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Auf den Spuren der Gräueltaten des NS-Regimes in Traunstein wandelten Besucher aus Amerika (von links): Madeline Moeller, Elenore Moeller, Bruce Neuburger, Katya Labowe-Stoll, Jaden Labowe-Stoll, Marc und Anna Moeller. (Foto: Strnad)

Auf den Spuren der NS-Gräueltaten in Traunstein

Traunstein – Drei Generationen einer US-amerikanischen Familie kamen am Samstag nach Traunstein, um das ehemalige Wohnhaus der jüdischen Familie Holzer zu besichtigen. Die Familie um Bruce Neuburger reiste nach Deutschland, da in München Erinnerungszeichen für dessen Großeltern Benno und Anna Neuburger eingeweiht wurden. Zwei Schwestern von Anna Neuburger waren mit den Brüdern Benno und Max Holzer verheiratet und lebten in Traunstein – und so begaben sich die US-Amerikaner jetzt auch auf die Spuren der Familie Holzer. Ein Filmteam der BR-Abendschau begleitete ihren Besuch in Traunstein.


Friedbert Mühldorfer von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes zeigte den Gästen zuerst das Wohnhaus der Familie Holzer. Diese war kurz nach 1900 nach Traunstein gekommen. Die Brüder Benno und Max Holzer brachten es als Viehhändler, später auch als Immobilienhändler zu Ansehen. Anfang der 1930er waren sie im Ort gut etabliert, doch ab 1933 änderte sich das merklich. Bei der »Reichskristallnacht« im November 1938 wurde das Haus der Holzers überfallen, manche Familienmitglieder wurden verhaftet, andere konnten untertauchen. Neun Angehörige der Familie wurden in Kaunas, Treblinka, Theresienstadt und Auschwitz ermordet.

Ein besonders emotionaler Moment der Führung stellte sich ein, als Friedbert Mühldorfer einen Stuhl aus dem Haus der Holzers zeigte, der entwendet worden war, als die Familie ihre Rechte verloren hatte. Anschließend besichtigte die US-Familie den Gedenkstein, der an die Holzers erinnert. Und dort erhielt sie eine Führung zum Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung in Traunstein. Es sei ihm wichtig, dass es ein Andenken an die Menschen gebe, die im Holocaust gelitten haben und gestorben sind, sagte Bruce Neuburger, der aus San Francisco angereist war. »Menschen, die in dieses Haus gehen, wissen, dass es mehr ist als nur ein Haus – es hat eine Geschichte, an die erinnert werden muss.« Für ihn und seine Angehörigen sei der Besuch in Traunstein sehr emotional gewesen. »Es ist für mich sehr wichtig, dass meine Enkel und Großneffen und -nichten hier waren, an dem Ort, an dem all diese schrecklichen Dinge passiert sind. Am Klang ihrer Stimmen merkte ich, wie bewegt sie waren. Dieser Besuch wird ihr weiteres Leben beeinflussen.«

Am Montag nahmen die US-Besucher dann an der Gedenkveranstaltung zu Ehren von Bruce Neuburgers Großeltern Benno und Anna Neuburger in der Villa Stuck in der Landeshauptstadt teil. Der Münchner Kaufmann Benno Neuburger hatte seit September 1941 anonyme Postkarten verschickt, in denen er unter anderem Hitlers Massenmord an der jüdischen Bevölkerung anprangerte. Im März 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und am 18. September 1942 im Alter von 71 Jahren hingerichtet. Seine Frau Anna Neuburger ermordete die SS einen Tag später im KZ Treblinka. An der Gedenkveranstaltung nahm auch Münchens Bürgermeisterin Katrin Habenschaden teil.

Anschließend wurden Erinnerungszeichen für Benno und Anna Neuburger in deren ehemaligem Wohnhaus an der Trogerstraße 44 in München-Bogenhausen eingeweiht. Diese Zeichen werden in München seit 2018 von der Stadt an Orten angebracht, an denen Menschen lebten, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Es gibt die Erinnerungszeichen als Wandtafeln an der Fassade oder als Stelen auf öffentlichem Grund. Sie enthalten die wichtigsten Lebensdaten, Angaben zum Schicksal und oft auch Bilder. »Dass es diese Erinnerungszeichen gibt, verändert das Leben meiner Familienangehörigen«, sagte Bruce Neuburger.

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