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»Armut gibt's das ganze Jahr über«

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Ehrenamtliche Helfer – wie hier bei der Münchner Tafel – verteilen Woche für Woche gespendete Lebensmittel an ihre Gäste. Auch in Traunstein gibt es 50 bis 60 ehrenamtliche Helfer, die sich für Mitbürger in Not einsetzen. Foto: dpa

Traunstein – »Momentan geht sich's ganz gut um«, sagt Claudia Haider, Vorsitzende des Vereins Traunsteiner Tafel, »aber wir haben schon auch Zeiten, in denen wir ganz wenig haben.« So dankbar sie für die große Unterstützung besonders zur Weihnachtszeit ist – so sehr würde sie sich die Unterstützung mit Spenden auch im Sommer wünschen, »denn Armut gibt's das ganze Jahr über«.


An vier Tagen pro Woche holen Mitarbeiter der Traunsteiner Tafel Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, aber noch gut sind, bei fast allen Traunsteiner Supermärkten, bei einem in Ruhpolding und einem in Waging ab. Die Pidinger Molkerei spendet Milchprodukte, heimische Bäcker und Metzger helfen nach Kräften. Um die 40 Mitglieder hat der Verein derzeit, Helfer sind es 50 bis 60 »inklusive der Fahrer und der Mitarbeiter der Diakonie«, so Haider. Mit dem gesponserten Kühlfahrzeug und einer eigenen Kühlzelle ist die Traunsteiner Tafel ihrer Meinung nach derzeit ganz gut aufgestellt.

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267 Bedürftige, darunter 92 Kinder

So gut, dass sie – anders als andere Tafeln – sogar noch ein paar Leute mehr versorgen könnte. Derzeit sind es – allein in Traunstein, Siegsdorf und Ruhpolding – 267 Menschen, die laut Haider »Woche für Woche geduldig um Lebensmittel anstehen, und das hier bei uns«. Darunter sind 92 Kinder, deren Eltern sie ohne die Tafel kaum vernünftig ernähren könnten – eine Zahl, die nicht nur Claudia Haider persönlich betroffen macht.

Senioren, die ein Leben lang gearbeitet haben und nun keine oder eine zu geringe Rente haben, um davon leben zu können, gehören zu den Tafel-Kunden; ebenso wie manche Alleinerziehenden, die wegen der Kinder vielleicht nur in Teilzeit arbeiten können. Einzelschicksale kennt Claudia Haider kaum – »die meisten wollen nicht über ihre Probleme und Schicksalsschläge reden. Ich weiß nur zum Beispiel 'Familie mit drei Kindern', aber nicht, ob das Buben sind oder Mädchen, auch nicht, wie alt die Kinder sind.«

Ganz schlimm findet sie das Wissen, dass die Dunkelziffer der Betroffenen deutlich höher ist, als die Zahl derer, die tatsächlich kommen. »Die Scham ist unglaublich groß. Es könnte ja wer dabei sein, der einen erkennt. Dabei ist der oder die ja in der gleichen Lage«, so Haider. »Da gibt es überhaupt keinen Grund, sich zu schämen.«

Umso mehr freut sie sich für jeden, der aus eigener Kraft wieder auf die Füße kommt und sich dankbar und stolz von der Tafel abmeldet. »Aber diese Dankbarkeit ist wirklich schön zu sehen. Manche Leute beten jeden Tag, dass es die Tafel möglichst noch lange gibt. Und unsere Gäste freuen sich über alles, auch über Nikoläuse, die es erst Mitte Januar gibt.«

Die Tafel ist allerdings keineswegs ein Vollversorger. Erstens soll sie – zumindest jüngeren Menschen, die wieder eine Arbeit finden können – möglichst nur vorübergehend helfen, zweitens ist das Angebot auch nicht völlig kostenlos: »Wer zu uns kommt, muss einen Euro zahlen. Doch selbst das haben manche nicht. Aber ich finde das sehr berührend, zu sehen, wie sie dann die Woche drauf zwei Euro zahlen, wenn's wieder leichter geht oder auch mal fünf Euro im Voraus, damit sie nichts schuldig bleiben müssen.«

Alles außer Frischfleisch und Tiefkühl-Ware

Am Montag und Mittwoch ist grüner Markt, »da gibt's nur Obst und Gemüse«, erklärt Claudia Haider. Am Freitag gibt es auch alles andere, »außer Frischfleisch und Tiefkühl-Ware. Das können wir nicht leisten aus Kapazitätsgründen und wegen der Hygiene-Vorschriften.« Selbstverständlich werden die Lebensmittel-Spenden immer genau durchgeschaut, alles läuft strengstens hygienisch ab, alle Mitarbeiter sind entsprechend geschult.

