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Auf auf, in Gottes Nam....

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Ende November 2014 jährt es sich zum 40. Mal, dass Annette Thoma, weithin bekannt als die »Schöpferin der Deutschen Bauernmesse« nach einem schaffensreichen Leben in Ruhpolding der Welt für immer »Pfüa Gott« gesagt hat. Geboren wurde sie in Neu-Ulm, in dem für Bayern so schicksalhaften Jahr 1886. Riedering am Simssee erkoren Sie und ihr künstlerisch begabter Ehemann, der Maler Emil Thoma, sich schließlich als Heimat- und Wohnort. Dort haben beide auch ihre letzte Ruhestätte gefunden.


Im Jahr ihres Todes brachte der »Rosenheimer Verlag« die 2. Auflage des Buches »Bei uns«, verfasst von Annette Thoma, auf den Markt, in dem sie einen »Gottesacker« früherer Zeiten eindrucksvoll beschreibt. Dieses Buch ist leider bereits seit langen Jahren vergriffen, obwohl es auch für den Leser unserer Tage von Anfang bis zum Ende lesenswert und spannend ist. In einer Zeit, in der landauf, landab über Brauch und Brauchtum geredet und geschrieben wird kann man darin gleich nach der Inhaltsangabe eine passgenaue Beschreibung dessen vorfinden, was man unter »Brauch« zu verstehen hat. Es heißt da: »Brauch« – das Wort hat Wohlklang und erweckt Ehrfurcht. Es ist die Kürzung des Wortes Gebrauch, ist die zum ungeschriebenen Gesetz gewordene Gepflogenheit«. Kürzer und prägnanter vermag man es kaum ausdrücken.

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In den folgenden Artikeln widmet sich die nicht zu Unrecht mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Verfasserin dem »Bauern«, der in Alltag und Festtag in den immerwährenden Jahresablauf fest eingebunden ist. Eingebunden in den ewig wiederkehrenden Kreislauf von Wachsen, Reifen und Vergehen, begleitet von aufleuchtenden kirchlich geprägten »Hochfesten«, aber auch von Wochen innerer Einkehr, angefüllt mit Schmerz und Trauer. Letztere Empfindungen spiegeln sich in der Schilderung über »s Roos« besonders eindrucksvoll wider. Ein ganzes Dorf nimmt Anteil daran, dass beim »Noidl« die »Fanny«, das jedem Bewohner von der täglichen Arbeit her bekannte Zugpferd, krankheitshalber erschossen werden muss und das in einer Zeit, in der es absolut nicht selbstverständlich war, versichert zu sein.

Dem Thema »Bauerntheater« widmete sich Annette Thoma auf Seite 42 mit einem lachenden und einem weinenden Auge, indem sie aufzeigt, dass sich auf diesem Gebiet früher wie auch heute noch Anspruch und Kitsch über weite Strecken nahtlos ineinander fügen. Mit der ihr eigenen feinen Toleranz stellt sie fest: »Aber man soll nicht zu viel auf einmal wollen! Chemisch reines Wasser wäre unserer Gesundheit unzuträglich und ein Quentchen Kitsch im Absoluten muss wohl sein. Auch draußen im Bauerntheater. Was spielten sie gestern Abend bei uns? Jennerweins Ende!«.

Der Held nahm mich vor der Aufführung beiseit: »Was moanst? Nach dem dritten Akt möchten wir a lebend’s Bild machen, dem Jennerwein sein Grab und sein g’storbens Lieserl, die sich weinend im Totengwand übers Grabkreuz loant und rot beleuchten?« Ich hab nicht nein sagen können, und »viel Leut ham gwoant«. Selbstverständlich ist auch den bäuerlichen Instrumenten ein ganzer Absatz gewidmet. Dabei zeigen bereits die Anfangssätze, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Es heißt darin: »Wenn wir auf einer Wanderung durch unser altbayerisches Land so um Feierabend an einem Bauernhof vorbeikommen und es klingt Hausmusik heraus – etwa Zither, Gitarre, Hackbrett oder gar ein paar Klarinetten –, so wird der Abend mit einem Mal schöner und die Landschaft freundlicher. Hier sei es dem geneigten Leser freigestellt, diesem Erleben die eigenen Hörerlebnisse unserer Tage vergleichend gegenüberzustellen.

Wegweisendes enthält das Buch »Bei uns« auch zur Dialektschreibung. Da stellt die Autorin so treffend fest: »Dialektschreibung ist Glückssache. Nicht umsonst heißt es »Schriftsprache« und »Mundart«. Das eine ist also »Sprache« in der man sich »schriftlich« ausdrückt das andere die »Art« zu »reden«.

Dem folgt im Weiteren noch die Empfehlung, wenn möglich, nahe an der Schriftsprache zu bleiben unter Hinweis auf Ludwig Thoma, mit dem sie aber nur namensverwandt war. Die als richtungweisend zu bezeichnenden Grundgedanken über »Bayerntum und Bayerntümelei«, aber auch zu einem »Merkblatt für die bäuerliche Sommerfrische« möchte man den heute Brauchausübenden und Fremdenverkehr-Verantwortlichen gleichermaßen in ihre »Stammbücher« schreiben.

Bleiben schließlich noch Annette Thomas Kurzaufsätze über den Kiem Pauli und dessen »gesammelte Volksweisheiten«, ein aussagekräftiges Kurzportrait des Gymnasiallehrers und Essayisten Josef Hofmiller und dessen Feststellung:«Altbayrisch ist fein«, eine Huldigung an den von den Nationalsozialisten 1943 in Stadelheim bei München hingerichteten Musikwissenschaftler und Kiem-Pauli-Wegbegleiter Professor Kurt Huber sowie einige Betrachtungen über das religiöse Volkslied allgemein, seine ersten Interpreten und nicht zuletzt über die Entstehung und Verbreitung der »Deutschen Bauernmesse« im Besonderen.

Im Verbund damit widmet sich Annette Thoma dem so segensreichen Freisinger Dombergsingen, zurückgehend auf Franz Niegel, den langjährigen Pfarrer von Unterwössen, der als Theologiestudent in Freising den zündenden Gedanken dazu hatte. Es ist jammerschade, dass es solche Bücher in unserer viel gepriesenen »Informationsgesellschaft« einfach nicht mehr gibt – außer in »antiquarischen Nischen« zu entsprechend hohen Preisen. Siegi Götze