf einer Lüge: Als unbegleiteter Jugendlicher, dessen Eltern angeblich bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, war der Angeklagte 2015 mit einem jüngeren Bruder nach Deutschland gekommen. Tatsächlich war es der Vater, Anwalt und Richter im Libanon, der seine beiden Söhne nach Deutschland geschickt hatte. Den Angeklagten unterstützt er monatlich mit rund 1000 Euro.

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Bei deutschen Frauen scheint der schlanke und großgewachsene Mann gut anzukommen. Von ihnen bekam er Geld und Autos. Eine 28-Jährige schenkte ihm inzwischen einen Sohn.

Beleidigungen, Diebstähle, Drohungen mit dem Tod und Körperverletzungen führten 2019 am Amtsgericht Altötting zu einer Strafe von drei Jahren und drei Monaten. Die Berufungskammer am Landgericht Traunstein sah hingegen nicht alle Anklagepunkte bestätigt – darunter ein Messerschnitt in den Hinterkopf eines Kontrahenten – und entschied auf eineinhalb Jahre, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.

»Diese Chance hätten sie nutzen müssen«, sagte Vorsitzender Richter Winfried Köpnick zum Angeklagten. Doch der stieg weiterhin in schnelle Autos. Dieses mehrfache Fahren ohne Fahrerlaubnis brachte ihm schließlich eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten. Auch dagegen hatte der Libanese Berufung eingelegt, allerdings erfolglos.

Doch anstatt die Haftstrafe termingerecht anzutreten, nutzte der Asylbewerber seine selbst gewählte »Freiheit«, um weiter Auto zu fahren. Zum Beispiel in Freilassing, Palling, Neuötting und Burghausen. »Fast wöchentlich habe ich Anklagen auf den Tisch bekommen«, berichtete Staatsanwältin Ulrike Lechner über diese Zeit, weshalb Köpnick bei den vier aktuell angeklagten Straftaten von der »Spitze des Eisberges« sprach. Zuvor war der Libanese, der nach eigener Angabe keinen Aufenthaltstitel hat, aufgrund seines Verhaltens aus sechs Einrichtungen und fünf Schulen dauerhaft verwiesen worden. Kaum in der Lebenauer Haftanstalt, stellte er einen Antrag auf vorzeitige Entlassung. Der Bericht von dort fiel durchaus ambivalent aus: »Er will immer Recht haben und hat für alles eine Erklärung. Prahlerisch und ohne Schuldgefühle.« Andererseits greife er als »Platzhirsch« mitunter schlichtend in Auseinandersetzungen ein.

»Keine zwei Wochen nach Rechtskraft eines Urteils passiert es schon wieder«, verwies Ulrike Lechner auf die enorme Rückfallgeschwindigkeit, aber auch auf die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer. Dabei sei der Libanese mit den 1 000 Euro seines Vaters und den 350 Euro vom Staat durchaus privilegiert. »Ein Rentner, der ein Leben lang gearbeitet hat, hat weniger.« Die Lügen des Angeklagten seien schon bei seiner Einreise losgegangen, so die Staatsanwältin, die eine Gesamtjugendstrafe von drei Jahren beantragte. Von einem »gestörten Verhältnis zu allem was vier Räder hat« sprach Rechtsanwalt Stefan Probst, der aber gleichwohl einen »Ansatz für eine Verhaltensänderung« erkennen mochte. »Er meint es ehrlich, das kaufe ich ihm ab.« Der Verteidiger würdigte »die interessante Reise ins Morgenland zu einem schillernden Vater, der seinen Sohn ins Abendland geschickt hat.« Probst erachtete einen Aufschlag von sechs Monaten für ausreichend und bat um eine nicht zu lange Führerscheinsperre.

Richter Köpnick hatte schon während der Verhandlung festgestellt, dass sich der Libanese »realistischerweise auf ein Leben als Fußgänger einstellen« müsse. Der Vorsitzende zeigte sich mehrmals genervt vom Redefluss des Angeklagten und dessen Klagen über die »eigene Dummheit«. – »Das reicht mir als Erklärung nicht«, entgegnete Köpnick, »würde man alle Dummen einsperren, wäre das Land entvölkert.«

Das Schöffengericht folgte dem »sehr maßvollen« Antrag der Staatsanwältin und schlug zehn Monate auf insgesamt drei Jahre drauf. »Wir wären auch höher gegangen«, deutete Köpnick die Überlegungen seines Gremiums an. Sein Eindruck: »Die Wahrnehmung des Angeklagten entspricht offenkundig nicht der von anderen Menschen.« Die Sperre für das Erlangen eines Führerscheins beträgt mindestens vier Jahre. Nach kurzem Überlegen nahm der Libanese das Urteil an. Köp-nick riet ihm: »Nutzen sie die Zeit in Haft und machen sie das Beste draus.«.

Hannes Höfer

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