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Mehr Chaos und Krach

Auch düster steht ihnen gut: Calexico runderneuert

Frische Spielfreude und Kreativität nach 20 Jahren Bandgeschichte: Die US-Folkrocker von Calexico haben sich zwar nicht ganz neu erfunden, aber immerhin eines ihrer stärksten Alben abgeliefert - mit Songs zwischen Polit-Frust und der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Calexico
Zwischen Schock und Hoffnung: Joey Burns (r) und John Convertino in Berlin. Foto: Britta Pedersen Foto: dpa

Berlin (dpa) - Man hatte sich vielleicht schon etwas zu sehr an diesen gut abgeschmeckten Sound gewöhnt. An diese süffige Calexico-Mischung aus wüstenstaubtrockenem US-Folkrock, lässigen Latin-Rhythmen und pepperoni-heißem Mariachi-Gebläse.

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Wer befüchtete, die besonders in Europa als Album- und Live-Band enorm populäre Multikulti-Truppe habe ihr Potenzial nach rund 20 Jahren inzwischen wohl doch ausgereizt, darf sich nun freuen.

Denn auf ihrem neunten Studioalbum schafft die Formation aus dem Südwesten der USA eine beeindruckende Runderneuerung - ohne ihre Wurzeln und ihr typisches Klangbild zu verraten. «The Thread That Keeps Us» (City Slang) ist das beste Calexico-Werk seit dem triumphalen Durchbruch mit «Feast Of Wire» (2003).

Und zwar gerade weil die 1996 gegründete Band um Frontmann Joey Burns und Weltklasse-Schlagzeuger John Convertino ganz bewusst mit Gewohnheiten brach. «Wir haben etwas mehr Chaos und Krach in den Mix hineingebracht», sagt der Sänger und Gitarrist Burns.

Da bohrt sich schon im Opener «End Of The World With You» eine verzerrte E-Gitarre ins Ohr, während die Rhythmusgruppe furios vor sich hin dröhnt. Dazu singt Burns vom Ende der Welt in einem «Zeitalter der Extreme» - man ahnt, dass diese neue Platte der bewährten Wohlfühl-Band keine allzu optimistische ist. Mit dem düsteren Szenario von «Bridge To Nowhere» und der Schilderung einer «Kriegsmaschine» («Under The Wheels») wird die Ahnung zur Gewissheit: Hier ist das Calexico-Album zur Trump-Katastrophe.

«Wir nehmen natürlich extrem stark wahr, was politisch um uns herum passiert, und das äußert sich dann auch in unseren Songs», sagt Convertino im Berliner Interview der Deutschen Presse-Agentur, das sich rasch zum angeregten Austausch über US-Politik entwickelt. «Schon 'Feast Of Wire' spiegelte vor 15 Jahren die frustrierenden Bush-Jahre. Jetzt wäre George W. Bush ja ein vergleichsweise guter Präsident - obwohl er ein ganz furchtbarer Präsident war.»

Burns schildert, wie er in das Album startete: «Wir erlebten die Amtseinführung von Donald Trump vor einem Jahr bei einem Festival in Glasgow. Das war so niederschmetternd. Aber direkt danach gab es in Washington auch den Frauenprotestmarsch.» Mit diesen gegensätzlichen Gefühlen - Schock über den neuen Mann im Weißen Haus («Rassist und Frauenmissbraucher») und Hoffnung auf bessere Zeiten - habe er sich ans Songschreiben gemacht.

«Wir wollten auch das Leben feiern», fügt Convertino hinzu. «Wir mussten uns abgrenzen von der ganzen Negativität um uns herum, von all den schlechten Nachrichten - schon allein unseren eigenen Kindern zuliebe.»

So finden sich auf «The Thread That Keeps Us» neben wuchtigem Indierock und kantigen Noise-Gitarren auch wieder einige (diesmal aber eher sparsam gesetzte) Lieder mit Cumbia-, Bossa- und Latino-Sounds voller Lebensfreude. Zwischendurch gibt es kurze jazzige Instrumentals und mit «Another Space» einen ziemlich irrwitzigen psychedelischen Soul-Funk-Groove.

In der zweiten Albumhälfte hat die derzeit siebenköpfige Band aus Tucson/Arizona und Berlin (mit dem deutschen Trompeter und Multiinstrumentalisten Martin Wenk) weitere Höhepunkte platziert: den experimentellen Track «Eyes Wide Awake», das raue «Dead In The Water», die sphärische Ballade «Thrown To The Wild». Ganz am Schluss «Music Box», ein zarter folkiger Liebesschwur für schwere Zeiten - zugleich eine Meisterleistung des auch als Sänger immer besser werdenden Joey Burns.

Trotz aller dunklen Untertöne des Albums - diese Musiker sind nicht bereit, sich ihre grundsätzlich positive liberale Weltsicht von Trump und Konsorten nehmen zu lassen. Schon der Bandname zielt ja auf Verständigung und Harmonie ab: Calexico ist nämlich auch eine kalifornische Stadt an der US-Grenze zu Mexiko, ein sogenanntes Kofferwort aus «California» und «Mexico» (ebenso wie auf der anderen Seite Mexicali). Eine Mauer zwischen den beiden Staaten? Nein danke, sagen Burns und Convertino.

Bei der Präsidentenwahl 2020 könne in ihrer Heimat alles wieder ganz anders aussehen, hoffen beide: «Es gibt Silberstreife am Horizont.» Die Calexico-Männer gehen davon aus, «dass der nächste Kandidat der Demokraten eine Frau sein wird». Ganz wie in Deutschland, schwärmen diese hochsympathischen US-Amerikaner im dpa-Interview: «Mama Merkel sollte für uns ein Vorbild sein.»

Konzerttermine im März: 9.3. Hamburg, 10.3. Berlin, 11.3. München, 17.3. Fribourg/Schweiz, 18.3. Zürich/Schweiz, 19.3. Linz/Österreich, 21.3. Stuttgart, 23.3. Köln

Website Calexico