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Aribert Reimanns »Lear« erstmals bei den Festspielen

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Reflektierten über die Aktualität der Oper »Lear«: (von links) Simon Stone, Aribert Reimann und Franz Welser-Möst. (Foto: Festspiele/ Anne Zeuner)

Zur Neuinszenierung von Aribert Reimanns Oper Lear, die am morgigen Sonntag 20. August als letzte spannende Festspielpremiere in der Felsenreitschule gezeigt wird, haben der Komponist, der Dirigent Franz Welser-Möst und der Regisseur Simon Stone in einem Pressegespräch, das Wolfgang Schaufler moderierte, Meinungen zur Produktion ausgetauscht.


Reimanns »Lear« der 1978 in München uraufgeführt wurde und seither 28 Neuinszenierungen erlebt hat, wird in diesem Sommer erstmals in Salzburg gespielt. Es ist die 78. Oper im Repertoire von Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker schenken sich dieses Stück selbst zum 175. Jubiläum, wie Präsidentin Helga Rabl-Stadler anmerkte. Der Regisseur Simon Stone, der als Filmregisseur erfolgreich ist und mit dem »Lear« seine dritte Oper inszeniert, geht im Anschluss an die Salzburger Premiere nach Hollywood. Stone wurde 1984 in Basel geboren und wuchs in Australien auf.

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Aribert Reimann berichtet, dass es Dietrich Fischer-Dieskau gewesen sei, der ihn bereits 1968 auf das Lear-Thema angesprochen habe. »Zuerst habe ich gesagt, ich kann das nicht machen, es 1971 aber dann doch für möglich gehalten, Shakespeares »King Lear« zu vertonen und habe mich eingehender mit dem Stoff beschäftigt«, erzählt Reimann. Er habe dann Claus H. Henneberg gebeten, das Libretto zu schreiben und es wurde die alte Übersetzung von 1777 von Johann Joachim Eschenburg als Vorlage gewählt, die Shakespeare viel näher komme als die spätere romantische Schlegel-Tieck-Übersetzung. »Ich wollte Jean-Pierre Ponelle als Regisseur, der mir mit der wichtigen Bemerkung geholfen hat, immer daran zu denken, dass es im Orchester hörbar sein müsse, was in den Köpfen der Zuhörer vor sich geht beim Hören und Sehen der Oper«, sagt Reimann und betont, dass er nie vorher und nachher mit einem anderen Regisseur so eng zusammengearbeitet habe wie mit Ponelle.

Jede bisherige Inszenierung sei komplett anders gewesen, »jedes Mal eine andere Welt, die sich von mir weg selbstständig gemacht hat, mich dann aber überzeugt hat und ich dachte, es kann gar nicht anders sein. Auch diesmal habe ich diesen Eindruck«, so Reimann.

Franz Welser-Möst hält den »King Lear« für Shakespeares grausamstes Stück. Die Musik reflektiere das. Es sei eine zutiefst psychologische Musik, die Grausamkeit und Einsamkeit veranschauliche, eine Musik, die unter die Haut gehe, die physisch direkt und unmittelbar sei und dabei unglaublich vielschichtig. Ganz wichtig sei bei diesem Stück, dass man jedes Wort verstehen könne und Reimann habe es so genial gelöst, dass die Sänger nicht im Orchester ertrinken müssen. Die Breite der Felsenreitschule helfe dem Klangbild, weil das auf die Seiten verteilte Schlagwerk die Klänge auffächere, sodass man nachvollziehen könne, was gesungen wird.

Wie passt die Shakespeare-Thematik heute in unsere Zeit? Welser-Möst sagt: »Das Geniale ist, dass die Probleme, die Shakespeare behandelt, nichts an brennender Aktualität verlieren. Den Personen im Lear kann man auch einige heutige Figuren zuordnen. Zwar hat sich die Welt verändert, aber es passieren immer wieder die gleichen Dinge und die Geschichte wiederholt sich. Wir müssen uns schon Gedanken machen, wie wir uns zu gewissen Problemen stellen und es sind Probleme, die die Menschheit nie in den Griff bekommt. Deshalb ist es ein absolut brennendes zeitgemäßes Stück, sowohl im Text als auch in der Musik.« Große Kunst sei immer dazu da, darüber nachzudenken, wie man sein eigenes Leben gestalten wolle. Das Stück gebe einen Impuls, sich mit Abhängigkeitsverhältnissen auseinanderzusetzen. Das Festspielthema »Macht« habe viel auch mit dem Begriff Freiheit zu tun, mit der individuellen, aber auch der kollektiven Freiheit.

Es gebe kaum ein Stück, das nach wie vor so aktuell ist, sagt Simon Stone. Zwischen Musik und den Charakteren gebe es keine Trennung. »Meiner Meinung nach hat Reimann das ideale Werk geschrieben, um den Lear-Stoff zu verstehen«, sagt Stone. »Ich habe so viele Inszenierungen von Shakespeares King Lear gesehen, in denen ich den Kern des Stoffes nicht verstehen konnte. Bei ihm ist es die Musik, die den Wahnsinn enträtselt. Die Musik klärt diesen Wahnsinn auf und antwortet zeitlos auf den Inhalt dieses Stückes.« Lears Tochter Cordelia sei diejenige, die die Wahrheit spricht. »Das ist für mich die Hoffnung! Den Mut zu haben, die Wahrheit zu sagen, wenn alle anderen bereit sind das zu tun, was von ihnen erwartet wird«, bekräftigt Stone. Elisabeth Aumiller