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»Auf dera Welt is all's verdraht«

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»Auf dera Welt is all's verdraht« singen die Musiker – die Avantgarde-Folk-Gruppe Die Strottern –, während die Schauspieler in ihren schäbigen, wie aus einem Altkleiderdepot geklaubten Gewändern langsam aus dem Orchestergraben hochfahren.


An einen antiken Chor muss man denken, wenn man gleich in der ersten Szene erfährt, wie das damals zugegangen (oder eben nicht zugegangen) ist mit den Aktenbewegungen zwischen Dorfvorsteher und den Ämtern A und B in der Causa »Landvermesser«. Einen solchen braucht's gar nicht im Dorf, aber mach das mal der Bürokratie klar!

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»Auf dera Welt is all's verdraht« – das könnte ein Couplet in einem Nestroy-Stück sein. All's verdraht – das beginnt damit, dass man sich bald fragt: Wo ist eigentlich drinnen und draußen? Innerhalb oder außerhalb des blickdichten Bretterverschlags, der sich trichterförmig nach hinten verengt? Dort hinein hat es jedenfalls den für die Dorfbewohner rätselhaften »K.« also verschlagen. Im Wortsinn ist er hereingeschneit, im Schneetreiben herein gerollt, ganz von hinten bis nach vorne an die Bühnenrampe. Hat ein solcher überhaupt das Recht, da zu liegen und zu schlafen, mitten in der Nacht, ohne ausdrückliche Genehmigung des Schlosses?

Sandy Lopicic, der deutsch-bosnische Musik- und Theatergrenzgänger, lässt »Das Schloss« durchziehen von der wunderbaren Musik der Strottern. Einen Gauner, einen Landstreicher nannte man im alten Wien einen »Strotter« – gar nicht schlecht also die Wahl dieser Gruppe schon von ihrem Namen her. Das Misstrauen der Dorfbewohner ist ja groß gegenüber »K.«, der sich als Landvermesser ausgibt, aber vielleicht doch nichts anderes ist als ein Landstreicher.

Sein Bemühen geht dahin, klare Anweisungen zu bekommen für seine Arbeit – welche auch immer das sein könnte. Aber die Obrigkeit im Schloss und ihr Wille bleiben nebulös. Jeder Annäherungsversuch scheitert an der von Kafka krass persiflierten Bürokratie. Die Beamten sind ungreifbar. Die Kontaktleute stellen sich als (zu) kleine Räder in der Amts-Maschinerie heraus.

Sandy Lopicic kommt von der Musik, von der Theatermusik her. Was da beständig tönt, lautmalerisch überhöhend oder karikierend, von der Drehleier bis zur singenden Säge, verstärkt fein zugespitzte, immer wieder auch mit subtiler Poesie ansprechende Bilder. Aus der Situationskomik, an der es weder Kafkas Roman noch dieser bühnenwirksamen Umsetzung mangelt, destilliert Sandy Lopicic nur ausnahmsweise »kafkaeske« Überdrehtheit. Eher sind es Szenen, die in leisen Tragödien münden.

Die Stärke dieser Roman-Umsetzung ist, dass nichts plump konkretisiert wird. Das von Kafka Unausgesprochene bleibt auch auf der Bühne un-ausgemalt, die Dinge reizvoll in Schwebe. Das braucht schon seine Weile, aber bei über zweieinhalb Stunden Netto-Spielzeit bleibt viel Originaltext stehen. Erzähl-Passagen und Dialogszenen sind zueinander gut gewichtet. Geor Nievelstein al »K.« gibt eine Figur, deren Charakter man so leicht nicht dechiffriert: Erhebt er sich leicht arrogant über die Dorfbewohnern, oder scheitert er als intellektuell besser Situierter vor allem an der Integration im Dorf? Er hat starke Gegenspieler, etwa die allgegenwärtigen »Assistenten« Artur und Jeremias (Sebastian Fischer, Sascha Oskar Weis), die sich in ihren Lederhosen und Uniformjacken mit Amouretten-Flügel ausmachen wie halbgöttliche Sendboten einer Anderswelt.

Das Turngerät Pferd ist ein immobiles Fortbewegungsmittel für Barnabas (Peter Marton). Derselbe Schauspieler darf als Lehrer eine wie von Wilhelm Busch gezeichnete Karikatur spielen. Georg Clementi hat burleske Episoden als Gemeindevorsteher und Sekretär Momus, der mit drei Schreibfedern zugleich für Super-Beflissenheit steht. Werner Friedl hat als wacher Schlaf-Beamter eine burleske Szene. Da fällt der schöne, fatalistische Satz: »Es gibt Dinge, die an nichts als an sich selbst scheitern.«

Den Frauen hat Kafka eine besondere Stellung zugeteilt: Als Liebesdienerinnen haben sie ja am ehesten mit den Beamten vom Schloss Kontakt – das »Schloss« rückt dadurch freilich keinen Zentimeter näher. Die Tragik dieser Figuren – Olga (Claudia Carus), Frieda (Christiani Wetter) oder die Brückenwirtin (Britta Bayer) – kommt am Ende bedrückend heraus, wenn Sandy Lopicic nochmal Lautstärke wegnimmt und Raum gibt für ausgefeilte dialogische Szenen. Reinhard Kriechbaum