Die Kunden sind in drei Gruppen aufgeteilt. Jeden Freitag kommt eine andere Gruppe im Wechsel als erstes dran. Besonders im Sommer kann es da für die dritte Gruppe bei frischen Lebensmitteln schon mal knapp werden. »Da merkt man dann, dass die Supermärkte weniger frische Sachen bestellen«, so Haider. »Dementsprechend bleibt auch weniger übrig.« Und dazukaufen darf sie diese Dinge nicht. Denn das ist einer der Grundsätze des Tafel-Gedankens.

Da sind gut lagerbare Grundnahrungsmittel hilfreich wie Reis und Nudeln, »auf die müssen wir halt dann zurückgreifen«. Diesen Vorrat stockt zum Beispiel der Mütterverein Haslach jedes Jahr mit einer Spende von 800 Euro auf. Aber auch andere Initiativen, der Lions-Club, die Sparkasse, Schulen und Kindergärten unterstützen die Tafel immer wieder. »Wenn ich dann die Sachen abhole, ist mein Auto voll, auch wenn jedes Kind nur ein Ding spendet«, sagt Claudia Haider.

Berührend findet sie auch die Fragen der Kinder: »Zum Beispiel im Kindergarten Chieming. Auf die Frage, ob die Kinder, die zur Tafel kommen, hungern und in einer kalten Wohnung sitzen müssen, habe ich ihnen erklärt, dass sie das nicht müssen. Aber dass zum Beispiel manche kein richtiges Pausenbrot mitnehmen können. Ganz betroffen hat dann ein Vorschulkind gesagt, 'und ich hab' meins vorhin weggeschmissen, weil's mir nicht geschmeckt hat'. Auch dazu sind solche Besuche gut, um schon Kindern den Wert von Lebensmitteln zu erklären.«

An Weihnachten kann die Tafel ausnahmsweise auch mal kleine Extras ein- packen, wie etwa gespendete Kosmetik, Süßigkeiten, mal ein Pfund Kaffee, Plätzchen oder auch Stollen. Spielsachen oder Gewand für die Kinder darf sie allerdings nicht annehmen. »Dafür gibt es andere Hilfs-Organisationen wie zum Beispiel 'die im Dunkeln sieht man nicht'.«

»Wer für die Tafel arbeitet, denkt anders«

Als sie vor vier Jahren den Vorsitz des Vereins Traunsteiner Tafel übernahm, war Claudia Haider vor allem wichtig, dass die äußerst wichtige Arbeit des Vereins auf alle Fälle weitergeht. Diese Arbeit hat auch ihre persönliche Einstellung verändert: »Wer für die Tafel arbeitet, denkt anders. Wenn mich dann wer fragt, 'du gibst dich mit solchen Leuten ab? Ich könnte das nicht', dann sag ich, 'ja, das tue ich, und zwar ganz bewusst und sehr, sehr gerne'«, sagt Claudia Haider voller Überzeugung.

Und so ist die Frage nach ihrem größten Weihnachtswunsch schnell beantwortet: »Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft umdenkt, dass man auf Bedürftige oder auch auf suchtkranke Menschen nicht so von oben herab schaut. Dann trauen sich vielleicht auch mehr zur Tafel, und niemand müsste sich schämen. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr mit ihnen als über sie sprechen und für jeden ein Lächeln übrig haben. Das hat viel mit Respekt zu tun und mit der Würde, die man dem anderen lässt.«

Es könne ganz schnell gehen und jeden treffen – »und plötzlich ist man selbst auf Hilfsangebote angewiesen.« Wer die Arbeit der Traunsteiner Tafel unterstützen möchte, kann jederzeit eine Spende überweisen auf das Konto mit der IBAN DE47 7109 0000 0008 9327 94, BIC: GENODEF1BGL. coho